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dr. schienbein-schützer

Grundsatzfrage

22 posts in this topic

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Es ist schon erstaunlich, was derzeit in Deutschland im und mit dem Fußball passiert. Da gibt es einen Bundestrainer, der in Kalifornien residiert und mittels Internet seine Depeschen verschickt, aufgrund dessen vor den Bundestag zitiert werden sollte und schließlich von der Bundeskanzlerin, neben Köhler scheinbar die einzige Vorgesetzte Klinsmanns, das Vertrauen ausgesprochen bekommt.

An die Hysterie um das nationale Erweckungserlebnis Weltmeisterschaft hat man sich ja bereits gewöhnt. Vielleicht ist man auch nur abgestumpft. Wenn sich jetzt noch die Politik einmischt, dann wird ganz klar übertrieben. Der Sport und die Politik, insbesondere der Fußball sind voneinander zu trennen. Nichts gegen gesunde Rivalität auf dem Rasen und frenetischer Anfeuerung, aber als Ort der Auseinandersetzung mit grundsätzlicheren Fragestellungen ist das Stadion ungeeignet.

Bleibt nur zu hoffen, dass Österreich so etwas 2008 erspart bleibt. Aber in Anbetracht der Dampfwalze UEFA und im Lichte des Dopingskandals bei den Biathleten eine nur vage Hoffnung......

Es ist an der Zeit zu überdenken, welche Rolle der Sport in der Gesellschaft einnimmt.

Dr. Schienbein-Schützer

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Waren es vor einigen Tagen und Wochen noch Zweifel am Verstand der deutschen Gewaltigen, die die Weltmeisterschaft im eigenen Land derart politisierten, dass man sich nicht ganz sicher sein konnte, ob Beckenbauer, merkel, Rummenigge, Klinsmann und Co. noch ganz bei Trost sind, die uns beherrschten, so sind diese Zweifel mittlerweile absoluter Gewißheit gewichen.

Titan-Kahn oder vielleicht auch Kahn-Titan oder wie immer die Zeitungen den ständig kränkelnden Heros von 2002 auch nennen mögen, wird nicht mehr zurückkehren. Dies wurde im Verlauf eines Wochenendes voller Abgesänge und Nachrufe einmal mehr deutlich. Dazu bedurfte es nicht erst des Mitleids führender Politiker unseres nördlichen Nachbarn.

Richtig traurig und entlarvend wird die Kahn-Hysterie aber erst beim Blick auf die deutsche Befindlichkeit so wenige Tage vor der WM. Da werden zwei Geisel, die per Video um ihr Leben flehen in den Hintergrund gerückt, da sind seit Monaten sonstige Probleme von denen es ja reichlich gibt bedächtig unter den Teppich gekehrt worden, da gibt es die niedrigste Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen seit Gründung der BRD, aber man hat ja zum Glück die T-Frage.

Was passiert jedocvh jetzt, wo die T-Frage endgültig entschieden ist? Welches Thema wird nun im Bundestag, in den Werkhallen, den Arbeitsämtern, den Zeitungen und den Büros diskutiert werden? Kahns Rücktritt von der Nationalmannschaft? Nur temporär interessant, siehe Ballck-Diskussion. Klismanns Wohnsitz in Kalifornien? Vergeßt es, schon zu ausgelutscht! Die Sicherheitsvorkehrungen? Uninteressant, denn jeder weiß, dass man nicht einfach ein Fußballspiel besuchen kann ohne kriminaltechnische Untersuchung. Die Eintrittskarten? S.o.!

Wie gut das "der Irre von Teheran" seinen Besuch in Deutschland angekündigt hat, zumindest vermeint dies die veröffentlichte Meinung zu wissen. Zwar ist aus dem Iran bislang keinerlei Bestätigung oder ähnliches eingegangen, doch schon haben die Politiker nichts anderes zu tun, als die Weltmeisterschaft wieder mal als ihre Bühne zu mißbrauchen.

Vielleicht sollte man - man verzeihe mir die Blasphemie - darauf hoffen, dass die DFB Elf schon nach der Vorrunde rausfliegt, zu gerne würde ich das Geschnatter und die gescheiterte Erweckung aus dem germanischen Dornröschenschlaf miterleben.

