Geschrieben 17. April 2011 - 18:25
Anbei ein Versuch unsere Fanreise und Eindrücke ein wenig beschreiben, aufs Spiel ist eh schon genug eingegangen worden.
„Langsam wachs‘ ma z‘samm“ – Eine Fanreise in fünf Tagen
Die Anreise
Abfahrt um 7 Uhr 48 in Hütteldorf. Im Zug warten bereits fünf weitere Supporter, die ersten Gesänge zur Einstimmung werden skandiert. Rein mit dem Gepäck und auf geht die Fanreise nach Vorarlberg. Zwei wichtige Spiele stehen an: Austria Lustenau und FC Lustenau erwarten uns. Wir haben klar ein Ziel vor Augen: Die Euphorie des vergangenen Freitags gegen mindestens vier Punkte für die Rückreise eintauschen.
Und wir sollen nicht enttäuscht werden. Doch dazu später mehr.
Im Zug erwarten uns Roli, Wippi, Barbara, Peter und Walter. Mit David, Marcus und meiner Wenigkeit sind wir also acht Vienna-Fans, die die englische Woche zum Anlass nehmen, einen Kurzurlaub in Vorarlberg anzutreten. Flo, der Exil-Wiener aus Innsbruck, stößt an beiden Spieltagen direkt zum Match zu uns.
Der Zug ist nicht sonderlich voll, drei Abteile werden in Beschlag genommen. Eines dient zum Ausruhen und Schlafen, das zweite wird von Roli kurzerhand zum Büfettabteil umfunktioniert: Es gibt Lachs, Käse, Pfefferoni, Eier, Rumkugeln, Bier und Prosecco. Die Zugfahrt verläuft somit ausgesprochen kurzweilig und die fast acht Stunden Zugfahrt vergehen wie im Flug.
Die Ankunft
Fast alle der Mitreisenden schlagen in Dornbirn ihre Zelte auf: eine Stadt zum Verlieben, durch und durch. Die Freundlichkeit, die uns die Vorarlberger entgegenbringen, ist unglaublich. Man fühlt sich auf Anhieb willkommen im Ländle.
Die Rituale
Nachdem die Reisetaschen in den Hotelzimmern verstaut wurden, trifft sich die kleine Gruppe 30 Minuten später im Bus Richtung Lustenau . Der obligatorische Besuch des Oskis-Würstelstandes steht an: ein liebgewordenes Ritual all jener Fans, die seit der Rückkehr in die zweithöchste Spielklasse regelmäßig die Reise nach Lustenau antreten. Dort essen wir die berühmte Currywurst – „die beste von Luschnau bis Berlin“, wie uns der Chef versichert. Und es lohnt sich nicht zu widersprechen: Es schmeckt.
30 Minuten vor Spielbeginn brechen wir zu Fuß ins Stadion auf – ein angenehmer fünfminütiger Spaziergang durch eine beschauliche Gegend mit Einfamilienhäusern. Und man staunt nicht schlecht, wenn man plötzlich vor dem Reichshofstadion steht, das wie aus dem Nichts vor einem auftaucht.
Das Reichshofstadion
Die meisten wissen das natürlich: Das Stadion wird von beiden Lustenauer Vereinen benutzt. Im direkten Vergleich ist das witzig zu beobachten, denn auch das Team der Kellner, Ordner, Kassadamen usw. wird ausgetauscht. Und der Unterschied ist deutlich merkbar: Die Austria Lustenau hat fixe Bars, einen hochmodernen VIP-Bereich (den wir nur von außen betrachten dürfen), einen straff organisierten Gastrobereich… Man gibt sich betont professionell. Der FC Lustenau hingegen wird Zwettl-ähnlich von scheinbar vereinsnahen Personen betreut, die ihr Herzblut einbringen.
Bitte nicht falsch verstehen: Beides war sehr super. Ich persönlich fand den Umgang mit den Gästen am Freitag aber doch merklich herzlicher. Danke dafür! (Im Übrigen darf der FC Lustenau den VIP-Bereich nicht nutzen und muss mit einer Zeltstadt neben dem Gelände vorlieb nehmen. Auch dort waren wir aber nicht drinnen.)
