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Dannyo

Das ASB trifft Peter Stöger - die Antworten

33 Beiträge in diesem Thema

So, es hat ein bisschen gedauert, aber ich bin davon überzeugt, dass sich das Warten für euch lohnt.

Wir haben hier das ausführlichste "ASB trifft", das wir jemals hatten und ich bin eeendlich mit dem Transkribieren durch :)

Da Peter hier fleißig mitliest möchte ich mich vorweg nochmal für das leiwande Interview bedanken. Hat wieder mal Spaß gemacht!

Ich stelle es jetzt so rein, wie ich es für abseits.at vorbereitet habe, damit ich nicht die ganzen Quotes neu einfügen muss. Manchmal haben Steffo (Stefan Karger) und ich (Daniel Mandl) Zwischenfragen gestellt. Die sind dann auch entsprechend vermerkt. Viel Spaß mit den Antworten! :)

Xaverl Nick: Lieber Herr Stöger, auf welcher Position sehen Sie Alexander Grünwald am stärksten?

Peter Stöger: Auf der zentral-offensiven Position im Mittelfeld. Wenn wir mit einem defensiven und zwei offensiven Mittelfeldspielern in der Zentrale spielen, sehe ich ihn auf einer der beiden offensiven Positionen.

Xaverl Nick: Was gedenken Sie zu tun, um die bereits seit knapp 3 Jahren anhaltende Offensivschwäche bei Standards auszumerzen?

Peter Stöger: Die Schwäche bei Standards macht mich auch wahnsinnig. Es nützt nichts, du kannst es nur immer wieder trainieren. Wir wenden natürlich Zeit dafür auf und haben auch sicher die Leute, die Standards gut schießen könnten. Aber es fehlt noch an der richtigen Abwicklung und auch an der Entschlossenheit.

Daniel Mandl: Ist es demnächst ein Thema, dass Dare Vrsic die Standards ausführt?

Peter Stöger: Das hoffe ich. Ich kannte Vrsic von seinen Spielen gegen die Austria und seine Flanken und Standards gehörten zu seinen großen Stärken, aber momentan ist er noch nicht in der Lage den Ball in der notwendigen Schärfe zu spielen, er wirkt in diesem Bereich sehr verhalten. Er wurde auch mit Schüssen noch nicht gefährlich, sagte, dass er im April Probleme mit dem Knöchel hatte und das scheint er noch ein wenig im Kopf zu haben. Für uns war von Anfang an klar, dass er derjenige sein wird, der die Standards ausführen wird und wenn er sie so schießen würde, wie er es bei Laibach gemacht hat, kann man davon ausgehen, dass er sie auch bei uns schießen wird. Aber die Wahrheit ist momentan, dass er sie noch nicht so bringt.

Xaverl Nick: Trägt die ÖFB Trainerausbildung ihrer Meinung nach viel dazu bei ein guter Trainer zu werden? Oder lernt man das meiste am "Feld" (sprich in der Praxis bei einem Verein)?

Peter Stöger: Wie du in jeder Ausbildung vieles lernst, lernst du auch in der Trainerausbildung vieles. Aber vergleichen wir es so: Jemand, der die Matura oder ein Studium abgeschlossen hat, ist womöglich noch nicht so weit alles in der Wirtschaft perfekt umzusetzen, muss sich also erst mal im „echten“ Job beweisen. Und wenn er diesen Job ausführt, wird er draufkommen, dass das eine oder andere ein bisschen anders läuft, als er es gelernt hat. Ich meine so ist es auch bei der Trainerausbildung und –fortbildung: Du kannst von überall etwas mitnehmen, das zu dir passt, aber du bist damit noch lange nicht ausgelernt.

Breitseite: Wie wird besonders für Sie die Umstellung sein zwischen einer mehr oder minder 180° taktischen und spielausgerichteten Kehrtwende zwischen Wiener Neustadt und der Wiener Austria? Ich kann mir vorstellen, dass auch Sie nicht einfach von heute auf morgen so einfach umschalten können, inwieweit ist hier die Kommunikation entscheidend?

Peter Stöger: Diese Umstellung ist für die Leute wohl deswegen ein Thema, weil wir mit Wiener Neustadt sehr oft zu Null gespielt haben… ok, allerdings nach vorne auch sehr oft :D - man darf aber nicht vergessen, dass wir für Neustädter Verhältnisse nicht außerordentlich viele defensive Spielertypen auf dem Platz hatten. Wir versuchten schon immer wieder mit nur einem 6er zu spielen, zum Beispiel in einem 4-1-4-1, in dem die vier Mittelfeldspieler doch eher offensiv orientiert waren. Die Umsetzung war in Wiener Neustadt halt etwas schwieriger. Es hört sich vielleicht komisch an, aber im Training sind die Unterschiede kaum gegeben. Ich habe auch in Wiener Neustadt versucht bestimmte Spielzüge zu trainieren, was ich auch jetzt mache. In Wiener Neustadt waren wir außerdem sehr kompakt und auch das versuche ich so bei der Austria beizubehalten. Die individuelle Qualität ist bei der Austria natürlich größer, aber wir haben in Wiener Neustadt nicht nur trainiert, wie man Bälle wegschießt und so trainieren wir auch jetzt bei der Austria nicht nur, mit spielerischen Mitteln zum Erfolg zu kommen.

Breitseite: Nennen Sie mir bitte eine Erfahrung/Bereicherung zu jedem ihrer letzten drei Stationen die Sie besonderes gelehrt hat/haben und Sie weiter mitnehmen konnten und können. Mich würd‘s einfach interessieren!

Peter Stöger: Ich habe bei der Vienna gesehen, dass es trotz keines vorhandenen Trainingsplatzes doch möglich ist, Fußballtrainings abzuhalten. Da haben wir halt am Hauptfeld trainiert, man musste in diesem Bereich improvisieren. Beim GAK waren diese Trainingsmöglichkeiten vorhanden und von dort konnte ich mitnehmen, dass man auch in der Regionalliga mit Begeisterung und vielen jungen Spielern ein System umsetzen kann und auch, dass diese jungen Spieler belastbar sind. Außerdem war es in Graz möglich 5.000 – 6.000 Zuschauer zu normalen Ligaspielen zu bringen. In Wiener Neustadt habe ich gesehen, dass es möglich ist einen Bundesligaverein mit einer Hand voll mitarbeitender Personen wirklich gut durch die Saison zu bringen. Und dass es mit einer eingeschworenen Mannschaft, wie ich sie in Wiener Neustadt hatte, möglich ist, auch gegen große Mannschaften wie Austria, Rapid oder Salzburg zu bestehen. Das versuche ich auch hier meinen Spielern zu vermitteln.