Dr. Artur Schienbein Schützer

Edited by dr. schienbein-schützer

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Gut 4 Dutzend Tage vor der WM erobern die unschönen Nebensächlichkeiten unseres Sports immer mehr das Feld.

Egal ob es sich um Ausschreitungen neben bzw. auf dem Feld handelt oder Wachstumsprognosen durch die WM oder sinnfreie Debatten um Hockeytrainer oder eine millionenschwere Bonifikation für einen maximal mittelmäßigen Spieler oder entlarvende Staatsangehörigkeitsfragen oder fragwürdige Ticketvergaben oder primitive Wettskandale oder drohende Pleiten renommierter Vereine oder haarsträubenden Sicherheitsdiskussionen oder peinliche Bigamievorwürfe oder abgesagte Eröffnungsfeiern oder strafrechtlich relevante Tätlichkeiten auf dem Spielfeld oder die unvermeidlichen Trainerdiskussionen oder um erteilte Redeverbote – spielt endlich wieder Fußball!

Langsam reicht es! Denn die Qualität des Fußballs leidet darunter. Interessieren solch entbehrliche Diskussionen wirklich irgendjemanden? Es ist schwer sich das vorzustellen, resultieren diese doch zumeist aus den persönlichen Eitelkeiten einiger Fußballoberen und Spieler sowie aus einer hemmungslosen Selbstüberschätzung der Verbände.

Es ist nur Fußball, nicht mehr aber auch nicht weniger. Gebt den Fans das Spiel zurück!

Dr. Artur Schienbein-Schützer

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Nachstehender Artikel ist seit ein paar Tagen in der Online Ausgabe der FAZ zu lesen.

Er stand im Wirtschaftsteil!

"WM-Vermarktung

Bundesrichter als Schiedsrichter

Von Corinna Budras

Traditionelle Kampagne: Darf Ferrero weiterhin mit "WM 2006" werben?

28. April 2006

Die Fußball-Weltmeisterschaft bricht alle Rekorde: Selbst bei den Zuschauerzahlen ist sie nach Angaben des Veranstalters, des Weltfußballverbandes Fifa, das größte Sportereignis der Welt und übertrumpft damit sogar die Olympischen Spiele. Von der wirtschaftlichen Anziehungskraft für die Veranstaltungsländer ganz zu schweigen. Inzwischen haben auch die juristischen Auseinandersetzungen um die Werbungsmöglichkeiten mit der Großveranstaltung außergewöhnliche Dimensionen angenommen. Ein klärendes Wort hat nun der Bundesgerichtshof verkündet. Es wird allerdings wohl nicht das letzte klärende Wort gewesen sein.

Die Streitereien sind vielfältig und komplex, sie haben nationale und internationale Dimensionen. Vor allem jedoch geht es um sehr viel Geld. Zahlreiche Unternehmen - große Weltkonzerne genauso wie lokale Läden - wollen mit dem positiven Image des Sportereignisses werben und damit ihre Umsätze steigern. Doch gegen die freie Vermarktung der Veranstaltung wehrt sich die Fifa vehement. Schon frühzeitig läßt sie sich die verschiedensten Begriffe auf nationaler und europäischer Ebene als Marken sichern und verhindert so, daß andere Unternehmen ohne Erlaubnis auf den Werbezug aufspringen können.

Eine gewisse Exklusivität

Offizieller Sponsor der WM: Adidas

Der Süßwarenhersteller Ferrero und viele andere Unternehmen begehren dagegen jedoch auf. Vor dem Bundesgerichtshof war Ferrero schließlich in seinem jahrelangen Streit mit der Fifa erfolgreich. Zumindest den Begriff „Fußball WM 2006“ darf sich die Fifa nicht schützen lassen, da ihn die Bevölkerung als rein beschreibende Angabe für das im Sommer in Deutschland stattfindende Sportereignis auffasse, urteilten die Richter. Deshalb fehle ihm die notwendige Unterscheidungskraft, die für eine Eintragung beim Markenamt notwendig sei.