Das erste Spiel
Die Nervosität ist mittlerweile hoch: Können wir die Austria Lustenau erneut schlagen? Kaum haben wir das Stadion betreten, setzt bereits der Regen ein. Schlecht für uns Auswärtsfans: Für uns ist nämlich der Platz hinter dem Tor vorgesehen – natürlich ohne Dach. Unser Teammanger hat allerdings ein Einsehen und organisiert für die Vienna-Supporters den Verbleib im Sektor D der Haupttribüne – mit Dach. Lediglich David, das Pferd, verbleibt mit ein paar Lustenauer Kids hinter dem Tor und trotzt dem Regen.
Wir stehen nun also im Trockenen und werden dort von einem Ordner bewacht, der sich als echter Wien-Antiliebhaber entpuppen sollte. Doch dazu an anderer Stelle mehr.
Endlich der Anpfiff. Wie die Spieler am Feld müssen auch wir gegen den böigen Wind ankämpfen, unsere Stimmen haben allerdings keine Chance. Die Spieler sind da deutlich erfolgreicher, ihr permanenter Laufeinsatz wird belohnt.
Im Verlauf des Spiels und mit zunehmenden Torvorsprung der Vienna wird der uns zugeteilte Ordner immer lauter in seinen äußerst negativen Äußerungen: über die Vienna im Speziellen und über die Wiener im Allgemeinen. Dies steigerte – parallel zur Tatsache, dass wir mittlerweile unseren Vorsprung von zwei Toren verspielt hatten – unseren Unmut zusätzlich.
Uns ist es völlig schleierhaft, wie das Match aus der Hand gegeben werden konnte. Die Mannschaft, die wir 90 Minuten lang beobachten durften, war ein durch und durch entschlossenes Kollektiv, das angetreten war, um dem Abstiegsgespenst zu entrinnen. In jeder Phase des Spiels konnte man das erkennen und spüren. Die Abwehr war meist an der richtigen Stelle, oft zogen sogar zwei der Verteidiger mit in den Angriff, um die Kräfte zu bündeln und den Sack frühzeitig zuzumachen. Im Gegenzug konnte man unsere Goalgetter öfters auch als Unterstützung in der Verteidigung erkennen. Das Spiel war ausgesprochen schnell und schön anzusehen.
Die Schiedsrichterleistung als inferior zu bezeichnen, wage ich nicht. Ich scheue aber nicht davor zurück, den ersten Elfer zu hinterfragen. Vor allem, da wir bereits ohne Wiederholung klar sehen konnten, dass keine Hand im Spiel war, sondern lediglich die Schulter eines unseres Verteidigers. HättiWari – lassen wir das!
Was danach folgt, kann ich im Rückblick noch immer nicht so schnell verarbeiten. Im Moment fühlt es sich etwa so an: Unsere Vienna ist nach dem 2:2 unter Druck und will mit Biegen und Brechen das Führungstor erzielen und gleichzeitig das „Türl“ hinten dicht machen. Hektik kommt auf, dann das „Hands“ unserer Verteidigung und der Schiedsrichter deutet zu Recht auf den Elfmeter.
Wir hatten in keiner Sekunde den Gedanken an Wettskandale im Kopf. Wir haben eine Vienna gesehen, wie wir sie alle gerne sehen: mit Herz und Hirn, mit Kampfwillen und Stärke. Wir haben einen Verteidiger gesehen, der über 90 Minuten alles gegeben hat – so wie der Rest der Mannschaft, der an diesem Tag für den ältesten Fußballverein Österreichs angetreten war, um mindestens einen Punkt aus Vorarlberg mitzunehmen.
Wir alle waren enttäuscht: Mannschaft, Betreuer und Fans.
