Fußball für die Masse


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Grantscherm

Fußball für die Masse

In Ashbourne wird Fußball gespielt wie im 17. Jahrhundert. Mann gegen Mann, quer durchs Dorf, und wenn's sein muss, im Wasser

Andrew Edward George Hill hat es geschafft. Mit zitternden Händen hat er von seinen Kameraden den abgeschabten Lederball übernommen und stößt ihn dreimal gegen den moosbewachsenen Stein. Ein Jubelschrei tönt durch die Nacht. "Goal!" Auf den Schultern seiner Teamkollegen wird Hill durch die Straßen von Ashbourne getragen. Stolz hält der 42 Jahre alte Engländer den Ball in seinen matschverschmierten Händen. Hill ist in diesen Minuten der glücklichste Mensch in der englischen Grafschaft Derbyshire.

Was ist geschehen? Nach 14 Stunden und 52 Minuten Spielzeit ist das "Shrovetide Match" zu Ende gegangen. Ashbourne kann aufatmen, denn schließlich steht eine über 400 Jahre alte Tradition auf dem Spiel. Noch nie gab es zwei Jahre hintereinander ein "Double Nil", torlose Spiele an beiden Tagen des Duells Up'ards gegen Down'ards, Oberstadt gegen Unterstadt, oder einfach: des Derbys.

Pflichtprogramm für Fußballfans

Die kleine Gemeinde pflegt den lokalen Wettstreit im so genannten "Hug Football", dem Massenfußball, so lange und so originalgetreu wie keine andere Stadt der Welt. Erstmals wurde das Spiel im 16. Jahrhundert im nur dreißig Kilometer entfernten Derby ausgetragen. Dort verbot die Obrigkeit den Wettstreit jedoch alsbald. Ashbourne in Derbyshire wahrte hingegen die Tradition. Für Fußballfans mit einem Faible für die Erforschung der Wurzeln des Sports ist der Besuch in Ashbourne an Faschingsdienstag und Aschermittwoch Pflicht - man muss sich ja nicht gleich wie der alljährlich anreisende Japaner Aki ins Getümmel stürzen.

Zwei Tage Hass und Feinschaft

"Das erste Mal dürfte das Spiel im Jahr 1600 oder 1601 nach der Rückkehr Charles I. ausgetragen worden sein", sagt Lindsey Porter, Heimatkundler und Chronist des "Shrovetide Matches". Vor einigen Jahren hat er ein 220 Seiten starke Standardwerk über das Spiel verfasst, nun jagt er Winter für Winter an Shrove Tuesday und Ash Wednesday weiterhin voller Neugier mit seiner Kamera dem Spiel hinterher. "Das Spiel ist ein Faszinosum. Zwei Tage lang hassen sich beste Freunde und gar Ehepartner, wenn sie zu verschiedenen Teams gehören. Am Donnerstag mögen sich aber alle wieder wie immer." Porter misst dem Spiel einen kathartischen Effekt bei. So wie die Bischöfe hier zu Lande in früheren Jahrhunderten das orgiastische Feiern ihrer Schäfchen im Zeichen der Narrenfreiheit als Ausschweifung vor der Fastenzeit duldeten, so dürfen in Ashbourne Nachbarn miteinander rangeln und hin und wieder die Fäuste fliegen lassen.

Die Spielregeln sind dabei denkbar einfach: Der Ball wird vornehmlich mit der Kraft der rangelnden Menge vorangetrieben. Ganz Ashbourne ist das Spielfeld. Nur der Friedhof, Häuser und private Gärten sind tabu. Ziel des Spiels ist es, den Ball zum "Tor" zu befördern - in Wahrheit handelt es sich um zwei große Steine, die direkt am Ufer des Baches stehen. Der Haken: Die beiden Tore stehen knapp fünf Kilometer auseinander.

Das "Shrovetide Match" wird jeweils um 14 Uhr mit dem traditionellen Einwurf eröffnet. Wird vor 17 Uhr ein Tor erzielt, gibt es einen erneuten Einwurf. Fällt ein Tor nach 17 Uhr, wird für den Tag abgebrochen, sonst dauert der Kampf bis 22 Uhr.