Diese Entscheidung hat für Erleichterung beim Einzelhandel gesorgt. Armin Busacker, Geschäftsführer des Branchenverbandes HDE, geht jetzt davon aus, daß viele Unternehmen - auch größere Einzelhandelsketten - die letzten Wochen vor dem Anstoß am 9. Juni dazu nutzen werden, ihre Werbestrategie noch auf die Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten. Die Fifa reagierte naturgemäß weniger erfreut: Sie sieht das Urteil als negatives Signal für das Wachstum des Sports „und generell für die Organisatoren von sportlichen Großveranstaltungen“. Solche Sportereignisse müßten mit internationalen Sponsoren finanziert werden, die eine gewisse Exklusivität erwarten könnten.

„Ein ganzes Rechtepaket“

Selbst die Winzer setzen auf die WM

Diese offiziellen Sponsoren, die die Fifa mit ihrem rigiden Einsatz für ihre Markenrechte zu schützen sucht, reagieren hingegen gelassen auf die Entscheidung des Karlsruher Gerichts. Für die Deutsche Telekom etwa, die für den über vier Jahre geschlossenen Sponsorenvertrag rund 100 Millionen Euro ausgibt, habe die Entscheidung wenig Bedeutung. „Wir arbeiten seit Jahren mit den von der Fifa erworbenen Rechten. Dabei haben wir ein ganzes Rechtepaket erworben, das weit über das hinausgeht, was von dem Urteil jetzt berührt wird“, sagte Telekom-Sprecher Matthias Schumann.

Auch Adidas betonte, daß dieses Urteil die Sponsoringstrategie „in keinster Weise“ beeinträchtige. Als offizieller Sponsor, Ausrüster und Lizenznehmer habe man umfangreiche Exklusivrechte, die eine entsprechende Positionierung der Marke gewährleisteten. Zudem weist der Sportartikelhersteller darauf hin, daß solche Großevents seit jeher von Unternehmen zu Werbezwecken genutzt worden seien - auch ohne Lizenzen. „Nach unserer Erfahrung und Überzeugung wird dies vom Verbraucher auch durchaus realistisch und differenziert wahrgenommen“, unterstrich Adidas. Hieran werde sich auch durch die nunmehr freigegebene Nutzung eines Begriffs nichts ändern.

Entscheidung auf europäischer Ebene

Eine komplette Freigabe einer WM-Werbung bedeutet das Urteil des Bundesgerichtshofs ohnehin nicht. Den Begriff „WM 2006“ darf sich die Fifa für einige Waren und Produkte schützen lassen, weil der Geschäftsverkehr damit nicht automatisch die Fußball-Weltmeisterschaft in Zusammenhang bringt und er damit - für den juristischen Laien schwer vermittelbar - nicht nur rein beschreibender Natur ist. So könne auch ein Sack Kies die Bezeichnung „WM 2006“ tragen, ohne direkt Assoziationen zu dem Fußballereignis zu wecken.

Außerdem pocht die Fifa auch weiterhin auf ihre Marken, die sie sich auf europäischer Ebene beim Harmonisierungsamt im spanischen Alicante hat eintragen läßt. Dort steht etwa „WM 2006“ als vollständige Marke für alle Produkte im Register. Ferrero hat auch gegen diese Eintragung Beschwerde eingelegt, über sie ist jedoch noch nicht abschließend entschieden. Als höchste Instanz ist für diese Frage der Europäische Gerichtshof in Luxemburg zuständig. Doch mit einer endgültigen Entscheidung auf europäischer Ebene vor dem Anstoß rechnet wohl niemand.

„Das Osterfest wird nicht vom Papst verantsaltet“

Ferrero hat bereits vor der Entscheidung des Bundesgerichtshof mit seiner traditionellen Werbekampagne begonnen, die das Unternehmen bereits seit mehr als 20 Jahren bei jeder Europameisterschaft und Fußballmeisterschaft startet. Statt direkt mit „WM-Sammelbildern“ zu werben, haben sie einen indirekten Weg gewählt: „Unser DFB-Team bei der WM 2006“ prangt bereits seit Wochen etwa auf ihren Duplo-Schokoladenriegeln. Vor dem Oberlandesgericht Hamburg hatte der Süßwarenhersteller damit Erfolg. Bereits vor dem Urteil des Bundesgerichtshofs haben Anwälte deshalb grundsätzlich geraten, in der Werbung nur beschreibend auf die WM Bezug zu nehmen.