Breitseite: Wie sehen Sie die "Neuen" Medien wie das Austrian Soccer Board, 90minuten.at etc. im Bereich Fußball im Vergleich zu den Standard-Print-Medien? Denken Sie, dass diese bislang schon ein wenig die Szene beeinflussen (kritischeres Denken/hinterfragen)? Sie stehen ja dem ASB auch nicht zum ersten Mal zur Verfügung, was ja schon eine gewisse Wertschätzung zeigt...

Peter Stöger: Ich habe meine Meinung in diesem Bereich in den letzten Jahren geändert. Ich glaube, dass es notwendig ist, dass du dich als Trainer in diesem Bereich kundig machst und unterwegs bist. Nicht unbedingt, weil du alles aufgreifen musst, aber weil du doch Strömungen und Tendenzen siehst, vielleicht da oder dort auch etwas mitnehmen kannst. Ich glaube, dass die Neuen Medien sehr großen Einfluss haben, weil sie logischerweise topaktuell sind. Ich sehe es aber teilweise auch etwas kritisch, weil es für jemanden, der im Fußball tätig ist, angenehm ist, wenn er weiß wer das Vis-a-Vis ist. Für Trainer ist es bei Internetplattformen auf jeden Fall gut zu wissen, wer die handelnden Personen dahinter sind, damit man nicht den Eindruck bekommt, dass sich ein Medium hinter der Anonymität des Internets versteckt.

Stefan Karger: Apropos Neue Medien: Du hast ja jetzt auch eine eigene Facebook-Seite…

Peter Stöger: Ja, ich werde die Seite mit zwei Burschen betreuen und versuchen möglichst aktuell Informationen und Aktivitäten zu posten. Einer der beiden ist gerade noch auf Urlaub, aber wenn er wieder da ist, geht’s richtig los!

Breitseite: Gibt es etwas, wo Sie sagen, das hat in Wiener Neustadt nicht ganz so funktioniert (oder überhaupt nicht funktioniert) wie Sie es sich vorgestellt haben?

Peter Stöger: Mit den Personen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte hat alles perfekt funktioniert – da hat wirklich alles gepasst. Was nicht gut war: Diese Mannschaft, die damals als Fixabsteiger galt, hätte es sich verdient, dass zumindest 3.000 oder 4.000 Zuschauer den Weg ins Stadion finden. Wir hatten meistens 1.700, 1.800 Zuschauer – und dass da kein Fortschritt möglich war, war für mich enttäuschend, auch weil der Verein und die Spieler sehr viel in der Region unterwegs waren, zum Beispiel Schulen besuchten um positive Werbung für den Verein zu machen. Der Verein wurde angreifbar gemacht, nachdem in Stronach-Zeiten immer kritisiert wurde, dass Wiener Neustadt ein steriler Klub war. Aber es wollte einfach nicht funktionieren; ich habe immer gesagt, wenn jeder nur einen Freund mitgenommen hätte, wäre das Stadion fast voll gewesen, das wäre ideal gewesen und das hätte sich die Mannschaft auch verdient.

Breitseite: Kann sich ein Herr Stöger eine Zukunft in den Instanzen der österr. Trainer-Fortbildungen/Ausbildungen vorstellen?

Peter Stöger: Ich glaube nicht, dass ich gefragt werde.

Breitseite: Greifen Sie in Ihrem Beruf auf Ideen und Übungen aus anderen Sportarten zu, bzw. wo hinkt man im Bereich der Trainingsmethoden Ihrer Meinung nach anderen Sportarten her? Haben Sie schon einmal versucht Innovatives zu testen oder zu implementieren, oder gab es (noch) nie die Möglichkeiten dazu?

Peter Stöger: Du greifst eigentlich regelmäßig auf Ideen aus anderen Sportarten zu. Viele Vereine haben zum Beispiel Fitness- oder Konditionstrainer, die nicht aus dem Fußball kommen. Viele koordinative Dinge kommen auch nicht „klassisch“ aus dem Fußball, manche intensive Übungen auf engem Raum haben zum Beispiel eine Verwandtschaft zum Handball. Intensive Trainingssteuerung, also kurze und intensive Übungsphasen werden im Eishockey stark trainiert. Also man nimmt schon da und dort etwas mit, aber Fußball ist doch eine sehr spezifische Sache. Du musst einerseits kurz-intensiv trainieren, andererseits über einen längeren Zeitraum sehr ausdauernd sein, Spielintelligenz forcieren, Situationen schnell erkennen – und im Endeffekt lebt es trotzdem davon, dass du von Fehlern des Gegners so schnell wie möglich profitieren musst. Aus dem Boxsport haben wir übrigens noch nichts in unser Training eingebaut.

Lucky Luke: Bei der Austria gibt es so manche Spieler, die permanent mit dem selben Verhaltensmuster negativ herausstechen: beispielsweise Ortlechner mit dummen Fouls in Strafraumnähe, die der Austria schon einige unnötige Freistoßgegentreffer beschert haben oder Jun, der beim geringsten Kontakt mit einem Gegenspieler am Boden liegt, anstatt weiterzulaufen und dadurch oft bessere Möglichkeiten liegenlässt. Ist es möglich, bei diesen älteren Spielern durch gezieltes Training bzw. ständiges Daraufhinweisen, noch Besserung zu erzielen oder muss man sich einfach damit abfinden, dass sie eben diese Schwächen haben?

Peter Stöger: Bei Manuel Ortlechner gab’s dieses Problem in der laufenden Saison gar nicht mehr. Ich kann mich an keine Situation erinnern, wo er durch „unnötiges“ Attackieren einen Freistoß in Strafraumnähe verschuldet hätte. Ich bin ein Trainer, der auch sagt, dass bei Verteidigern kein Körperkontakt von hinten nötig ist. Ich weiß, dass die Spieler in Österreich leicht fallen, ich weiß, dass vieles gepfiffen wird. Wir wollen den gegnerischen Angreifern mit dem Rücken zum Tor durchaus die Möglichkeit geben den Ball anzunehmen und sie erst bei der Drehung zu attackieren. Ein leichtes Stoßen ist etwas, das „gut gemeint“ ist, aber natürlich geht man damit das Risiko ein, ein Foul zu machen. Aber ich denke, dass wir das zuletzt gut unter Kontrolle brachten. Auch Tomas Jun sprach in den letzten sechs Wochen mit seinen Leistungen klar für sich. Er ist schmerz- und verletzungsfrei und ist auf einem guten Weg. Aber wir haben ihm natürlich auch gesagt, dass nicht jeder Kontakt gleichbedeutend damit sein muss, dass er zu Boden geht. Wir versuchen im Training allgemein unsere Stärken zu verbessern, aber klar sichtbare Schwächen oder Defizite, vor allem die, die einfach abzustellen wären, sprechen wir natürlich auch an.