Vorkehrungen werden getroffen

Die Einwohner Ashbournes sind wohl vorbereitet: Die Schaufenster der Geschäfte sind durch dicke Balken geschützt, damit die Menge sie nicht im Eifer des Gefechts eindrückt. Autos werden wohlweislich außerhalb des Ortes in Sicherheit gebracht. Rund 250 Ashbournians, die sich seit Monaten mit wöchentlichem Training vorbereitet haben, nehmen am Spiel teil, weitere rund 3000 bis 4000 der insgesamt 6500 Einwohner singen zunächst die Hymnen auf England und das Königreich mit und verfolgen anschließend das Geschehen aus dem respektvollen Abstand einiger Meter. Zwar ist das Spiel meist eine sehr statische Angelegenheit, weil dutzende Menschen in einem riesengroßen Knäuel verhakt sind, wie beim Rugby drängeln und schieben und an einem einzigen Ball zerren, der den doppelten Umfang eines Fußballs besitzt und auch wegen seiner harten Korkfüllung und seines Gewichts zum Kicken denkbar ungeeignet ist. Der Ball wird stattdessen höchstens einmal ein paar Meter weit geworfen, wenn ihn einer der Mitstreiter oberhalb des Gerangels zu fassen kriegt.

Ein statisches Spiel

Ganz selten entwischt einmal einer der schnellen Läufer mit dem Ball, dann rollt sich die Menschenmasse gewaltig schnell in der Verfolgung die Straßen entlang. In diesen Momenten macht sich der Sicherheitsabstand bezahlt. Denn dann walten rohe Kräfte einigermaßen sinnlos, eine Menschenlawine rollt auf die Zuschauer zu, die unversehens von unbeteiligten Beobachtern zu eingequetschten Mitspielern werden. Dann kann es an Mauern oder Hauswänden ungemütlich werden, was Mütter und Väter nicht hindert, ihre Kleinkinder zum Zuschauen mitzubringen.

Hinein in`s kühle Nass

Wenige Meter weiter erlahmt der Kampf dann wieder. Manchmal wird auch das Wort Spielfluss ganz wortgetreu in den Kampf eingeführt. Dann findet der Ball seinen Weg in den River Henmore, der die beiden Ortsteile Ashbournes voneinander trennt. Im hüfttiefen Wasser plätschert das Spiel dann dahin. Vor allem die Down'ards verlagern das Geschehen gern ins feuchte Element. Denn ihr Tor an Cliffton Mill, einer ehemaligen Mühle, liegt anderthalb Meilen flussabwärts der Ortsmitte. Strömung und Gefälle helfen ihnen auf dem Weg zum Ziel, während die Up'ards den Ball anderthalb Meilen flussaufwärts treiben müssen. "Zudem spezialisieren wir uns schon von jeher auf das ,River Play'", erläutert Ernie Grant. Der Mittsechziger ist eines der Originale unter den Down'ards. Am Vorabend des Matches gibt er im "Wheel Inn", der Stammkneipe seines Teams, die großen Geschichten aus der Historie immer wieder zum Besten, um die jüngeren Generationen und Zugereiste an den Respekt gegenüber "ye olde game" zu gemahnen.

Immer wieder kommt dabei die Geschichte zu Gehör, die Grant zur Legende des "River Play" werden ließ: Bei sieben Grad unter null Außentemperatur sprang er einst in den Fluss und brachte den Ball heim. Damit sicherte sich Grant Unsterblichkeit. Auf der "roll of honour", einer riesengroßen, altehrwürdigen Klapptafel im großen Saal des "Green Man", des größten Gasthofs Ashbournes, ist sein Name seit seinem Husarenstreich 1970 eingraviert. Nur vier Jahre später schaffte es auch Ian Bates auf die Tafel der Helden. "Das war der stolzeste Tag in meinem Leben", berichtet der freundliche Mann, dem noch andere Ehren zuteil wurden: Er war Bürgermeister der Gemeinde. Außerdem durfte er 1990 auch ein Mal den Ball einwerfen, was den allerehrwürdigsten Menschen vorbehalten ist. Neben den lokalen Größen durften das bislang nur Fußballlegenden wie Sir Stanley Matthews oder wie im Jahr 2003 Seine Hoheit Prinz Charles, dessen Präsenz das "Shrovetide Match" fortan zum "Royal Shrovetide Match" beförderte. (Daniel Meuren/Der Standard/RONDO/19.1.2007)

