Leaving Las Vegas Siddhartha Gautamas Vater. Geschrieben 20. Oktober Ka Dreck der Preis. 0 Zitieren Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag Auf anderen Seiten teilen More sharing options...
bobby the cat ...can't escape the moon Geschrieben 21. Oktober (bearbeitet) Ich habe gestern Vormittag noch schnell mit der KI ein paar (klassische) Spiele programmiert, die wir während eines WAC-Spiels spielen können, falls wir weiterhin so einen Unsinn auf dem Platz abliefern. https://t1p.de/TacticalGrid bearbeitet 21. Oktober von bobby the cat Weitere Spiele integriert 0 Zitieren Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag Auf anderen Seiten teilen More sharing options...
bobby the cat ...can't escape the moon Geschrieben 29. Oktober (bearbeitet) Seit etwa zwei Jahren arbeite ich an diesem Roman, dessen Handlung in der malerischen Kulisse des Lavanttals angesiedelt ist. Die herausfordernde und komplizierte Situation rund um unseren Herzensverein WAC hat mich zusätzlich dazu inspiriert und motiviert. Es handelt sich dabei um einen Katastrophen Thriller aus dem Lavanttal. Schwarzes Wasser Über Schuld, Wasser und Erinnerung. Hier ist bereits ein kurzer, vorläufiger Auszug aus der dritten Lesefassung, der andeutet, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt: Spoiler Kapitel 1: Nebel Tag 1, Samstag, 11. November 2028, 17:42 Uhr, Lavanttal-Arena, Wolfsberg Der Nebel kam, wie er im Lavanttal im November immer kam: von unten. Das Tal ist eine Wanne. Im Osten steigt die Koralpe auf, im Westen die Saualpe, und dazwischen, im östlichsten Tal Kärntens, windet sich die Lavant wie ein dunkles Band durch Wiesen und Dörfer, an Kirchtürmen und Fabrikschloten vorbei, von Norden nach Süden, bis sie bei Lavamünd in die Drau mündet. Im Sommer ist es ein sanftes Tal, ein Tal der Streuobstwiesen, der Mostschänken und der Äpfel. Im November wird es zur Schüssel, in die der Herbst seine Kälte gießt, und wenn die Nächte klar sind und die Luft stillsteht, füllt sich die Schüssel bis zum Rand mit Nebel. Er stieg aus der Lavant und aus den nassen Wiesen, kroch über Äcker und Parkplätze, durch Zäune und Gärten und legte sich um die Flutlichtmasten der Lavanttal-Arena, bis jeder Lichtkegel wie eine milchige Säule im Dunkel stand. Dreihundert Meter hoch war die Suppe, mehr nicht. Wer oben auf einem der Hügel über St. Margarethen stand, sah über einem Meer aus Watte die Sterne und im Osten den schwarzen Rücken der Koralpe. Wer unten saß, sah seinen eigenen Atem. Elf Grad zeigte das Thermometer am Kassenhäuschen, für Mitte November fast mild. Hannes Rainer saß unten. Er war siebenundvierzig, Tischler in St. Stefan, ein breiter, ruhiger Mann mit Händen, die nach Leim und Lärchenholz rochen, und er saß dort, wo er seit sechsundzwanzig Jahren saß: Haupttribüne, vierte Reihe über dem Aufgang, neben dem Pfeiler mit dem abgeplatzten Lack. In der einen Hand hielt er einen Plastikbecher mit lauwarmem Glühmost, mit der anderen den Schal, den sein zwölfjähriger Neffe zum ersten Mal trug, schwarz-rot, noch steif und nach Karton riechend. „Der ist zu lang“, sagte Jonas und zog an den Fransen. „Der wächst mit dir mit.“ Hannes blickte aufs Spielfeld. „Erst ist er zu lang, dann passt er, und irgendwann kannst du dir ohne ihn keinen Winter mehr vorstellen.“ Jonas war der Sohn seiner Schwester Karin, die als Pflegerin im Krankenhaus Wolfsberg arbeitete und an diesem Abend Nachtdienst hatte. „Nimm ihn mit“, hatte sie am Telefon gesagt, „sonst sitzt er bis Mitternacht vor dem Fernseher und ruft mich alle zehn Minuten an.“ So war aus einem Samstag, den Hannes eigentlich seiner Hobelbank versprochen hatte, ein Familienausflug geworden. Der Vater des Jungen war vor drei Jahren nach Graz gegangen und seither nur noch eine Stimme am Geburtstag. Hannes hatte nie darüber gesprochen. Er hatte einfach angefangen, Jonas zum Fußball mitzunehmen. Neben ihm, auf dem Platz am Pfeiler, saß Erwin, zweiundachtzig, im Lodenmantel, ein Transistorradio auf dem Knie, das er zu jedem Spiel mitbrachte, obwohl es seit Jahren nichts mehr empfing. „Wegen der Gewohnheit“, sagte er, wenn man ihn fragte, und seine Frau, Gott hab sie selig, hatte immer behauptet, das gelte auch für ihn. Er hatte 1984 die Eröffnung der Arena erlebt und seither, nach eigener Zählung, nur drei Heimspiele versäumt: seine Hochzeit, eine Bandscheibenoperation und einen Schneesturm. An