Für Ferrero hat die juristische Auseinandersetzung mit der Fifa nicht nur finanzielle Gründe, dem Unternehmen geht es auch um Prinzip: Die Begriffe seien so allgemein, daß niemand sie sich reservieren könne. Jedes Jahr fänden eine Vielzahl von Weltmeisterschaften statt. Selbst mehrere Fußball-Weltmeisterschaften würden in diesem Jahr ausgetragen, darunter eine Roboter-Fußballweltmeisterschaft und eine Strand-Weltmeisterschaft, erklärte der Ferrero-Rechtsvertreter Götz Jordan vor dem Bundesgerichtshof. „Man stelle sich nur mal vor, der Vatikan würde sich Ostern oder Weihnachten als Marke schützen lassen.“ Das ist jedoch ein Vergleich, den die Fifa nicht gelten läßt. So konterte Rechtsanwalt Herbert Messer: „Aber das Osterfest wird nun einmal nicht vom Papst veranstaltet.“"

Dr. Schienbein-Schützer

Edited by dr. schienbein-schützer

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Entnommen aus der Frankfurter Rundschau:

Es war ein Spiel der Superlative, als am 22. Juni 1986 England und Argentinien im Viertelfinale der Fußball-WM aufeinander trafen. In der sommerlichen Hitze des Aztekenstadions in Mexiko City wurde der argentinische Nationalspieler Diego Maradona von der "Hand Gottes berührt". So zumindest sagte es der Kicker zunächst, ehe er Jahre später das Offensichtliche eingestand: dass seine eigene Hand den Ball ins Tor und die argentinische Mannschaft ins Finale befördert hatte.

Doch seit der "Goldjunge" seine Mannschaft in den WM-Himmel schoss, beten ihn Fans auf der ganzen Welt an. Vor allem natürlich in seiner Heimat Argentinien. Vor vier Jahren gründeten ein paar Maradona-Fans im mittelargentinischen Rosario die Kirche "La mano de dios", zu Deutsch: die Hand Gottes. Hernán Amez, einer der Gründer, sagt: "Wenn Fußball unsere Religion ist, ist Diego unser Gott. Und Gläubige brauchen einen Ort, an dem sie ihren Glauben leben können."

Mittlerweile gibt es Maradona-Kirchenvertretungen in 600 Städten auf der ganzen Welt. Über 60 000 Menschen bekennen sich zu ihrer Verehrung für die (Nummer) "Zehn". Nach Argentinien, Spanien und Brasilien hat Deutschland die meisten Maradona-Gläubigen, aber auch in Australien, China oder Island ist die Kirche ein Erfolg. "Alle sind bei uns willkommen, egal ob Mann oder Frau, katholisch oder atheistisch. Auch ihr Fußballclub spielt keine Rolle, aber die zehn Gebote unserer Kirche müssen sie natürlich befolgen", betont Maradona-Priester Amez. Gebote wie "Der Fußball darf nicht befleckt werden", "Liebe den Fußball über allen Dingen" und "Nenne deinen Sohn Diego".

Die Maradona-Anhänger aus Rosario haben an alles gedacht, was zu einer Kirche dazugehört: der Rosenkranz besteht aus 33 Miniaturfußbällen und einem Fußballschuh anstelle des Kreuzes. Das macht insgesamt 34, also die Zahl der Tore, die Diego für die Nationalmannschaft erzielte. Als heiliges Buch gilt Maradonas Autobiografie aus dem Jahr 2000, und natürlich wird auch Weihnachten gefeiert: Am 30. Oktober, als Maradona 1960 im Armenviertel Lanús in der Provinz Buenos Aires das Licht der Welt erblickte, oder wie Amez sagt, "als dieses wunderbare Wesen zu seinen Eltern kam".

Keine Frage, Diego Maradona produziert Wunder und seine Kirche erinnert daran. Und natürlich verkörpert er mit seinem kometenhaften Aufstieg vom Jungen aus dem Armenviertel zum Weltstar den Traum aller armen Menschen. Das ist nicht unwichtig in einem Land, in dem die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze lebt.