Die Vorwürfe nach dem Spiel
Als wir allerdings nach dem Spiel im Internet nach Reaktionen aus der Heimatstadt suchten, kam zur Enttäuschung noch Wut hinzu. Wut über die Tatsache, dass man einem Spieler, der bisher in allen Spielen alles gegeben hat, plötzlich den Schwarzen Peter zuschiebt und ihm einen Wettskandal unterzuschieben versucht. Die Fassungslosigkeit darüber, mit der wir dann im Reichshofstadion alleine gelassen wurden, lässt sich gar nicht beschreiben. Jeder vor Ort konnte erkennen, dass alles gegeben wurde. Verlieren hätte man an anderer Stelle wesentlich leichter können. Ging aber nicht: weil genau jener Mann, dem nun solche Vorwürfe gemacht werden, dem Gegner etliche Chancen vereitelt hat.
Die Zeit zwischen den Spielen
Den größten Teil der Zeit verbringen wir in Dornbirn, einer bildhübschen Stadt mit wunderbarer Architektur – altes Fachwerk trifft auf neue Formen. Kulinarisch hat die Stadt viel zu bieten, wandern wollten wir auch gehen. Dies wird allerdings auf den Herbst vertagt.
Ein Teil von uns pilgert nach Bludenz, um Milka zu besichtigen – leider ohne Erfolg. In Dornbirn nehmen wir hingegen an einer Besichtigung des Mohrenbräu teil – das kann man sich getrost sparen. Der Besuch im „Lädele“ der Brauerei ist allerdings ein Highlight und definitiv zu empfehlen.
Der zweite Spieltag
Ein gutes Vorzeichen: Der Nebel ist der Sonne gewichen. Es ist zwar nach wie vor bitterkalt, doch das ist einem Fußballfan natürlich egal.
Nachdem wir Verstärkung aus Wien von zwei weiteren Vienna Supportern und etlichen Dornbirn- und St. Pauli-Fans erhalten haben, geht es wieder zum Spiel. Würstel-Ritual davor inklusive. Gerüchte, dass dies mit unserem Lieblingsgegner in Wien zu tun hat, konnten nicht bestätigt werden. Inklusive der Vorarlberger Fanverstärkung sind wir etwa 30 Personen. Danke an alle, die uns so sangseskräftig unterstützt haben.
Bereits am Eingang können wir den Unterschied zur Austria Lustenau feststellen: Uns werden zwei sehr freundliche Betreuer vom FC Lustenau vorgestellt, die uns ohne Kontrolle ins Stadion leiten.
Das zweite Spiel
In der Südstadt ist der Knopf aufgegangen, so scheint’s. Und so spüren wir wieder den Kampfgeist, den wir in den letzten Monaten so vermisst haben. Von Anfang an wird versucht, Druck aufzubauen, das Tempo ist über den größten Teil der Zeit wieder unglaublich hoch. Die Verteidigung läuft beinahe bei allen Angriffen mit, bis vor in den gegnerischen Strafraum. Unglaubliche Laufarbeit wird geleistet. Auf beiden Seiten. Die Kommunikation zwischen den Spielern fängt an zu greifen und es macht Spaß, das von Match zu Match wachsen zu sehen.
Wir müssen allerdings lange warten – nämlich bis zur 86. Minute –, bis die Mannschaft mit einem Tor für die Mühen belohnt wird. Dass ausgerechnet jener Mann, dem man derartige Vorwürfe macht, das Siegesgoal schießt: das ist Fußball! Thats why I love this game so much.
Das Fazit
Wir haben an zwei Tagen eine Mannschaft gesehen, die gewinnen will. Mit jeder Faser Ihres Körpers. Eine Vienna, die wieder im Rennen ist. So ein Team wird nicht absteigen. Und falls doch, dann tut sie es mit erhobenem Haupt.
Diese Reise ist es wert, gereist zu werden. Wir Vienna-Supporters haben gelacht, geweint, supported, Fan-Freundschaften geschlossen, gestritten, besichtigt und gefeiert. Und Vorarlberg ist ein großartiges Bundesland. Ich würde es mir allerdings näher an Wien wünschen.
Mannschaft, Betreuer, Verein, Supporter – langsam wachs‘ ma z‘samm.
Da entsteht was Großes.
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