FAKler: Wie blicken Sie heute auf Ihr erstes Engagement als Offizieller bei der Austria zurück und was ist heute anders (persönlich und im Verein) und was gleich?

Peter Stöger: Man kann das eigentlich nicht vergleichen. Der Verein ist heute ganz anders aufgestellt und konzipiert, was die Vereinsstruktur betrifft. Damals war es ein Verein, den Frank Stronach organisiert hat. Er hat viele Dinge eigenhändig entschieden – unter anderem, dass ich damals den Job machen sollte. Heute ist das anders: Es gibt einen Aufsichtsrat, einen Verwaltungsrat, zwei geschäftsführende Personen, die den Verein leiten. Es war also heuer eine Entscheidung vieler verschiedener Personen, einer breiten Basis, dass ich den Job als Trainer machen soll. Du musst heute mehrere Leute zufriedenstellen und hast mehreren Leuten gegenüber Verantwortung – damals musste man nur Frank Stronach zufriedenstellen. Es hat sich also insgesamt sehr viel getan, auch infrastrukturell. Wir haben heute die Trainingsmöglichkeiten für die ich seinerzeit gekämpft habe, die Akademie ist in Hollabrunn und damit auch nicht sehr weit entfernt. Es ist derzeit einfach alles sehr gut komprimiert und ideal.

pat the rat: Hand aufs Herz: Hat die Tatsache, dass du nach der Akte Foda, gewissermaßen nur zweite Wahl warst, sich irgendwie bemerkbar gemacht? Du galtest als fast logischer Nachfolger (spätestens jedenfalls nach Fodas Absage): Wie waren die Verhandlungen mit den Verantwortlichen? War die Lösung wirklich so naheliegend oder mussten ernstzunehmende Dinge ausverhandelt werden? Kannst du den Weg von der Kontaktaufnahme bis zum Abschluss ein wenig nachzeichnen?

Peter Stöger: Nachdem Franco Foda abgesagt hat, gab es einen Kontakt. Für mich war klar, wenn ich die Möglichkeit bekomme bzw. ein konkretes Angebot bekomme Austria-Trainer zu werden, werde ich dieses Angebot annehmen, egal da drin steht. Da bedurfte es von meiner Seite überhaupt keiner Bedenkzeit. Ich habe die letzten Jahre hart dafür gearbeitet, dass ich weiter oben meine Chance bekomme und ein Angebot der Austria ist natürlich ein Wahnsinn gewesen. Die Konstellation war in Ordnung und man musste nur noch versuchen mit Wiener Neustadt eine Lösung zu finden, was am Ende auch geklappt hat. Aber für mich war einfach klar, dass ich die Chance wahrnehmen würde, egal was in meinem Vertrag steht.

pat the rat: Du warst bei beiden Wiener Großvereinen tätig und gehst mit dieser Tatsache ja auch zu Recht sehr offen um: Nimmt das ein wenig Brisanz aus den Duellen mit dem Stadtrivalen oder ist man in den Derbys (egal auf welcher Seite und in welcher Funktion man sie bestreitet) immer ein wenig euphorisierter/motivierter?

Peter Stöger: Vorweg: Ich sehe das nie gehässig. Ein Derby ist natürlich brisant, ein „besonderes“ Spiel, wenn man so will. Es gibt wichtige Spiele und es gibt besondere Spiele. Wichtige Spiele sind eigentlich alle Spiele, wenn du vorne dabei sein willst – und besondere Spiele sind eben diese Highlights, wie zum Beispiel ein Derby. Beim Wiener Derby steht die ganze Stadt Kopf, es gibt nur Grün oder Violett und nichts dazwischen. Auf der grünen Seite ist derzeit jemand, dessen Denkweise ähnlich wie meine ist. Ich finde es wichtig, dass von uns, also von außen, nicht noch etwas eingestreut wird, was negativ ausgelegt werden könnte. Die Fans sollen natürlich kund tun wofür sie stehen und die Spieler sollen das Duell auf dem Platz ausfechten. Als Trainer sollte man sich da eher zurücknehmen.

pat the rat: Wenn du eine Entscheidung in deiner bisherigen Laufbahn (als Spieler und Trainer) andern könntest, welche wäre dies?

Peter Stöger: Kann ich nicht sagen. Für mich hat alles im Nachhinein Sinn gemacht. Ich weiß heute nicht, was passiert wäre, wenn ich die eine oder andere Situation damals anders eingeschätzt hätte. Jede Station war für mich ein Lernprozess und ich will nichts missen.

pat the rat: Bei der EM standen die Schiedsrichter (bzw. die zusätzlichen Assistenten im Strafraum) vor allem zu Schluss der Vorrunde heftig in der Kritik (Foul an Bendtner, Foul an Mandzukic, vermeintliches Tor der Ukraine gegen England). Die Torlinien-Technologie ist vor allem unter Berücksichtigung des letzten Falles wohl nur mehr eine Frage der Zeit. Könntest du dich mit darüber hinausreichenden technischen Hilfsmitteln (Videobeweis, Einspruchsmöglichkeit der Trainer) anfreunden?

Peter Stöger: Ich finde, dass alles, was klar und einfach zu entscheiden ist, so entschieden werden sollte, wie die Situation wirklich war. Es gibt im Tennis, Eishockey oder Football Dinge, die man ganz klar entscheiden kann und zumindest diese klaren Situationen sollten auch im Fußball fehlerfrei entschieden werden können. Ich mache den Schiedsrichtern gar keinen Vorwurf, weil man immer einen Blickwinkel haben kann, wo man etwas nicht sieht: Aber wenn die Ukraine nicht weiterkommt, weil fünf Schiris nicht sehen, was für hunderte Millionen Menschen vor dem Fernseher klar und deutlich ist, nämlich, dass das ein klares Tor war, dann meine ich, dass es auch ein Tor sein sollte. Diese Hilfsmittel sollte man auf jeden Fall in Anspruch nehmen.

vomfeinsten: Wie stehen sie zum Thema Mentalcoach bzw. Einsatz "neuer" Techniken? (zum Beispiel Halbzeitanalyse durch Videomitschnitt -> siehe Mainz 05 durch einen diplomierten Sportwissenschaftler -> 5 - 10 Szenen werden dann in der Halbzeit analysiert)

Peter Stöger: Mentalcoaching und Betreuung von Spielern ist ein Bereich, in dem wir in Zukunft mehr machen werden. Ich arbeite selbst seit vielen Jahren nicht unbedingt mit Mentalcoachs, aber mit Sportpsychologen und Teamentwicklern zusammen. Mir persönlich hilft das sehr viel, weil ich Feedback bekomme und neutrale Betrachtungsweisen höre. Auf das verlasse ich mich seit Jahren und fahre ganz gut damit. Wir werden auch im Verein versuchen dies Schritt für Schritt und ohne Druck zu installieren. Bzgl. Halbzeitanalyse: Man kann in der Pause natürlich alles aufarbeiten und zelebrieren – bei uns ist es so: Wir nutzen natürlich Videoanalysen von Spielern, Gegnern und Situationen. Ob die Pause dafür jedes Mal der richtige Zeitpunkt ist, bin ich mir nicht ganz sicher. Ich lasse mir da auch den Vorwurf gefallen, dass manche Leute sagen werden, dass ich ein österreichischer Trainer bin, der da nicht mit will.

pesce: Einem Talent wie Horvath wird eine große Zukunft bescheinigt. Trainiert er mit der Kampfmannschaft mit? Wann kann ein Spieler frühestens bereit sein für Austria Wien?

