Rapid Wien, der Wiederholungstäter: Wie ein 3:0 gegen Ried das ganze Dilemma erklärt


Es gibt Spiele, die einen Verein besser beschreiben als jede Tabelle. Das 3:0 von SK Rapid Wien gegen SV Ried im Rückspiel des Europacup-Playoffs war so eines. Nicht wegen des Ergebnisses, sondern wegen des Zeitpunkts. Eine ganze Anhängerschaft hatte mit dieser Saison innerlich längst abgeschlossen, die Erwartung lag bei null, viele schauten kaum noch hin. Und genau in diesem Moment lieferte die Mannschaft den Auftritt, auf den man das gesamte Jahr gewartet hatte.

Diese Eigenschaft, im falschen Moment stark und im entscheidenden schwach zu sein, macht Rapid zu einer der am schwersten einzuschätzenden Mannschaften Österreichs. Wer aus Form und Tabellenstand verlässliche Fußballtipps heute ableiten will, scheitert bei diesem Klub regelmäßig — weil die Leistungskurve nicht der Logik folgt, sondern dem Druck. Rapid spielt am besten, wenn es am wenigsten zu verlieren scheint.

Das Spiel, das die ganze Saison auf den Kopf stellte

Im Hinspiel hatte Rapid 1:2 verloren. Gegen den Siebten der Gesamtwertung, im ersten von zwei Finalspielen, mit dem Europacup auf dem Spiel. Das war Rapid in dieser Saison: zäh, fehleranfällig, ohne Zugriff. Das Rückspiel am 25. Mai in Hütteldorf war das genaue Gegenteil.

Den Ton setzte Nenad Cvetkovic in den ersten Sekunden, als er sich ohne Rücksicht durch drei Rieder pflügte — ein Signal, dem der Rest der Mannschaft über weite Strecken folgte. Rapid presste, gewann die Zweikämpfe, ließ Ried kaum ins Mittelfeld. Das 1:0 fiel in der 26. Minute nach einer Bolla-Ecke, Innenverteidiger Jakob Schöller stieg am höchsten und köpfte ein. In der 66. das gleiche Bild: Flanke des eingewechselten Tobias Gulliksen, wieder Schöller, wieder per Kopf. In der Nachspielzeit machte Louis Schaub, längst „Euro-Louis" gerufen, nach einer weiteren Gulliksen-Flanke alles klar. Der Kurier sprach von einem „3:0 mit Köpfchen".

Drei Tore, alle aus Flanken und Standards. Wucht, Laufbereitschaft, Präsenz in den Boxen. Schöller spielte dabei nicht einmal auf seiner Position, sondern als Linksverteidiger, und machte das so souverän, als hätte er nie etwas anderes getan. Marco Tilio, die ganze Saison als überteuerter Fehlgriff abgestempelt, war auf der Zehn der auffälligste Mann auf dem Platz. Selbst Bolla, vor dem Spiel wegen einer Magen-Darm-Erkrankung im Krankenhaus, lieferte eine seiner besten Partien.

Die immer gleiche Frage

Es funktionierte alles. Und genau das ist das Problem. Denn die naheliegendste Reaktion auf diesen Abend war nicht Jubel, sondern eine Frage: Warum nicht immer so? Warum braucht es ein Endspiel, eine Drucksituation, das Wasser bis zum Hals, damit diese Spieler abrufen, was offensichtlich in ihnen steckt?

Rapid landete in der Meistergruppe der Admiral Bundesliga 2025/26 auf Platz fünf mit 27 Punkten, zwei Zähler hinter Salzburg und einem direkten Europacup-Platz. Meister wurde LASK mit 39 Punkten vor Sturm Graz mit 37. Direkt über Rapid landete mit 29 Punkten die punktgleiche Austria Wien auf Rang vier. Für einen Kader von Rapids Wert wäre Rang drei oder vier das erwartbare Resultat gewesen. Platz fünf ist keine Katastrophe — aber eine Mannschaft, die im Playoff-Finale so auftreten kann, gehört nicht auf Platz fünf.

Woran es lag, darüber lässt sich streiten, und die Erklärungen widersprechen sich teils. Die einen verweisen auf das Mentale, auf eine Mannschaft, die gegen vermeintlich kleine Gegner zu arrogant auftrat. Andere auf die Kaderplanung und teure Zugänge, die nicht lieferten. Wieder andere auf die Trainerfrage und das ständige Hin und Her an der Seitenlinie. Wahrscheinlich stimmt von allem ein Stück. Was sich nicht wegdiskutieren lässt: Das Talent war nie das Problem. Die Konstanz schon.

Ein Klub, den man nicht abschreiben kann — und dem man nicht vertrauen darf

Hier liegt das eigentliche Wesen dieses Vereins. Rapid funktioniert in einem Zyklus: Sommereuphorie, Herbstdepression, eine lange Durststrecke, und dann, wenn alle Hoffnung verloren scheint, ein Abend, der alles wieder aufmacht. Es ist ein Muster, das sich über Jahre wiederholt und das die grün-weiße Anhängerschaft so gut kennt wie kaum eine andere in Österreich — fast schon eine Form von Abhängigkeit zwischen Klub und Fan. Kurz vor dem Punkt, an dem man endgültig loslassen würde, kommt der nächste Schuss Hoffnung.

Das macht Rapid zu einem Sonderfall. Eine Mannschaft, die man nach einer schwachen Saison nicht abschreiben kann, weil sie an einem einzigen Abend zeigt, wozu sie fähig ist. Und gleichzeitig eine, der man nicht vertrauen kann, weil dieselbe Mannschaft 32 Runden lang das Gegenteil bewiesen hat. Diese Spannung ist nicht der Defekt eines einzelnen Jahres. Sie ist die Konstante.

Der Vorfall um Yusuf Demir fügt sich in dasselbe Bild. Beim 0:2 in Graz am 17. Mai warf der 22-Jährige nach einem Foul seinen Schuh in Richtung des vierten Offiziellen Isa Simsek, sah Rot und kassierte drei Spiele Sperre — Saisonende. Barcelona-Jugend, Galatasaray-Vergangenheit, jahrelang als kommender Star gehandelt, und dann das: ein weggeworfener Schuh als Schlusspunkt einer Saison. Dass ausgerechnet der unauffällige Schöller zum Helden wurde und das einstige Wunderkind Demir zur Randnotiz, ist fast zu passend.

Was bleibt

Rapid hat den Europacup. Das 3:0 gegen Ried hat den Sommer gerettet und den Anhang versöhnt — zumindest für einen Abend. Aber wer diese Mannschaft einschätzen will, sollte sich von einem einzelnen Auftritt nicht täuschen lassen, in keine Richtung. Die Substanz ist da. Die Verlässlichkeit fehlt. Und solange sich daran strukturell nichts ändert, bleibt Rapid das, was es seit Jahren ist: ein Klub, der seine Fans nicht über Ergebnisse bindet, sondern über die Hoffnung darauf.

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