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ASB-Halbgott

Fußball für die Masse

In Ashbourne wird Fußball gespielt wie im 17. Jahrhundert. Mann gegen Mann, quer durchs Dorf, und wenn's sein muss, im Wasser

Andrew Edward George Hill hat es geschafft. Mit zitternden Händen hat er von seinen Kameraden den abgeschabten Lederball übernommen und stößt ihn dreimal gegen den moosbewachsenen Stein. Ein Jubelschrei tönt durch die Nacht. "Goal!" Auf den Schultern seiner Teamkollegen wird Hill durch die Straßen von Ashbourne getragen. Stolz hält der 42 Jahre alte Engländer den Ball in seinen matschverschmierten Händen. Hill ist in diesen Minuten der glücklichste Mensch in der englischen Grafschaft Derbyshire.

Was ist geschehen? Nach 14 Stunden und 52 Minuten Spielzeit ist das "Shrovetide Match" zu Ende gegangen. Ashbourne kann aufatmen, denn schließlich steht eine über 400 Jahre alte Tradition auf dem Spiel. Noch nie gab es zwei Jahre hintereinander ein "Double Nil", torlose Spiele an beiden Tagen des Duells Up'ards gegen Down'ards, Oberstadt gegen Unterstadt, oder einfach: des Derbys.

Pflichtprogramm für Fußballfans

Die kleine Gemeinde pflegt den lokalen Wettstreit im so genannten "Hug Football", dem Massenfußball, so lange und so originalgetreu wie keine andere Stadt der Welt. Erstmals wurde das Spiel im 16. Jahrhundert im nur dreißig Kilometer entfernten Derby ausgetragen. Dort verbot die Obrigkeit den Wettstreit jedoch alsbald. Ashbourne in Derbyshire wahrte hingegen die Tradition. Für Fußballfans mit einem Faible für die Erforschung der Wurzeln des Sports ist der Besuch in Ashbourne an Faschingsdienstag und Aschermittwoch Pflicht - man muss sich ja nicht gleich wie der alljährlich anreisende Japaner Aki ins Getümmel stürzen.

Zwei Tage Hass und Feinschaft

"Das erste Mal dürfte das Spiel im Jahr 1600 oder 1601 nach der Rückkehr Charles I. ausgetragen worden sein", sagt Lindsey Porter, Heimatkundler und Chronist des "Shrovetide Matches". Vor einigen Jahren hat er ein 220 Seiten starke Standardwerk über das Spiel verfasst, nun jagt er Winter für Winter an Shrove Tuesday und Ash Wednesday weiterhin voller Neugier mit seiner Kamera dem Spiel hinterher. "Das Spiel ist ein Faszinosum. Zwei Tage lang hassen sich beste Freunde und gar Ehepartner, wenn sie zu verschiedenen Teams gehören. Am Donnerstag mögen sich aber alle wieder wie immer." Porter misst dem Spiel einen kathartischen Effekt bei. So wie die Bischöfe hier zu Lande in früheren Jahrhunderten das orgiastische Feiern ihrer Schäfchen im Zeichen der Narrenfreiheit als Ausschweifung vor der Fastenzeit duldeten, so dürfen in Ashbourne Nachbarn miteinander rangeln und hin und wieder die Fäuste fliegen lassen.

Die Spielregeln sind dabei denkbar einfach: Der Ball wird vornehmlich mit der Kraft der rangelnden Menge vorangetrieben. Ganz Ashbourne ist das Spielfeld. Nur der Friedhof, Häuser und private Gärten sind tabu. Ziel des Spiels ist es, den Ball zum "Tor" zu befördern - in Wahrheit handelt es sich um zwei große Steine, die direkt am Ufer des Baches stehen. Der Haken: Die beiden Tore stehen knapp fünf Kilometer auseinander.

Das "Shrovetide Match" wird jeweils um 14 Uhr mit dem traditionellen Einwurf eröffnet. Wird vor 17 Uhr ein Tor erzielt, gibt es einen erneuten Einwurf. Fällt ein Tor nach 17 Uhr, wird für den Tag abgebrochen, sonst dauert der Kampf bis 22 Uhr.