Peter Stöger: Er ist jetzt mal gut aufgehoben bei Herbert Gager in der Amateurmannschaft. Wir holen jetzt in der Länderspielpause ihn und den einen oder anderen weiteren zum Kampfmannschaftstraining dazu. Man kann natürlich nicht sagen „15 ist zu früh und 16 passt“, weil gerade in diesem Alter jeder Spieler anders entwickelt ist. Aber er ist natürlich einer der Spieler, die wir beobachten und da der Kontakt mit Herbert Gager ein sehr intensiver ist, wird uns nichts verlorengehen. Wir haben derzeit einige Spieler, die im Training vielversprechende Leistungen zeigen und gute Spieler werden bei der Austria immer einen Platz haben.

shankly: Die Austria hat zwei sehr unterschiedliche Trainer hinter sich. Vastic war "zu kurz im Einsatz", also: Was kann ein Peter Stöger aus der Arbeit von Karl Daxbacher mitnehmen, der dem FAK nach 2008 ein freundliches Gesicht und eine spielerische Identität gegeben hat? Und: Wie könnte man das letzte Eutzerl herauskitzeln, das unter Daxbacher zum ganz großen Erfolg immer gefehlt hat?

Peter Stöger: Das ist für mich schwer zu beurteilen, weil ich bei Daxbacher nicht dabei war. Da bin ich genauso ein Außenstehender wie du. Um das „Eutzerl“, wenn man das so betiteln will, noch herauszukitzeln, ist es wohl am Wichtigsten, dass die Spieler selbst an die Chance glauben, etwas ganz Großes schaffen zu können. In diesem Bereich entscheiden Kleinigkeiten und wir haben uns darum gekümmert, dass gerade in dieser „Glaubensfrage“ auf die Spieler eingegangen wird, auch weil das Frühjahr nun wirklich nicht optimal gelaufen ist. Aber Partien wie WAC auswärts, Admira oder Innsbruck zu Hause zu gewinnen, vielleicht nicht immer mit Glanz und Glorie, aber doch, zeigt schon einen Aufwärtstrend, denn das war in den letzten Jahren nicht immer der Fall. Ich hoffe und glaube, dass die Mannschaft da nun einen Schritt weiter ist.

Hurricane: Welchem Spieler im Austria-Kader trauen Sie den Sprung ins Ausland zu bzw. bei welchem Spieler sehen Sie das größte Potential?

Peter Stöger: Vielen Spielern. Wir haben hier Spieler in einem guten Alter, die noch lange nicht am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit sind.

Hurricane: Ronaldo oder Messi?

Peter Stöger: Messi.

Hurricane: Wer war ihr unangenehmster Gegenspieler?

Peter Stöger: Manfred Schmid.

Hurricane: Wer war ihr bester Mitspieler?

Peter Stöger: Ich hatte das Glück mit sehr, sehr vielen sehr guten Fußballern zusammenspielen zu dürfen. Aber Arminas Narbekovas war ein außergewöhnlicher Spieler. Der hatte Anlagen um bei richtig großen Vereinen spielen zu können.

Gatrik: Wie beurteilen Sie das momentane Trainerniveau in der österreichischen Bundesliga im Vergleich zu internationalen Topligen und was fehlt, damit Österreich neben Spielern auch wieder Trainer "exportiert"?

Peter Stöger: Das ist für mich sehr schwer zu beurteilen. Wir vergleichen uns immer mit Deutschland und was uns da im Vergleich auf jeden Fall fehlt, sind die Erfolge. Deshalb bin ich auch sehr froh darüber, dass Schöttel mit Rapid die Europa League Gruppenphase erreichen konnte. Wir werden da immer in einen Hut geworfen – die „98er-Generation“ – insofern ist es gut, dass einer aus dieser Generation einen solchen Erfolg zustande brachte. Vielleicht ist es auch nicht unwichtig wieder Erfolge mit der Nationalmannschaft zu erleben, um ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber ich denke es sollte niemand verbittert sein, dass wir den Sprung ins große Trainergeschäft noch nicht geschafft haben. Es ist noch einiges zu tun.

Gatrik: Welchen Wert hat für Sie der "6er" und welche Qualitäten muss ein Spieler auf dieser Position mitbringen?

Peter Stöger: Ein „6er“ sollte ein Organisator sein, Überblick haben und realisieren, was hinter ihm passiert. Er sollte Räume erkennen, im Idealfall eine Anspielstation sein, ein Bindeglied nach vorne, der die Bälle verteilen kann. Passsicherheit, Ruhe ausstrahlen, dennoch Zweikämpfe gewinnen… aber man muss natürlich dazu sagen, dass all diese Facetten in einem einzelnen Spieler sehr selten zu finden sind.

cmburns: Zwei Dinge, die meinen unmittelbaren Abo-Nachbarn graue Haare wachsen lassen, z.B. User fermin ist schon schloweiß: Seit Jahren ziehen wir uns nach einer z.B. 1:0-Führung zurück und betteln danach um einen Gegentreffer bzw. wollen die Spieler den Ball ins Tor tragen, Schüsse aus ~ 20 Metern sind ein seltenes Gut! Ist Ihnen das als Konkurrenztrainer auch schon aufgefallen und steht es vielleicht auf dem Zettel der behebenswerten Dinge?

Peter Stöger: Schüsse aus ~20 Metern geben wir immer noch zu wenige ab – das macht mich auch wahnsinnig! Dafür bin ich logischerweise auch verantwortlich, aber wir machen in diesem Bereich im Training sehr viel. Wenn es passiert, dass wir uns nach einem 1:0 zurückziehen, dann passiert es bei uns nicht gewollt. Es gehört natürlich auch immer ein Gegner dazu, der nach einem Tor vielleicht aggressiver und offener spielt oder weitere Bälle spielt, damit du zwangsläufig nach hinten gedrängt wirst. Wir wollen schon immer versuchen aufs zweite Tor zu gehen, weil das der Qualität der Spieler entspricht. Wenn wir sechs offensive Spieler aufstellen kann man davon ausgehen, dass diese ihre Qualitäten eher nach vorne als nach hinten haben und, dass man sie „geplant“ nach einem Führungstreffer nicht hinten aufstellen sollte. Wenn der Gegner sehr gut ist, passiert das dann aber natürlich gezwungenermaßen.