diesem Abend hatte Erwin zum ersten Mal seit Wochen keinen Husten. Der erste Abend der Lavanttaler Wölfe 2028 war gekommen, und das ganze Tal wusste, was das bedeutete. Den alten Klub gab es nicht mehr. Er war nicht im Abstiegskampf gestorben und nicht an einer Pleite, wie es sie anderswo gab, sondern an einem einzigen Todesfall: Im Februar 2028 war sein Präsident gestorben, der Mann, der den Verein über zwanzig Jahre getragen, die Spieler bezahlt und die Schulden mit seinem Namen gedeckt hatte. Binnen weniger Wochen hatte sich gezeigt, wie sehr ein ganzer Klub an einem einzigen Menschen hängen kann, wie ein Haus an einem Balken. Als der Balken fiel, fiel das Haus. Im Frühjahr wurde der Verein aufgelöst, und Wolfsberg, eine Stadt mit fünfundzwanzigtausend Einwohnern und einer Leidenschaft, die man ihr von außen nie zugetraut hätte, stand plötzlich ohne Fußball da. Es hieß, er sei im Nebel auf der Packer Straße von der Fahrbahn abgekommen, nachts, allein, ohne Zeugen. Erwin, der neben Hannes saß, hatte dazu auf dem Friedhof nur einen Satz gesagt, den man im Tal für Trauer gehalten hatte: „Der wär bei Nebel nie gefahren.“ Er hatte ihn seither nicht wiederholt. Und einige der Älteren trugen auch heute Abend unter ihren neuen schwarz-roten Schals noch die schwarz-weißen des alten Klubs, wie Männer, die eine Hose unter der Festtagshose tragen: für den Fall, dass man sie braucht. Das hielt das Tal nicht lange aus. Im Frühsommer hatten sich ein Dutzend Unternehmer an einen Tisch gesetzt: ein Sägewerker aus dem oberen Tal, ein Autohändler, zwei Installateure, ein Bauunternehmer, eine Hotelière vom Klippitztörl, Männer und Frauen, die jahrelang auf der Ehrentribüne gesessen hatten und nun beschlossen, dass Wolfsberg nicht ohne Fußball bleiben würde. Sie nannten den neuen Klub die Lavanttaler Wölfe 2028, „weil man sich aus Trotz am besten ein neues Jahr gibt“, wie der Sägewerker bei der Gründungsfeier gesagt hatte. Fünf Monate lang hatten sie gebaut, Spieler gesucht, Trainer überzeugt, Sponsoren gebeten. Und heute, am 11. November 2028, bestritten sie ihr erstes offizielles Spiel, und den Verantwortlichen war etwas gelungen, woran niemand geglaubt hatte: Als Gegner im Gründungsspiel war Borussia Niederrhein gekommen, ein Traditionsverein aus dem Westen Deutschlands, dessen Name auch im Lavanttal jedes Kind kannte und den man dort nur die „Hengste“ nannte. Zum ersten Kader der Wölfe gehörten deshalb auch Männer, die man im Tal aus dem alten Klub kannte. Als der Verein im Frühjahr zerfallen war, hatten Berufsspieler plötzlich ohne Vertrag und ohne Gehalt dagestanden, und viele von ihnen waren monatelang arbeitslos gewesen. Der Kapitän, ein Routinier von vierunddreißig Jahren, hatte den Sommer über als Aushilfe in einem Baumarkt gearbeitet und Dübel abgewogen. Der Torhüter war mit seiner Familie schon halb auf dem Weg nach Deutschland gewesen, als die Unternehmer ihn anriefen, und hatte umgedreht. Sie unterschrieben Verträge, von denen jeder wusste, dass sie weit unter dem lagen, was sie früher verdient hatten, und sie taten es mit einer stillen Dankbarkeit, die man ihnen auf dem Rasen ansah. Neben diesen Männern spielten junge Burschen aus dem Tal, die man bisher nur aus den unteren Ligen kannte, und im Familienblock saßen Mütter und Väter, die zum ersten Mal ihren Sohn im schwarz-roten Trikot neben einem ehemaligen Profi sahen. Am Nachmittag waren sie in einem langen Zug vom Rathausplatz durch die Stadt gezogen, mit Trommeln und schwarz-roten Fahnen, unter den Zinnen des Schlosses hindurch, und ein Transparent hatte über allen Köpfen geschwankt: „Wir sind wieder da.“ Erwachsene Männer hatten geweint, und niemand hatte sich geschämt. Ein Klagenfurter Journalist hatte am Vormittag geschrieben, im Lavanttal gründe man Fußballvereine, wie man anderswo Gesangsvereine gründe. Im Tal hatte man das als Kompliment verstanden. Hinter dem linken Tor, in dem Betonbecken, das man sonst für die Schulklassen und Vereinsausflüge öffnete, standen an diesem Abend die Gäste. Achthundert Fans in Orange und Blau, vierzehn Stunden im Bus durch Bayern und über die Tauern, in einem Block mit einem Zaun darum und einem einzigen Tor, das ein Ordner mit einem Schnurrbart wie ein Besen bewachte. Sie sangen, als hätten sie die Fahrt nicht in den Knochen. Die Wolfsberger Fans antworteten mit Geheul, was die Gäste für eine Beleidigung hielten und die Wolfsberger für ein Kompliment. Hannes sah hinüber, zwischen zwei Schlucken Glühmost, und dachte, dass es ein guter Abend werden würde. Er dachte es ohne jeden Grund, so wie man vor einem Einsturz oft Gutes denkt. Lavanttaler Wölfe gegen Borussia Niederrhein, zweiundvierzigste Minute, Stand eins zu eins. Das Tor der Wölfe hatte ein Zwanzigjähriger aus St. Andrä erzielt, der vor einem Jahr noch in der Landesliga gespielt hatte und seither nicht aufgehört hatte zu lächeln. 