Der argentinische Soziologe und Publizist Pablo Alabarces sagt, die Maradona-Kirche sei "ein klassisches Phänomen von Volksglauben. Man nimmt sich eine Gottheit oder so etwas Ähnliches, die fern vom Zentrum der Macht existiert und deshalb nie heilig gesprochen werden wird." Dass sich die Argentinier jedoch gerade jemanden wie den am Drogenkonsum gescheiterten Diego Maradona ausgesucht haben, findet Alabarces traurig. "Ich glaube, dass es eine schlechte Diagnose der argentinischen Volkskultur ist, wenn sie einzig auf jemanden als Identifikationsmodell angewiesen ist, der schlussendlich scheitert". Da ist die Studentin und regelmäßige Maradona-Kirchgängerin Rocío aber ganz anderer Meinung: "Maradona ist ein Ausnahmefußballer. Er hat was Magisches und deshalb liebe und verehre ich ihn."

Dazu gibt es wohl nichts mehr hinzuzufügen,

Dr. Artur Schienbein-Schützer

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Wo ist schon der Unterschied zwischen Religion und Fußball?

und für Deutschland gibts nur alle 30 Jahre eine WM da müssen schon ein paar Geiseln in den Hintergrund treten denn die gibts ja bekanntlich im Durschnitt jedes Jahr besonders in den letzten Jahren eher schon abgedroschen!

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das Interview mit Sepp Blatter ist der Zeit vom 20.04. entnommen:

Er beherrscht den Weltfußball und polarisiert wie kein Zweiter. Fifa-Chef Joseph Blatter über seine Herrschaftsmethoden und den Ärger der Fans

DIE ZEIT:Herr Blatter, sobald Sie ein deutsches Fußballstadion betreten, werden Sie ausgepfiffen. Wie fühlt sich das an, allein gegen 60.000?

Joseph Blatter: Angenehm ist es nicht. Das Motto der Weltmeisterschaft in Deutschland lautet ja: »Die Welt zu Gast bei Freunden«. Und ausgerechnet die Nummer eins der Fußballwelt wird unfreundlich behandelt.

ZEIT: Die Deutschen sind schlechte Gastgeber?

Blatter: Nein. Es pfeifen ja auch nicht alle 60000 Menschen im Stadion. Die Fans, die pfeifen, sehen nur das Feindbild Blatter, das seit Jahren von den Medien aufgebaut wurde. Da ist es nur logisch, dass sie auf diese Weise reagieren. Ich kann nur versuchen, den Leuten klar zu machen, dass ich nicht der Buhmann bin.

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Versuchens Sie es doch mal!

ZEIT: Sie gelten als letzter Diktator Europas…

Blatter: …das ist mir neu.

ZEIT: …weil Sie den Weltfußballverband vom Stammsitz Zürich aus wie ein Alleinherrscher führen. Karl-Heinz Rummenigge, der Präsident des FC Bayern München hat das vor kurzem so zusammengefasst: Blatter dient dem Fußball nicht, aber der Fußball dient Blatter.

Blatter: Es verletzt mich, wenn ein Fußballer, den ich sehr gut kenne, so etwas sagt. Er sollte es besser wissen. Die Fifa hat 207 Mitgliedsländer, mehr als die Vereinten Nationen, und jeder Landesverband vertritt seine eigene Meinung. Da gibt es keine allgemein gültige Doktrin. Es ist doch vielmehr so: Der Präsident der Fifa wird von der Generalversammlung gewählt, die anderen Mitglieder des Exekutivkomitees – meiner Regierung, wenn Sie wollen – werden aber von den verschiedenen Konföderationen gewählt. Die vertreten ihre Meinung, und ich stehe allein da. Da muss man ab und zu eine Entscheidung treffen. Soll das diktatorisch sein?

ZEIT: Am Ende setzt sich Ihre Meinung durch.

Blatter: Nicht immer, aber meine Meinung setzt sich durch, wenn es um etwas Wesentliches geht. An der Spitze muss eben jemand stehen, der ja sagt oder nein.

ZEIT: Die Fifa hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins und gibt gleichzeitig viel Geld für Spesen, Bezüge und Privilegien ihrer Funktionäre aus. Wie passt das zusammen?