Kobe: Du bezeichnest dich immer wieder als Austrianer - wie kannst du es dann mit dir selbst vereinbaren zwei Jahre mit Grün-Weiß gejubelt zu haben?

Peter Stöger: Das war damals für mich die Variante, mit der ich meine fußballerische Karriere fortsetzen konnte. Das war eine gute Möglichkeit, weil ich unbedingt aus Innsbruck weg wollte. Es bleibt dabei, da kann ich hundert Mal Austria-Trainer sein, es bleibt dabei: Das waren sehr erfolgreiche Jahre und ich hatte mit dieser Mannschaft das Glück im wahrscheinlich letzten Europacupfinale, das jemals eine österreichische Mannschaft erreichen wird, stehen zu dürfen. That’s it. Ich werde mich dafür jetzt selbst sicher nicht geißeln und ich von mir aus lass‘ ich mich auch heute noch von ein paar Leuten deswegen schimpfen, aber ich bleibe dabei: Das war eine supergeile Zeit und im Nachhinein war es als Spieler auch etwas Besonderes für mich, sowohl mit der Austria, als auch mit Rapid Meister zu werden.

Stefan Karger: Ist das noch bei vielen Austria-Fans ein Thema?

Peter Stöger: Es wird immer wieder angesprochen, klar. Aber ich habe mich schon damals nicht vor den Rapid-Fans versteckt und gesagt: „So ist die Situation, die müssen wir lösen.“ Und genauso ist es jetzt. Ich bin Austria-Trainer und werde hier alles für den Erfolg geben. Ich war zehn Jahre bei der Austria und zwei Jahre bei Rapid. Die zwei Jahre bei Rapid waren sehr erfolgreich und sehr positiv.

ufo05: Gibst du deinen Spielern auch Anweisungen wie sie privat leben zu haben(z.B. am Abend nicht in die Disco gehen, auch wenn am Folgetag kein Spiel ist)?

Peter Stöger: Es ist so, dass man davon ausgehen kann, dass die Spieler selbst genau wissen, was zu tun und was zu lassen ist. Ich war nie jemand, der auf Fehler wartet oder die Spieler kontrolliert. Das wäre mittlerweile, durch die Neuen Medien, sehr einfach. Die meisten posten’s eh gleich, wo sie unterwegs waren und was sie gemacht haben. Eigentlich musst eh nur auf Facebook schauen und du weißt, wo sie am Vorabend waren :D – ich weiß, dass die Spieler für den sportlichen Erfolg viel machen müssen, aber ich weiß auch, dass meine Kicker zwischen 17 und 30+ Jahre alt sind und auch ein Privatleben haben. Die Spieler sollen auch nicht nur Scheuklappen haben und nur an Fußball denken, sie sollen auch ihr Privates ausleben können. Alles zu seiner Zeit und nicht alles muss im alkoholisierten Zustand sein. Entscheidend ist für mich die Trainingsarbeit und die Leistung bei den Spielen. Entscheidend ist auch das Auftreten abseits des Platzes – und wenn dann einer weggeht und sich zwei, drei schöne Stunden in einer Disco macht, habe ich kein Problem damit.

ufo05: Wie wertvoll ist Manfred Schmid für dich und welche Aufgaben übernimmt er?

Peter Stöger: Manfred Schmid ist genauso wie Franz Gruber und Dr. Martin Mayer sehr wichtig für mich. Ich liebe es mit Trainern zusammenarbeiten zu dürfen, die selbst sehr viel Qualität haben und selbständig arbeiten können. Mit Manfred Schmid kann ich zusammensitzen und ausdiskutieren, wie wir ein Match angehen. Er ist für alles was mit Video zu tun hat zuständig: Analysen, Zusammenschnitte, in dem Bereich ist er ein echter Freak und nimmt mir sehr viel Arbeit ab, die mit hohem Zeitaufwand verbunden ist. Die Trainingsarbeit teilen wir uns, Manfred ist insgesamt ein sehr wichtiger Faktor für meine Arbeit als Trainer.

ufo05: Gibt es sprachliche Barrieren mit ausländischen Spielern?

Peter Stöger: Eigentlich nicht. Wir versuchen alles auf Deutsch zu machen und in Einzelgesprächen versuche ich langsam mit den ausländischen Spielern zu sprechen. Bei James Holland reden wir manchmal, wenn’s um etwas sehr wichtiges geht, auf Englisch – aber normalerweise bleiben wir bei Deutsch.

Martinovic: Denken Sie daran eine einheitliche Spielphilosophie und ein Spielsystem für alle Nachwuchsmannschaften vorzuschreiben oder halten Sie das für nicht sinnvoll!?

Peter Stöger: Ich halte das nicht für sinnvoll.

Martinovic: War es für Sie ein Thema Michael Madl zur Austria mitzunehmen?

Peter Stöger: Michael Madl ist ein Spieler, den ich sehr schätze, was er auch weiß. Als ich zur Austria kam waren wir auf seiner Position allerdings sehr gut besetzt oder sogar überbesetzt, daher war das zu diesem Zeitpunkt kein Thema.

Martinovic: Wird es unter Ihnen wie unter Daxbacher oft praktiziert auch mehrere trainingsfreie Tage geben obwohl eine neueste sportmedizinische Studie beweist dass man auch jeden Tag ohne negative Auswirkungen trainieren kann.

Peter Stöger: Das wird es bei mir das eine oder andere Mal auch geben. Dabei geht es nicht darum, dass es negative Auswirkungen haben könnte, sondern daran den Kopf frei zu bekommen und mal an etwas anderes zu denken, Zeit mit der Familie zu verbringen, damit die geistigen Akkus neu aufgeladen werden können.

Martinovic: Wie bilden Sie sich weiter, hospitieren Sie auch im Ausland bei anderen Klubs und Trainern?

Peter Stöger: Wenn du im laufenden Geschäft bist, ist es nicht ganz einfach Hospitationen vorzunehmen. Bei großen Vereinen musst du das längerfristig ankündigen. Wir haben derzeit Gott sei Dank viele Spieler im Ausland, die wir als Infoquellen nutzen können. Wir versuchen über diese Spieler Informationen zusammenzutragen, zum Beispiel über Trainingsmethoden, mögliche Abweichungen und Überschneidungen im Vergleich mit uns. Auch über die Neuen Medien hast du natürlich viele Möglichkeiten in diesen Bereichen nachzulesen und dich zu informieren. Es wäre natürlich schon ideal auch hie und da vor Ort sein zu können, aber das ist nicht immer ganz leicht.