6.912 Menschen waren gekommen, fast jeder Platz besetzt, mehr als in der gesamten Saison des alten Klubs. Die Lavanttal-Arena, 1984 gebaut und zuletzt ein wenig zu oft geflickt, fasste 7.300 und lag im Süden der Stadt, anderthalb Kilometer vom Hauptplatz entfernt. Man hörte sie atmen. Von den Stehplätzen wehte der Geruch von Bratwurst und kaltem Bier herüber, aus dem Familienblock die hellen Stimmen der Kinder, und weit hinter dem Nebel läutete eine Kirche zum Abend. Zehn Tage nach Allerheiligen brannten auf den Friedhöfen noch die Gräberlichter, in den Wirtshäusern roch es nach Martinigansl, anderswo setzten sie am elften Elften um elf Uhr elf die Narrenkappen auf, weil der Fasching begann, und über der Stadt lag eine eigentümliche Mischung aus Andacht und Fußballlaune. Und die Arena war schwarz-rot. Sie war es von den obersten Rängen bis zur Bande hinunter, ein einziger wogender Körper aus Schals und Fahnen, aus bemalten Gesichtern und schwarzen Kapuzenpullis mit roten Streifen, aus Trommeln, die den Takt vorgaben, und aus Kehlen, die nach dem langen Nachmittag längst heiser waren und trotzdem nicht aufhörten. Die Kurve hinter dem Tor hatte schon vor dem Anpfiff ein Banner über die ganze Breite gespannt, schwarz mit roter Schrift, sechzig Meter lang, und darauf nur ein Wort: „Wölfe“. Als Elias sein Tor geschossen hatte, waren alle zugleich aufgesprungen, und ein paar Fans hatten ihre Bengalen gezündet, rote Rauchschwaden, die die Ordner nicht hatten verhindern können. Sie stiegen im Flutlicht auf und mischten sich mit dem Nebel zu einem Dunst in der Farbe von altem Wein. Wildfremde lagen sich in den Armen. Ein Mann in der Reihe vor Hannes, den er seit zwanzig Jahren nur vom Sehen kannte, hatte ihn an sich gerissen und auf die Wange geküsst, und beide hatten gelacht, ohne sich zu schämen. Hannes’ Großvater war Kumpel gewesen, in St. Stefan, bis 1968 der letzte Hunt das Bergwerk verlassen hatte und über fünfzehnhundert Männer an einem einzigen Tag ohne Arbeit dastanden. Auf dem Dorfplatz, an dem Hannes jeden Morgen vorbeiging, stand noch immer ein Grubenhunt als Denkmal. „Unterm Lavanttal ist mehr Loch als Boden“, hatte der Alte gern gesagt, wenn er Besuch durch die Stube führte, und dann hatte er auf die Dielen gestampft, als könnte es darunter antworten. Hannes hatte darüber immer gelacht. An diesem Abend lachte er nicht, denn der Most in seinem Becher zitterte. Nur eine Kleinigkeit. Auf der Oberfläche zeigten sich feine Ringe, die von der Mitte nach außen liefen, regelmäßig wie auf einem Teich. Hannes sah den Becher an, dann seine Hand. Sie war ruhig. In sechs Stunden und acht Minuten würde im Krankenhaus Wolfsberg ein Mann mit bläulichen Lippen und rasselndem Atem eingeliefert werden, und seine Schwester würde an seinem Bett stehen. Das konnte Hannes nicht wissen. Er wusste nur, dass der Boden unter dem Becher summte. „Das ist der Zug“, sagte Jonas. „Am Samstag fährt kein Güterzug.“ „Dann ist es ein Lastwagen.“ Aber es war kein Lastwagen. Das Geräusch kam nicht von draußen, es kam von unten. Ein tiefes, sattes Brummen, das nicht im Ohr lag, sondern im Brustbein, in den Zähnen, in den Sohlen der Schuhe. Als würde sehr weit entfernt ein sehr großes Tier den Atem anhalten. Erwin hatte aufgehört, in sein Radio zu starren. Er sah nach unten, auf den Beton zwischen seinen Schuhen, und sein Gesicht hatte sich verändert, als hätte er etwas wiedererkannt. Nicht das Spiel machte ihn nervös. Seit einer Viertelstunde hatte er das Gefühl, jemand stehe hinter ihm, dicht, mit angehaltenem Atem, und als er sich zum dritten Mal umdrehte, sah er nur die Reihe hinter sich, Gesichter, Fahnen, ein Kind mit Zuckerwatte. Jonas zog an seinem Ärmel. „Onkel, wer summt da?“ „Niemand summt.“ „Doch“, sagte der Junge. „In den Zähnen.