Blatter: Als wir noch kein Geld hatten, waren die Spesen gering. Heute haben wir mehr Geld, weil der Umsatz höher ist und damit natürlich auch die Arbeit umfangreicher geworden ist. Also sind auch die Spesen höher. Früher beschäftigte die Fifa nur 11 Angestellte, heute sind es 300. Früher gab es nur einen einzigen Wettbewerb, die Weltmeisterschaft. Der deutsche Trainer Dettmar Cramer kümmerte sich damals allein um unsere Entwicklungsprogramme. Und dann gab es noch einen ehemaligen Schiedsrichter, der schon am Stock ging, aber für uns um die Welt reiste und die Schiedsrichter schulte. Heute gibt es eine Vielzahl von neuen Wettbewerben, unter anderem den Confederations Cup, die Frauen-WM, zwei olympische Turniere, eine Indoor-Weltmeisterschaft. Wir haben in den verschiedensten Ländern Büros eröffnet, um vor Ort Entwicklungshilfe zu leisten. Nur die Zahl der Fifa-Verantwortlichen in der Exekutive ist annähernd gleich geblieben, früher waren es 21, heute sind es 24. Sie müssen heute viel mehr reisen, viel mehr arbeiten. Da ist es nur korrekt, sie auch zu entschädigen.

ZEIT: Ist es korrekt, wenn ein Funktionär wie Jack Warner, der Fifa-Vize aus Trinidad, es durch seine Tätigkeit vom einfachen Geschichtslehrer zum Multimillionär bringt?

Blatter: Ich weiß nicht, ob er Multimillionär ist. Das sagen Sie. Er ist der Präsident einer ganzen Region und ein sehr aktiver Mensch. Er erfüllt seine Aufgabe.

ZEIT: Die Ethikkommission der Fifa hat festgestellt, dass Warner den Kodex verletzt hat, weil er Trinidads Kontingent an WM-Tickets überteuert und nur über das familieneigene Reisebüro verkaufte. Warum hat man ihn nur gerügt, nicht entlassen?

Blatter: Das Exekutivkomitee kann kein eigenes Mitglied entlassen, das ist unmöglich. Entlassen kann nur das Gremium, das ihn auch gewählt hat. Und die Mitglieder des Exekutivkomitees werden von ihren Konföderationen gewählt.

ZEIT: Der Chef eines Verbandes, der diesen Verband dominiert, kann nur vom eigenen Verband geschasst werden?

Blatter: So ist es.

ZEIT: Was im Falle Warner natürlich in der Öffentlichkeit hängen bleibt, ist: Sepp Blatter braucht diesen Mann, weil er ihm 37 Stimmen für die Wiederwahl 2007 sichert.

Blatter: Das ist Blödsinn.

ZEIT: Bei jedem anderen gut geführten Unternehmen gibt es einen Aufsichtsrat, ein neutrales Kontrollorgan, das Führungskräfte bei Verfehlungen abberufen kann. Bei der Fifa gibt es das nicht.

Blatter: Auch wir haben interne Kontrollorgane, etwa was die Finanzen anbelangt. Eine vom Fifa-Kongress eingesetzte Kommission aus sechs Mitgliedern kommt jedes Jahr zwei- bis dreimal zusammen, um intern die Finanzen zu kontrollieren. Unser Verband legt seine Zahlen nach den Regeln für börsennotierte Firmen offen. Unsere Bilanz wird von den Wirtschaftsprüfern von KPMG testiert. Es ist natürlich unglücklich, wenn die Exekutive nicht über ein Mitglied des Exekutivkomitees befinden kann. Deshalb wird es dazu auf dem Fifa-Kongress in München im Juni einen neuen Vorschlag geben. Wir wollen ein unabhängiges juristisches Gremium schaffen. Jetzt ist eine gute Zeit, etwas zu ändern.

ZEIT: Ein Moment der Selbstkritik?

Blatter: Es ist ein Lerneffekt. Wir haben gesehen, dass die Ethikkommission so nicht funktioniert hat. Also ändern wir etwas.

ZEIT: Im Juni beginnt auch die Fußball-WM in Deutschland. Noch immer sind 20 Prozent der Logenplätze in den Stadien frei. Sind die Preise doch zu hoch? Eine Loge im Berliner Olympiastation kostet für sechs Spiele 336000 Euro – dafür sieht man dann unter anderem Ukraine gegen Tunesien. In Köln kosten fünf Spiele 300000 Euro – einschließlich Angola gegen Portugal.