Daniel Mandl: Mit welchen Spielern tauscht du dich diesbezüglich aus?

Peter Stöger: Mit vielen Spielern in verschiedenen Ländern und Ligen. Wir haben zum Beispiel Georg Margreitter auch schon angekündigt, dass wir mal anfragen werden, wie in England trainiert wird. Könnte interessant werden… Stale Solbakken ist jetzt Trainer bei den Wolves, erstmals ein Norweger als Trainer und es dürften schon alle gespannt sein, was anders sein wird als vorher. Es wird interessant sein zu sehen welche Trainingspläne englische Spieler „erwarten“ und wie ein norwegischer Trainer das umsetzt. Ich habe mich schon als Aktiver bei Martin Hiden informiert, wie’s bei Leeds United war. Du trägst einfach alles zusammen und speicherst alles ab, was du kriegen kannst.

Martinovic: Wirst du dir ab und zu Spiele der Austria Amateure und der Akademieteams ansehen?

Peter Stöger: Ich gehe jetzt gleich zum Amateur-Spiel rüber, ja.

Purple Eagle: Peter Stöger war schon Spieler, Sportdirektor, Trainer in den verschiedenen Ligen (in Österreich), war schon für die schreibende Zunft tätig. Breites Spektrum, zumal in jeder Branche durchaus erfolgreich. Inwiefern ist es für dich von Vorteil (oder Nachteil), das Fußballgeschäft aus diesem vielen Blickwinkel zu kennen?

Peter Stöger: Das ist nur von Vorteil. Da ich auch für die schreibende Zunft und fürs Fernsehen tätig war, habe ich ein bisschen mitbekommen, wo sie so ihre Probleme in der Umsetzung haben. Ich habe dadurch schon mehr Verständnis für Journalismus und Journalisten entwickelt. Wenn du dein Wissen in vielen Bereichen aufstockst und einiges mitnimmst, kannst du natürlich nur profitieren.

Purple Eagle: Heruntergebrochen und verkürzt dargestellt: Wir richten uns nach dem Gegner, oder der Gegner hat sich nach uns zu richten?

Peter Stöger: Beides. Geht gar nicht anders. Wir haben schon unsere Philosophie, wie wir ein Spiel anlegen wollen. Aber jeder Gegner hat seine Schwächen, auf die wir uns in der Trainingswoche vorbereiten und jeder hat seine Stärken, auf die wir versuchen aufzupassen. Das eine geht ohne dem anderen nicht.

Purple Eagle: Stichwort Nationalteam: Auf einige Einsätze hast du es ja auch gebracht, gab‘s schon Kontakt zu Marcel Koller? Seit einiger Zeit sind ja auch immer wieder Veilchen im Teamdress zu bewundern. Wie siehst du als (ich hoffe mal das trifft zu) Fan des österreichischen Teams die Chance für die bevorstehende WM-Quali?

Peter Stöger: Ich traue mich zu behaupten, dass ich einer der größten Fans der Nationalmannschaft bin. Ich glaube, dass ich kaum ein Spiel in Österreich live verpasst habe, seit ich selbst nicht mehr spiele – auch weil ich selber immer gerne für Österreich gespielt habe. Ich sehe die Entwicklung sehr positiv, wir haben viele Legionäre, die sich sehr gut entwickeln. Wir haben jetzt das, wovon wir früher nur gesprochen haben: Stammspieler im Ausland, auch bei Top-Vereinen. Es wird trotzdem sehr schwierig, die bisherigen Qualifikationen, angefangen bei Prohaskas Spitz 78, waren immer sehr knapp. Wir werden sicher auch eine Portion Glück brauchen, wenn wir uns qualifizieren wollen. Zu Marcel Koller: Seit ich Austria-Trainer bin habe ich einmal mit ihm telefoniert.

Stefan Karger: Ist dir das zu wenig?

Peter Stöger: Nein. Er wird sich rühren, wenn er mich braucht und meine Aufgabe ist es sowieso die Spieler so vorzubereiten, dass er sie verwenden kann.

Purple Eagle: Wo hat der Trainer mehr Anteil: Mit einem guten Kader erfolgreich sein (etwa Meister 2006, auch wenn du ja damals nicht unmittelbar Trainer warst) oder mit einem weniger guten Kader die angestrebten Ziele erreichen (Klassenerhalt mit Neustadt)?

Peter Stöger: Es kommt immer darauf an, für was du verpflichtet wirst. Die Situationen sind unterschiedlich und man muss sich auf die jeweilige Situation einstellen, aber das gehört zum Job. Wichtig ist nur, dass alle immer wissen, wovon man spricht.

Sargon: Sind Ihnen die Analysen von ballverliebt.eu, spielverlagerung.de oder auch jene von abseits.at bekannt? Wenn ja, wie schätzen Sie das Niveau dieser von Fußballfans angefertigten Analysen im Vergleich mit jenen wie sie in der Bundesliga erstellt werden ein? Welchen Stellenwert nimmt die Gegneranalyse in Ihrer Arbeit ein?

Peter Stöger: Wie vorhin erwähnt: Ohne Gegneranalyse geht es heute nicht mehr. Die Qualität dieser Seiten ist gut, es sind immer wieder interessante Sachen dabei, über die ich nachdenke und diskutiere. Ich finde die Seiten gut.

Xaverl Nick: Lieber Peter, kann man einem Fußballfan in ein paar Sätzen die Vorzüge des "Napoli-Systems" erklären?

Peter Stöger: Es ist ein 3-4-3, also ein System mit Dreierkette hinten. Es gibt dabei die Möglichkeit – die von Napoli aber nicht verwendet wird – dass man wie im 3-3-3-1 der Rieder hinten auf eine Fünferkette umschwenken kann. Napoli gibt im Defensivbereich auf der Seite Raum auf um das Zentrum zu sichern. Im Spielaufbau haben sie dann also eine Dreierkette, die Außenverteidiger rücken weit auf und ein Sechser lässt sich im Aufbau nach hinten fallen. Sie haben weniger Druck im Spielaufbau, weil sie an der Basis drei Anspielstationen haben und auf den Seiten nicht gepresst werden können. Der Spielaufbau erfolgt mehr durchs Zentrum als in anderen Systemen. Mir taugt das sehr, aber du brauchst dafür natürlich, wie in jedem System, die richtigen Spieler.