“ Im Pappelwäldchen hinter der Gegengeraden stieg ein Schwarm Krähen auf, lautlos, in einer einzigen dunklen Bewegung, und irgendwo an den Hängen oberhalb des Stadions begann ein Hund zu heulen, dann ein zweiter, dann alle. Der Rasen dampfte. Die Heizung unter ihm, achtzehn Kilometer Rohr, hielt ihn auf acht Grad, und wo der warme, feuchte Boden auf die kalte Abendluft traf, stieg ein dünner Dunst auf, der das Flutlicht in Säulen verwandelte und in dem sich die Spieler beim Aufwärmen bewegten wie Figuren in Milch. Auf dem Rasen blieb ein Spieler stehen. Dann noch einer. Der Schiedsrichter, den Pfiff schon an den Lippen, drehte den Kopf nach rechts, dann nach links und fasste sich ans Ohr. Der Stadionsprecher sagte: „Meine Damen und Herren, wir bitten um etwas Ruhe, es gibt eine technische –“ Dann hörte die Welt auf, so zu tun, als wäre sie fest. Der Mittelkreis sank ein. Nicht schnell, nicht wie in einem Film, sondern zuerst langsam und fast höflich, als gäbe der Boden nach, weil jemand ihn darum gebeten hatte. Der Rasen warf Falten. Die weiße Linie wellte sich. Ein Ball, den ein Ballbub am Spielfeldrand liegen gelassen hatte, rollte von selbst los, zuerst gemächlich, dann schneller, auf die Mitte zu, als zöge ihn etwas an einer Schnur. „Onkel Hannes“, sagte Jonas. Dann brach alles auf einmal. Ein Krachen, das Hannes noch tagelang im Kopf haben würde, ein Geräusch, das er nie zuvor gehört hatte und doch sofort verstand: Stein, der nachgibt. Die Mitte des Spielfelds sackte weg, hundert Quadratmeter, zweihundert, und ein schwarzer Schlund tat sich auf, in dem Rasen und Erde und Torlinie in einem Stück verschwanden. Die Spieler rannten. Zwei Verteidiger der Gäste sprangen in letzter Sekunde zur Seitenlinie. Der Mittelfeldspieler der Gäste, ein schmaler Junge mit Haarband, hob noch beide Arme, dann war er fort, und neben ihm ein Verteidiger der Wölfe und ein zweiter Gästespieler, die Hannes nicht mehr zählen konnte. Der Schiedsrichter stürzte, rappelte sich auf, lief. Der junge Stürmer der Wölfe, der Torschütze aus St. Andrä, war einen Schritt zu weit in der Mitte. Hannes sah ihn noch mit rudernden Armen an der Kante, dann schluckte der Staub ihn. Und von drüben, vom Gästeblock hinter dem Tor, kam ein Laut. Es war kein Schrei. Achthundert Menschen atmeten im selben Augenblick ein, so klang es, und danach folgte das Geräusch von Körpern, die sich gegen etwas werfen, das nicht nachgibt. Die Flutlichter flackerten, und ein Mast neigte sich, langsam, unendlich langsam, wie ein Baum, der gefällt wird. Die Gegengerade neigte sich mit. Hannes riss den Jungen an sich. Der Becher flog davon, Glühmost spritzte durch die Luft, jemand schrie, hundert, tausend schrien, und unter den Schreien hielt, tief und gleichmäßig, das Brummen an. Er spürte, wie sich unter ihm die Betonstufe senkte, einen Fingerbreit, eine Handbreit. Die vierte Reihe, der Pfeiler mit dem abgeplatzten Lack, der Aufgang: alles glitt, nicht abwärts, sondern zur Seite, wie ein Schiff, das in schwere See gerät. Erwin hielt sich das Radio vor die Brust wie ein Kind. „Halt dich fest!“, brüllte Hannes. „Halt dich an mir fest!“ Dann kam der Staub. Er schlug über die Ränge wie eine graue Welle, und mit ihm der Geruch: nasser Stein, kalt und mineralisch, und darunter etwas Süßliches, Dumpfes, das Hannes nicht einordnen konnte. Das Flutlicht erlosch Stück für Stück. Es wurde dunkel, und in der Dunkelheit hörte er Husten, Weinen, das Klirren von Metall, das Splittern von Plastiksitzen, und etwas, das er später nie wieder aus dem Ohr bekam: das nasse, dumpfe Aufschlagen von Körpern auf Beton. Er hielt Jonas fest. Der Junge zitterte, aber er lebte. Hannes zählte stumm seine eigenen Atemzüge, bis das Krachen verebbte, bis aus den Schreien einzelne Stimmen wurden: Namen, die gerufen wurden, Kinder, Mütter, ein Mann, der immer wieder dasselbe sagte, „Hilfe, bitte, Hilfe“. Irgendwann, nach einer Zeit, die er nicht hätte messen können, legte sich der Staub. Die Notbeleuchtung sprang an, orangefarben und fahl, und zeigte ihm, was von der Lavanttal-Arena übrig war. Die Gegengerade drüben stand schief, aber sie stand. Die Haupttribüne, auf der sie saßen, hatte an einer Ecke nachgegeben, ein Teil des Daches hing wie ein gebrochener Flügel. Und wo vor einer Minute noch der Rasen gewesen war, der Mittelkreis, der Anstoßpunkt, die Elfmetermarke, klaffte ein Loch, so groß, dass das Flutlicht nicht bis auf den Grund reichte. Groß genug, um zwei Busse zu verschlucken. Dann sah er die Menschen. Unterhalb