Vorkehrungen werden getroffen

Die Einwohner Ashbournes sind wohl vorbereitet: Die Schaufenster der Geschäfte sind durch dicke Balken geschützt, damit die Menge sie nicht im Eifer des Gefechts eindrückt. Autos werden wohlweislich außerhalb des Ortes in Sicherheit gebracht. Rund 250 Ashbournians, die sich seit Monaten mit wöchentlichem Training vorbereitet haben, nehmen am Spiel teil, weitere rund 3000 bis 4000 der insgesamt 6500 Einwohner singen zunächst die Hymnen auf England und das Königreich mit und verfolgen anschließend das Geschehen aus dem respektvollen Abstand einiger Meter. Zwar ist das Spiel meist eine sehr statische Angelegenheit, weil dutzende Menschen in einem riesengroßen Knäuel verhakt sind, wie beim Rugby drängeln und schieben und an einem einzigen Ball zerren, der den doppelten Umfang eines Fußballs besitzt und auch wegen seiner harten Korkfüllung und seines Gewichts zum Kicken denkbar ungeeignet ist. Der Ball wird stattdessen höchstens einmal ein paar Meter weit geworfen, wenn ihn einer der Mitstreiter oberhalb des Gerangels zu fassen kriegt.

Ein statisches Spiel

Ganz selten entwischt einmal einer der schnellen Läufer mit dem Ball, dann rollt sich die Menschenmasse gewaltig schnell in der Verfolgung die Straßen entlang. In diesen Momenten macht sich der Sicherheitsabstand bezahlt. Denn dann walten rohe Kräfte einigermaßen sinnlos, eine Menschenlawine rollt auf die Zuschauer zu, die unversehens von unbeteiligten Beobachtern zu eingequetschten Mitspielern werden. Dann kann es an Mauern oder Hauswänden ungemütlich werden, was Mütter und Väter nicht hindert, ihre Kleinkinder zum Zuschauen mitzubringen.

Hinein in`s kühle Nass

Wenige Meter weiter erlahmt der Kampf dann wieder. Manchmal wird auch das Wort Spielfluss ganz wortgetreu in den Kampf eingeführt. Dann findet der Ball seinen Weg in den River Henmore, der die beiden Ortsteile Ashbournes voneinander trennt. Im hüfttiefen Wasser plätschert das Spiel dann dahin. Vor allem die Down'ards verlagern das Geschehen gern ins feuchte Element. Denn ihr Tor an Cliffton Mill, einer ehemaligen Mühle, liegt anderthalb Meilen flussabwärts der Ortsmitte. Strömung und Gefälle helfen ihnen auf dem Weg zum Ziel, während die Up'ards den Ball anderthalb Meilen flussaufwärts treiben müssen. "Zudem spezialisieren wir uns schon von jeher auf das ,River Play'", erläutert Ernie Grant. Der Mittsechziger ist eines der Originale unter den Down'ards. Am Vorabend des Matches gibt er im "Wheel Inn", der Stammkneipe seines Teams, die großen Geschichten aus der Historie immer wieder zum Besten, um die jüngeren Generationen und Zugereiste an den Respekt gegenüber "ye olde game" zu gemahnen.

Immer wieder kommt dabei die Geschichte zu Gehör, die Grant zur Legende des "River Play" werden ließ: Bei sieben Grad unter null Außentemperatur sprang er einst in den Fluss und brachte den Ball heim. Damit sicherte sich Grant Unsterblichkeit. Auf der "roll of honour", einer riesengroßen, altehrwürdigen Klapptafel im großen Saal des "Green Man", des größten Gasthofs Ashbournes, ist sein Name seit seinem Husarenstreich 1970 eingraviert. Nur vier Jahre später schaffte es auch Ian Bates auf die Tafel der Helden. "Das war der stolzeste Tag in meinem Leben", berichtet der freundliche Mann, dem noch andere Ehren zuteil wurden: Er war Bürgermeister der Gemeinde. Außerdem durfte er 1990 auch ein Mal den Ball einwerfen, was den allerehrwürdigsten Menschen vorbehalten ist. Neben den lokalen Größen durften das bislang nur Fußballlegenden wie Sir Stanley Matthews oder wie im Jahr 2003 Seine Hoheit Prinz Charles, dessen Präsenz das "Shrovetide Match" fortan zum "Royal Shrovetide Match" beförderte. (Daniel Meuren/Der Standard/RONDO/19.1.2007)

klingt gut und verlockend zum nachmachen.

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