Purple Eagle: Wie zufrieden ist das Trainerteam mit dem Fitnesszustand von Dare Vrsic? Stimmt es, dass er körperlich nicht in allerbester Verfassung ist?

Peter Stöger: Er hat noch Luft nach oben, aber er bekommt seine Zeit. Auch wenn man es nicht für möglich halten will, wenn man ein negativer Geist ist, aber die Trainingsintensität ist bei uns eine andere als die, die Dare bereits kannte. Es passiert immer wieder, dass Spieler sagen, dass sie sich zuerst auf die Trainingsintensität einstellen müssen, aber Dare bekommt seine Zeit. Aber wir haben schon festgestellt, dass er ein außergewöhnlicher Fußballer ist und das beruhigt uns.

Purple Eagle: Wer wird, Stand heute, in Dornbirn beim Cup-Match das Tor hüten dürfen. Wird unter Umständen gar Ivan Kardum eine Chance erhalten, oder doch Pascal Grünwald?

Peter Stöger: Grünwald hat sich verletzt, er ist im Training ungut aufgekommen. Ich müsste jetzt lügen – Grünwald hat die erste Cup-Partie gespielt und es könnte sein, dass er weiterhin im Cup zum Einsatz kommt. Aber ich habe in diesem Bereich mit Franz Gruber meinen Spezialisten, der diese Frage mitentscheiden und mitverantworten wird. Aber egal wer bei uns im Tor stehen würde, ich hätte davor keine schlaflose Nacht.

Purple Eagle: Wie bewertest du ganz allgemein die Tormannsituation. Aus dem Selbstverständnis der Spieler haben (denk ich mal) mindestens zwei von ihnen den Anspruch zu spielen. Wie verhinderst du Grabenkämpfe zwischen den drei Jungs?

Peter Stöger: Sie müssen sich einfach der Situation stellen. Es ist natürlich schwieriger für einen Tormann in die Mannschaft zu kommen, aber ich habe genauso einige gute Leute auf der Bank und einige gute Junge, die ich bringen kann und genauso verhält es sich auch mit den drei starken Torleuten. Sie müssen die Lage akzeptieren und hart an sich weiterarbeiten.

Purple Eagle: Hast du Verwendung für Roland Linz? Über seine Qualitäten brauchen wir nicht sprechen. Auch die Tatsache, dass er von allen Spielern der Mannschaft (mit der Austria) mit Abstand die meisten Titeln gewonnen hat, ist unbestritten. Aber es scheint so, dass die Zeit der Strafraumcobra der Vergangenheit angehört. Früher haben 10 Spieler einen Spielzug durchgeführt und der elfte hat die Kugel bekommen und gescort. Heutzutage wird von Stürmern verlangt mitzuspielen, sich auch weiter hinten anzubieten. Sprich der Bewegungsradius hat sich mittlerweile auch nach außerhalb des Strafraums verlagert. Ist der Roli so ein Typ, der diesen "neuen" Anforderungen entspricht/entsprechen kann?

Peter Stöger: Roli ist sicher ein Stürmer des „alten Schlags“, der aus wenigen Situationen etwas machen kann. Ich verlange von offensivsten Spielern schon, dass sie mitarbeiten, aber ich muss sie auch nicht unbedingt im eigenen Sechzehner sehen. Von der zentralen Spitze verlange ich das sowieso gar nicht, es gibt nur einige wenige Laufwege, die er mitarbeiten muss. Der Roli ist auch sicher im Stande, wenn er das will, das umzusetzen. Verwendung werde ich für ihn immer haben, wenn er Gas gibt und aufzeigt. Er hat ja auch schon in dieser Saison drei oder vier der bisher sieben Partien von Beginn an gespielt.

Daniel Mandl: Gibt er Gas?

Peter Stöger: Beim Roli ist immer Luft nach oben. Immer. Immer so gewesen.

austrianer87: Siehst du Sebastian Wimmer eher in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld zuhause?

Peter Stöger: Der Basti kann beide Positionen spielen, davon bin ich überzeugt. Im Training probiere ich ihn natürlich auf beiden Positionen. Es stellt sich natürlich auch die Frage, auf welcher dieser Positionen dieser hochtalentierte Spieler eher die Möglichkeit hat in die Mannschaft einzurücken. Ich glaube, dass er ein Super-„6er“ werden kann. Aber wir hatten auch schon Überlegungen ihn zum Beispiel auf einer rechten Außenverteidigerposition anzuschauen, weil er ein schneller und technisch guter Spieler ist. Vielleicht ist also auch das eine weitere Option für ihn. Ich glaube, dass wir für junge Spieler Optionen schaffen müssen, damit sie Spielpraxis sammeln können. Aber ich glaube die beste Position für Sebastian Wimmer ist der „6er“.

Tanzbär: Lieber Herr Stöger, warum werden eigentlich so wenige Spieler verliehen? Würde es sich nicht bei einigen anbieten? Ich denke hier an Spieler welche zu alt und zu gut für die Amateure sind, aber bei der Kampfmannschaft nicht zum Zug kommen (zum Beispiel Mally, Koch, Leovac, Harrer).

Anders gefragt, glauben sie wirklich, dass sich ein Harrer in der Regionalliga Ost wirklich noch entscheidend verbessern kann?

Peter Stöger: Ein Harrer wird sich mit den Spielen in der Regionalliga Ost nicht verbessern, das stimmt schon. Aber dort bekommt er die Minuten, Einsätze, Spielpraxis. Verbessern kann er sich indem er übers ganze Jahr mit der ersten Mannschaft trainiert. Ein solch junger Spieler profitiert sicher sehr davon, dass er mit Juns und Kienasts zusammen trainieren kann. Das heißt nicht unbedingt, dass eine Leihe in die Erste Liga schlecht wäre, aber ich möchte ihn jetzt mal zumindest bis Winter hier bei mir haben und wir das selbst anschauen. Und dann werden wir eh weitersehen, wie sich der Kader entwickelt.

austrianer87: Wie viele Brillen hast du?

Peter Stöger: Viele. Zehn sicher. Ein Freund von mir ist Optiker und er ruft mich immer wieder wegen neuen Modellen an.

tifoso vero: Wäre das Risiko zu groß, wenn die Mannschaft noch 10 Meter weiter nach vorne rücken würde? Oder braucht es dazu noch mehr Spiel -und Selbstsicherheit?