des Aufgangs, wo die Stufen am stärksten gebrochen waren, lag ein Mann auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, als wolle er etwas umarmen. Über seiner Brust lag ein Betonbrocken von der Größe einer Waschmaschine. Seine Augen standen offen und sahen in die Staubwolke, die Lippen waren aufgeplatzt, und aus dem Mundwinkel lief ein dünner Faden Blut in den grauen Staub auf seinem Kinn. Er sah nicht tot aus, er sah überrascht aus. Hannes erkannte ihn. Der Kassier der Fischerrunde, die jeden Dienstag im Gasthaus saß. Eine Reihe tiefer lag eine Frau, deren Kopf in einem Winkel auf der Schulter ruhte, wie ihn kein lebender Mensch halten konnte. Ihre Jacke war am Rücken aufgerissen, und der Staub hatte sich in das Blut gesetzt, so dass sie fast grau aussah, fast wie eine Statue. Neben ihr schrie ein Mann ihren Namen, immer wieder, heiser, mit einer Stimme, die längst nicht mehr wusste, was sie sagte, und hielt ihre Hand, die schon schlaff war. Es roch nach Urin und nach Metall. Es roch nach Blut, ein süßlicher, fremder Geruch, der sich über den Gestank von Staub und nasser Erde legte und Hannes den Magen zusammenzog. Irgendwo links von ihm wimmerte jemand, ohne Worte, ein tiefer, tierischer Laut. Er sah einen Unterschenkel, der unter einer eingedrückten Sitzreihe hervorragte, die Haut aufgeplatzt, das Weiße des Knochens darin, und der Mensch, zu dem er gehörte, bewegte ihn nicht mehr. Am Rand des Lochs, mitten im orangefarbenen Licht, lag der Junge im schwarz-roten Trikot. Er war nicht gefallen. Er hatte sich an der Kante festhalten können, ein halber Körper noch oben auf dem zerrissenen Rasen, die Beine im Nichts. Hannes sah, wie er mit den Fingern in die Erde griff, wie er versuchte, sich hochzuziehen, und wie die Ränder unter seinen Händen nachgaben, ein Stück, noch ein Stück. „Mama“, sagte der Junge, nicht laut, fast erstaunt. „Mama, ich komm nicht rauf.“ Zwei Männer rannten hin, ein Ordner und einer der Gästespieler, die Hände ausgestreckt, aber der Boden unter ihnen bebte, und sie blieben stehen, wenige Meter davor. Der Junge sah sie an. Dann rutschte die Kante weg, und er war fort, und niemand hörte ihn aufschlagen. Hannes presste Jonas’ Gesicht an seine Jacke. „Schau nicht hin“, sagte er, und seine Stimme klang fremd. „Schau nicht hin.“ Neben ihm lebte Erwin. Er hatte das Radio verloren, sein linker Arm lag in einem unnatürlichen Winkel auf der Armlehne, die Hand bläulich, aber er atmete, und seine Augen waren starr auf das Loch gerichtet. „Das ist nicht möglich“, flüsterte er. „Das ist nicht möglich. Die haben doch zugemacht.“ Dann sagte er einen Namen, den Hannes nicht verstand. Es klang wie ein Frauenname. Hannes hielt die Luft an. Er sah die Ränder des Lochs, den abgebrochenen Beton, die Wurzeln des Rasens, die wie Haare in die Tiefe hingen, und weit unten, im Dunkel, etwas, das aussah wie Mauerwerk. Eine Sirene begann irgendwo in der Stadt zu heulen, dünn und weit weg, vom Nebel verschluckt, und dann eine zweite, und dann hörte er sie nicht mehr, weil Jonas flüsterte: „Onkel Hannes. Schau.“ Aus dem Loch stieg Nebel auf. Zuerst hielt Hannes ihn für den Nebel, der über der Arena lag und sich nur einen neuen Weg suchte. Aber der Nebel von draußen war kalt und stieg von der Lavant her durchs Tal. Dieser hier quoll aus dem Boden, warm, in dicken, trägen Schwaden, und er bewegte sich gegen den Wind. Er roch nach nassem Stein. Er roch nach alter Kohle. Und er roch nach etwas, das dort unten seit sechzig Jahren hätte schweigen sollen. Kapitel 1b: Der Torschütze Tag 1, Samstag, 11. November 2028, 17:42 Uhr, Lavanttal-Arena, unter dem Spielfeld Elias Woschitz hatte sich in seinem Leben nie größer gefühlt als in den elf Minuten seit seinem Tor. Er war zwanzig, Zimmererlehrling aus St. Andrä, und noch vor einem Jahr hatte er in der Landesliga vor zweihundert Zuschauern gespielt, die man mit Vornamen kannte. Jetzt stand er im Mittelkreis einer Arena, die vor Stimmen vibrierte, die Hände in die Hüften gestemmt, nach Luft schnappend, den Ball im Aus, und aus dem Familienblock rief eine Frau seinen Namen, die er unter Tausenden erkannt hätte. Seine Mutter stand auf einer Bank. Sie hatte beide Arme in die Luft gestreckt, wie damals, als er mit neun Jahren seinen ersten Pokal in die Höhe gehalten hatte. Er hob die Hand und winkte, und er spürte, wie ihm das Gesicht warm wurde. Dann zitterten seine