Peter Stöger: Das wird hoffentlich noch wachsen. Wir sind momentan in einer Zone, in der wir gut aufgehoben sind und in der wir auch Bälle, die hinter unsere Verteidigung gespielt werden, noch verteidigen können. Man hat zum Beispiel in der Supercopa gesehen, dass eine Mannschaft – selbst so eine wie der FC Barcelona – verwundbar sein kann, wenn weite Bälle hinter eine hoch stehende Viererkette geschlagen werden. Das wollen wir uns in der österreichischen Liga ersparen, stehen deshalb nicht ganz vorne, aber vielleicht kommt auch das noch.

tifoso vero: Linz geht nach wie vor keine weiten Wege (aus einem Friesen wird wohl kaum mehr ein Lipizzaner) und mit Jun in der Mitte funktioniert es viel besser vor allem wenn man einen Gorgon und bald auch Hosiner und Stankovic zur Seite hat. Ohne Linz ist das Spiel viel schneller und dynamischer. Sehe ich das falsch?

Peter Stöger: Absolut richtig. Roland Linz ist kein dynamischer Stürmer, sondern einer für den Strafraum, der davon lebt, dass die Bälle in den Strafraum kommen und er sie verwerten kann. Ein Spiel ohne Toni Polster war auch dynamischer – das heißt aber nicht, dass es erfolgreicher war.

Daniel Mandl: Darfst dem Toni allerdings nicht sagen.

Peter Stöger: Naja, das weiß er. Ein Spiel mit Toni Polster jetzt ist zum Beispiel überhaupt nimmer dynamisch. Das kann ich auch beurteilen, weil ich immer noch so alle vier Wochen mit ihm zusammenspiele. Und trotzdem macht er noch immer seine Tore :D

tifoso vero: Welche großen Vereine kommen deiner Spielphilosophie am nächsten?

Peter Stöger: Kann ich nicht sagen. Ich schau‘ allgemein lieber offensiv orientierten Fußball. Aber auch beim Barcelona-Spiel gibt’s Sachen, wo ich sage: Das ist mir zu viel. Zu viel Kurzpassspiel, zu viel klein-klein, zu viel durch die Mitte. Wenn ich das hier spielen lasse oder es versuchen würd, fragen mich die Leut‘ ob ich deppert bin. Es gibt Sachen, die mir bei Neapel sehr gut gefallen, es gibt Sachen, die mir von der Zielstrebigkeit bei Real Madrid sehr gut gefallen, es gibt Sachen, die mir bei Dortmund sehr gut gefallen. Man kann jetzt weder die Austria noch die gesamte österreichische Liga auf das umlegen oder herunterbrechen. Aber wenn du suchst, findest du überall etwas, das dir gefallen könnte und genauso etwas, das dir weniger gefallen wird.

tifoso vero: Wäre ein Nichterreichen eines CL-Platzes eine Enttäuschung für dich?

Peter Stöger: Vor der Saison haben wir ganz klar als Ziel ausgegeben, dass wir nächstes Jahr wieder international dabei sein wollen. Das ist die Grundzielsetzung vom Verein. Das ist wirtschaftlich und imagemäßig sehr wichtig für uns. Wenn nicht alle Stricke reißen werden wir das erreichen, davon gehe ich aus. Die Zielsetzung des Trainerteams und der Mannschaft ist die, ganz vorne dabei zu sein und wenn es schon mal zwei Champions League Plätze gibt, einen davon zu ergattern. Deshalb kann ich sagen, dass ich persönlich enttäuscht wäre, weil wir das als Ziel anvisieren.

Xaverl Nick: Was halten Sie als ehemaliger Wiener Neustadt Sportdirektor von 3-Jahresverträgen für Talente der Marke Murg, Junuzovic, Dragovic? Ist das für hoffnungsvolle Talente nicht zu kurz? Und warum ist die Laufzeit so kurz, unterschreiben Spieler keine längeren Verträge oder habt "ihr" (Sportdirektoren) tatsächlich Angst vor dem "Webster-Urteil"?

Peter Stöger: Am Beispiel Murg: Du darfst ihm einfach aus Altersgründen gar keinen längeren Vertrag geben und somit lehne ich mich da nicht weiter aus dem Fenster. Ich glaube aber auch allgemein, dass eine Dreijahressituation von der Laufzeit her sicher OK ist. Das reicht für die Entwicklung eines Spielers. Er braucht vielleicht ein halbes Jahr, dass er seinen Rhythmus findet, dann schaut man sich das weiter an und schließlich kann man immer noch weiterschauen und gegebenenfalls verlängern. Angenommen du verpflichtest jemanden für vier oder fünf Jahre, der dann Probleme bekommt, weil er sich nicht wohlfühlt – da werden dieselben Leute sagen: Wieso gibt man jemandem einen Fünfjahresvertrag. Bei Spielern, die sich gut entwickeln, ist die Laufzeit während der Laufzeit immer zu kurz, bei Spielern, die sich nicht so gut entwickeln ist die Laufzeit immer zu lang ;)

Xaverl Nick: Ihre Meinung zu Patrick Bürger?

Peter Stöger: Ein Topspieler. Damit ist alles gesagt.

Xaverl Nick: Gab es in ihrer Spielerkarriere einen Trainer, an dessen Umgang mit den Spielern sie sich nun ein Beispiel nehmen, wenn ja, dürften wir den Namen erfahren?

Peter Stöger: Gibt niemanden. Ich hatte sehr viele, sehr gute Trainer und du nimmst von jedem etwas mit. Bei manchen Sachen denkst du dir „das war gut“, andere Sachen fallen dir negativ auf. Da geht’s gar nicht so ums Training, sondern wie man mit Leuten umgeht. Ich hatte Prohaska, Hickersberger, Krankl, Weber, Baric, Happel… jeder hatte da seine Art und Weise, wirklich herausheben könnte ich niemanden. Ich habe von jedem von ihnen viel gelernt, auch was die negativen Eindrücke angeht. Von den negativen Eindrücken habe ich wohl sogar mehr gelernt, al durch die positiven. Ich persönlich versuche mit den Spielern so umzugehen, dass sie das Gefühl haben, dass ich ihnen etwas Gutes will und dass ich gerne mit ihnen arbeite, gerne jeden Tag zum Training komme. Das sollen sie spüren.

© austriansoccerboard.at

So, ich geh schlafen. Wenn ein Mod noch die jeweiligen Namen am Anfang einfärben will, damit's etwas übersichtlicher ist, hab ich nix dagegen. Aber ich mach die nächsten paar Stunden nix :D

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bestes ASB-trifft EVER !

@ Peter Stöger ... da du ja offenbar mitliest. :)

die Edith meint der 8. Mai 1996 war für mich vor allem nach dem Spiel Schlusspfiff etwas ganz besonderes, dass ich niemals vergessen werde!

bearbeitet von Elwood

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also ich hätte noch eine stunde so weiterlesen können ohne das langeweile entsteht.

erstklassiges interview. danke an die fragensteller, transkripierer und natürlich an peter stöger für die ausführlichen antworten. heute war damit fast so gut wie ein spieltag. ;)

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