Stollenschuhe. Es begann in den Sohlen, ein feines, gleichmäßiges Vibrieren, das er für ein Zucken der eigenen Waden hielt. Er trat von einem Fuß auf den anderen. Es hörte nicht auf. Es wurde stärker, kroch an den Schienbeinen hinauf und setzte sich in den Zähnen fest, ein tiefes Brummen, das weder aus der Luft noch aus dem Stadion kam. Der Torhüter hinten rief etwas, aber Elias verstand ihn nicht. Der Rasen unter seinen Füßen warf kleine, kaum sichtbare Wellen. Er machte einen Schritt zur Seitenlinie. Dann noch einen. Es war ein Schritt zu wenig. Der Boden ging weg. Er fiel nicht gleich. Zuerst sackte er nur, so wie man in einem Aufzug sackt, und sein Magen blieb oben, und in diesem einen Atemzug sah er alles zugleich: die Flutlichter, die flackerten, die Gegengerade, die sich wie ein Schiff neigte, das Gesicht des Schiedsrichters, den Mund weit offen. Dann war da ein Schlag gegen seine Hüfte, und er rutschte auf einer schrägen Platte aus Erde und Rasen, sein Gesicht im Gras, und der Geruch von nasser Erde füllte ihm Mund und Nase. Er krallte sich fest, mit beiden Händen, in Wurzeln, in Lehm, in irgendetwas, und die Platte unter ihm stockte, hing, zitterte. Über ihm war Staub. Durch den Staub sah er orangefarbenes Licht und Schatten, die sich bewegten, und er hörte Schreie, die weit weg waren, wie von einem Fernseher in einem anderen Zimmer. „Hilfe“, sagte er. Seine Stimme klang dünn. „Hilfe.“ Er zog sich hoch. Er schaffte einen halben Meter, dann gab die Erde unter seinen Fingern nach, und er rutschte zurück, die Beine hingen frei, unter ihnen war nichts. Er spürte es an den Waden: Kühle, und eine Weite, die wie eine Hand an ihm zog. Er sah die Köpfe an der Kante, zwei Männer, die auf ihn zurannten und dann stehen blieben, wenige Meter entfernt, die Hände ausgestreckt, aber nicht mutig genug, auf den bebenden Boden zu treten. Er verstand sie. Er hätte sich auch nicht getraut. „Mama“, sagte Elias. Er wusste nicht, warum er das sagte. Er hatte seit Jahren nicht mehr Mama gesagt, nur Mutter oder Mam. „Mama, ich komm nicht rauf.“ Die Kante brach. Es dauerte länger, als er gedacht hatte. Er fiel durch Dunkelheit, durch Luft, die plötzlich warm war, nicht kalt, und er hörte, wie über ihm das Licht kleiner wurde, ein orangefarbenes Viereck, das schrumpfte. Er sah eine Wand vorbeiziehen, Beton, weiß gestrichen, und darauf in schwarzen Ziffern eine Jahreszahl, 1968, und darunter etwas, das aussah wie Eisen, Schienen, verrostet und quer in den Fels gelegt. Er dachte klar und ruhig: Das gehört hier nicht her. Dann schlug er auf. Der Schmerz kam nicht sofort. Zuerst kam ein Geräusch, ein trockenes, hohles Knacken in seinem eigenen Körper, das er nie wieder vergessen würde, und danach eine seltsame Stille, in der er nur sein Herz hörte. Er lag auf dem Rücken im Wasser. Warm war es, wie ein Bad, das jemand vor Stunden eingelassen hatte, und es roch nach Kohle und nach etwas Süßlichem, das ihm in der Kehle hing. Dann kam der Schmerz, und er schrie, so laut er konnte, und hörte seine eigene Stimme im Fels zurückkommen. Sein rechtes Bein lag unter ihm falsch, in einem Winkel, den ein Bein nicht hat. Er konnte es nicht spüren und er konnte es nicht bewegen. In seiner Brust steckte etwas, das bei jedem Atemzug stach, und als er hustete, schmeckte er Eisen und Wärme auf der Zunge. Er wusste, was das war. Er hatte es als Kind gesehen, als sein Großvater beim Holzmachen vom Dach gestürzt war. Über ihm, sehr weit oben, hing das orangefarbene Viereck. Er hörte Stimmen, die nichts mehr mit ihm zu tun hatten, dumpf, wie durch Watte, und manchmal rieselte Erde in sein Gesicht. Er versuchte, den Arm zu heben. Er schaffte es nicht ganz. „Ich hab ein Tor geschossen“, sagte er laut, zu niemandem, und musste dabei lächeln, und das tat weh. „Ich hab heute ein Tor geschossen.“ Das Wasser stieg nicht, aber es kroch, und es kroch an seinem Nacken hoch, und irgendwann merkte er, dass er nicht mehr fror, obwohl er es hätte tun müssen. Sein Atem ging schneller und flacher, und jede Ladung Luft schien kleiner. Er dachte an seine Mutter auf der Bank, mit den erhobenen Armen. Er dachte, dass sie jetzt nach ihm suchte, und er hätte ihr gern gesagt, dass es nicht schlimm sei, dass es überhaupt nicht schlimm sei, aber seine Lippen formten nur noch Luft. Der Schmerz ließ nach. Das war das Schlimmste, denn er wusste, was das bedeutete. Zuletzt sah er das Licht oben nicht mehr, nur einen helleren Fleck in der Dunkelheit, der sich langsam bewegte, wie Nebel, der aus dem Boden stieg, und er dachte zum ersten Mal an diesem Abend etwas, das er sich nie hätte vorstellen können: dass der Berg ihn atmete. Dann war alles still, und das warme Wasser stand ruhig um sein Gesicht. Kapitel 1c: Die Tribüne Tag 1, Samstag, 11. November 2028, 17:42 Uhr, Lavanttal-Arena, Haupttribüne, Familienblock Sonja Woschitz stand noch auf der Bank, als sie sah, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte nicht herunterkommen wollen. Seit dem Tor war sie dort oben geblieben, ein Fuß auf dem Holz, der andere auf dem Betonabsatz, eine Hand an Reinholds Schulter, und hatte jeden Pass, jeden Ballverlust, jeden Zweikampf ihres Sohnes mit den Augen begleitet, als hielte sie ihn an einem unsichtbaren Seil. Zwanzig Jahre. Sie hatte ihn in Pfützen gestellt, in Regenjacken gesteckt, zu Trainings nach Bleiburg und Griffen gefahren und ihm zu jedem Spiel eine Banane und ein Stück Schokolade mitgegeben. Jetzt stand er im Mittelkreis einer Arena mit siebentausend Menschen, und sie hatte das Gefühl, dass ihr Herz nicht mehr in die Brust passte. Um sie herum wogte der Familienblock in Schwarz und Rot: Kinder mit roten Streifen im Gesicht, Großmütter mit selbstgestrickten Schals, ein Mann, der seine Tochter auf den Schultern trug und mit einer Fahne wedelte. Dazwischen immer wieder dieselben Gesichter aus St. Andrä, Nachbarn, Lehrer, der Pfarrer, der jeden Sonntag beim Hochamt für den Aufstieg gebetet hatte. Sie alle riefen Elias’ Namen, und Sonja hörte es als etwas Körperliches, wie Wärme auf der Haut. „Schau, Reinhold“, sagte sie. „Er winkt.“ Reinhold, ihr Mann, Fliesenleger, ein Mann der wenigen Worte, nickte nur, aber sie sah, dass seine Augen feucht waren. Neben ihnen standen Lena, Elias’ Freundin, neunzehn und rot im Gesicht vom Schreien, die Sonja seit dem Sommer Mama nannte, halb im Spaß, halb nicht, weil die eigene Mutter nach Wien gezogen war, und Dario, sein bester Freund aus der Landesliga, der vor vier Wochen seinen Platz im Kader verloren hatte und trotzdem keinen Schluck Bier getrunken hatte, aus Rücksicht, wie er sagte. Mia, die zwölfjährige Schwester, war mit der Oma zum Würstelstand gegangen. „Fünf Minuten“, hatte sie gerufen und die Finger gespreizt. Dann bemerkte Sonja, dass der Becher in Lenas Hand zitterte. Sie hielt es zuerst für Lenas Aufregung. Dann hörte sie es selbst: kein Geräusch, eher ein Gefühl in den Füßen, in den Knien, in den Zähnen. Das Holz der Bank unter ihrem Fuß summte. Auf dem Rasen unten stand Elias, bewegungslos, den Kopf gesenkt, wie ein Tier, das etwas wittert. Der Ball im Aus. Die Spieler, die zu den Seitenlinien blickten. Und dann sah sie die Frau. Sie stand im Mittelkreis, wo der Nebel am dichtesten lag, hinter den Spielern, die sie nicht zu bemerken schienen: eine junge Frau in einem dunklen, schlichten Kleid, mit zwei langen Zöpfen, die Hände vor dem Bauch gefaltet, wie ein Mädchen in der Kirche. Sie stand ganz still. Sie sah nicht zu den Spielern, sie sah zu den Rängen hinauf, und es kam ihr vor, als sehe sie genau in ihre Richtung. „Mama“, sagte Lena, „wer ist die Frau?“ „Welche Frau?“ Sie blinzelte. Der Nebel bewegte sich, riss auf, schloss sich wieder, und da war nichts als Nebel. „Was ist das?“, sagte Lena. Sonja antwortete nicht. Sie sah, wie ihr Sohn einen Schritt machte, dann noch einen, und sie sah in diesem Moment, was er nicht sehen konnte: dass sich unter dem Mittelkreis das Gras bewegte, wie eine Decke, unter der jemand atmet. „Elias!“, schrie sie. Sie wusste, dass er sie nicht hören konnte. Siebentausend Menschen riefen nach unten, und nur eine Mutter meinte einen einzigen Namen. Dann ging der Boden weg. Kein Einbruch, wie man ihn sich vorstellt, mit einem Knall, sondern ein Absacken, ein Wegsinken. Die Mitte des Spielfelds fiel in sich zusammen, nicht schnell, sondern fast gemächlich, und mit ihr alles, was dort stand. Sie sah die Spieler rennen, die weißen Markierungen verschwinden, einen Pfosten umkippen. Sie sah Elias, einen schwarzen Fleck mit roten Streifen, auf der Kante. Sie sah, wie er die Arme hochwarf. Sie sah, wie er zu rutschen begann. „Nein“, sagte Sonja. „Nein, nein, nein.“ Reinhold packte ihre Hand. Er war kreideweiß. Unten krallte sich ihr Sohn an die Kante. Staub zog über das Spielfeld, wallte, riss auf. Sie sah ihn hängen, die Beine über dem Nichts, die Finger im Gras. Zwei Männer rannten auf ihn zu. Sie rannten und rannten, und Sonja stand auf der Bank, das ganze Gewicht ihres Körpers nach vorn gelehnt, als könnte sie ihn an der Hand fassen, die Arme ausgestreckt, so wie vor wenigen Minuten, als sie sein Tor gefeiert hatte. Sie konnte seine Stimme nicht hören. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen. Sie sah nur seine Schultern, diese Schultern, die sie als Kind gewaschen hatte, und wie sie sich hoben und senkten. Die Männer blieben stehen. „Warum gehen die nicht weiter?“, schrie Lena. „Warum gehen die nicht weiter!“ Dann brach die Kante, und Elias verschwand. Es gab keinen Schrei. Sonja würde sich später an die Stille erinnern, die darauf folgte: Sekunden, in denen die ganze Arena den Atem anhielt, siebentausend Menschen und nicht ein Laut. Sie sah auf die Stelle, an der ihr Sohn gewesen war. Dort war Staub und Dunkelheit und ein Loch, in dem sich Licht verlor. Dann schrie sie. Sie schrie, wie sie nie in ihrem Leben geschrien hatte, ohne Worte, aus dem Bauch, einen Laut, der keinen Namen hatte. Lena sank neben ihr zusammen, die Hände vor dem Mund. Dario stand wie festgenagelt, blass, den Mund offen, und flüsterte immer wieder denselben Satz: „Er war doch da. Er war doch gerade noch da.“ Reinhold riss sie an sich, drückte ihr Gesicht an seine Brust, aber sie schlug ihn weg, wollte hinunter, wollte laufen, über die Absperrung, über das Feld, zu der Stelle, an der ihr Kind verschwunden war. „Sonja!“, brüllte er. „Nicht!“ In diesem Augenblick bewegte sich die Tribüne unter ihnen. Zuerst ein leichtes Ruckeln, dann ein tiefes, trockenes Knacken, das aus dem Beton kam, wie bei einem Ast, der bricht. Der Familienblock lag an der Ecke der Haupttribüne, nah am Spielfeld, dort, wo man kleine Kinder sitzen ließ, damit sie das Gras riechen konnten. Die vorderen Reihen sanken ab. Ein Teil der Stufen löste sich von der Wand, als hätte jemand ein Stück aus einem Kuchen gebrochen, und die Menschen auf diesen Stufen rutschten, rutschten, schrien, griffen nach Geländern, die sie nicht hielten. Sonja sah, wie ein Kind von einem Mann aufgehoben und einer Frau am Aufgang entgegengestreckt wurde, die es fing. Sie sah das. Sie sah es noch. Dann kippte die Bank unter ihrem Fuß. Sie fiel nach vorn, schlug mit der Schulter auf Beton, rollte. Reinhold fiel über sie, ihr Mann, mit seinem ganzen Körper, schwer und warm, und sie roch seinen Atem, Bier und Bratwurst und Angst. Über ihnen krachte etwas. Der Staub war überall. Sie hörte Lena, hell und schrill, wieder und wieder: „Mama! Mama!“ – obwohl sie nicht ihre Mutter war. Dann hörte sie Lena nicht mehr. Etwas Schweres legte sich auf ihre Beine. Es tat nicht sofort weh. Es drückte nur, mit der unendlichen, gleichgültigen Geduld von Stein. Sie versuchte, die Hände zu bewegen, und konnte sie nicht. Ihr Gesicht lag in feuchtem Staub, in etwas Klebrigem, das nach Metall roch. Reinhold lag neben ihr. Seine Augen standen offen, aber er blinzelte nicht. Seine Lippen formten ihren Namen, und dann tat er das nicht mehr. Es wurde schwerer zu atmen. Das war das, was sie am meisten überraschte: nicht der Schmerz, der kam langsam und fern, sondern dass die Luft nicht mehr in sie hineinwollte, als wäre sie dick geworden. Sie hörte Husten, Weinen, Metall. Irgendwo rief ein Mann nach einem Namen, den sie nicht kannte. Sie dachte an die Gulaschsuppe auf dem Herd zu Hause, an Elias’ Zeugnis, das noch immer auf dem Kühlschrank lag, an Mia, die an der Hand der Oma beim Würstelstand wartete und fünf Minuten gesagt hatte. In ihrer Jackentasche begann ein Telefon zu klingeln. Die Melodie war kindisch, ein Lied aus einem Zeichentrickfilm, das Mia ihr vor Monaten ohne zu fragen eingestellt hatte. Das Display, das sie nicht sehen konnte, leuchtete in der Dunkelheit unter den Trümmern: Mia. Es klingelte lange, mit der Hartnäckigkeit eines Kindes, das nicht glaubt, dass niemand abhebt. Es klingelte, bis es aufhörte. Dann klingelte es wieder. ... ... Die aktuelle Lesefassung ist soweit fertiggestellt und umfasst nun etwa 300 Seiten beziehungsweise circa 120.000 Wörter. bearbeitet 1. November von bobby the cat Stand: Lesefassung Version 3 0 Zitieren Diesen Beitrag teilen Link zum Beitrag Auf anderen Seiten teilen More sharing options...
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