Blatter: VIP-Tickets gibt es ja nicht nur beim Fußball, sondern bei allen anderen Sport- oder Kulturveranstaltungen. Wem diese Tickets zu teuer sind, der muss sie ja nicht kaufen. Die Preise macht die ISE…

ZEIT: …die Agentur, die der Fifa die VIP-Pakete abgekauft hat…

Blatter: …und ich bin sehr optimistisch, dass die ISE auch alle VIP-Tickets verkaufen wird.

ZEIT: Ist die Fifa bei dieser WM mit ihren restriktiven Regeln übers Ziel hinausgeschossen? Da müssen Firmenlogos an Gebäuden und Autos überklebt werden, dürfen Getränkestände nur bestimmtes Bier verkaufen, haben viele Gemeinden kein Geld für eine Großbildleinwand, weil heimische Firmen darauf nicht werben dürfen – und das alles, um die Sponsoren der Fifa zu schützen.

Blatter: Halt, auch hier übertreiben die Medien immer wieder. Viele der Vorwürfe an unsere Adresse treffen gar nicht zu. Gundsätzlich muss man aber sagen, dass die Bewerber ein Pflichtenheft mit Regeln erhielten, die ein Teil der Ausschreibung und somit vorher bekannt waren. Mit der Erfahrung, die wir dieses Mal gemacht haben, werden wir uns allerdings nach der WM zusammensetzen und detailliert besprechen, was man 2010 in Südafrika anders machen kann. Wie gesagt, die Fifa ist lernfähig.

ZEIT: Stellen Sie sich 2007 zur Wiederwahl?

Blatter: Wenn mich die nationalen Verbände noch einmal wollen und ich gesund bleibe, stehe ich zur Verfügung.

ZEIT: Sie haben sich immer durchbeißen müssen. Sie sind ein Siebenmonatskind und mussten um Ihr Leben kämpfen. Sie mussten sich gegen den Vater durchsetzen, der Ihnen die Fußballerkarriere verweigerte. Dann stiegen Sie in der Fifa auf und mussten sich gegen das Netzwerk der Etablierten durchsetzen. Also haben Sie in den Entwicklungsländern ein eigenes Netzwerk geknüpft.

Blatter: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Ich bin ein Kämpfer. Und ja, ich bin kein Mann des Establishments. Aber ich bin ein Mann des Fußballs, der für den Fußball lebt.

ZEIT: Im Grunde geht doch im Weltfußball nichts ohne Gefälligkeiten – nur dem Aufsteiger Blatter nimmt man sie übel. Warum?

Blatter: Es geht nicht um Gefälligkeiten, sondern um Solidarität und gegenseitige Unterstützung. Ich bin ein kommunikativer Mensch, und entweder man mag mich oder man mag mich nicht.

ZEIT: Muss man als Kämpfer gegen das Establishment die Regeln bis an die Grenzen ausreizen? Diego Maradona hat Argentinien 1986 auch nur durch »die Hand Gottes« ins Finale gebracht.

Blatter: Ich weiß nicht, ob es allein an Maradona lag. In der Vorsehung Gottes war es sicherlich vorbereitet, dass Argentinien Weltmeister wird.

Das Gespräch führten Marc Brost und Moritz Müller-Wirth

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In der heutigen taz ist folgendes zu lesen:

Der totalisierende Fetisch

Na klar, dass die Fußball-WM kommen wird, daran haben sich inzwischen alle gewöhnt. Und so sei es also. Doch einmal muss man ihn bringen, den breit angelegten Fifa-Hasser-Text, schließlich trägt das Ereignis Züge einer negativen Utopie. Hier ist er

VON CHRISTIAN KORTMANN

Von den vielen fantastischen Ideen des Schriftstellers Michael Ende ist die schönste vielleicht die des Scheinriesen in seinem Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Ein Scheinriese sieht nur von ferne aus wie ein Gigant und schrumpft, je näher man ihm kommt. So ähnlich verhält es sich mit einer Fußballweltmeisterschaft: Erlebt man das einmonatige Spektakel aus interkontinentaler Distanz vor dem Fernseher, so wirkt es wie ein glamouröses Fest sportlicher Kunst und Lebensfreude. Es sind die vertrauten sexy Bilder aus der brasilianischen Fankurve, die lustigen Geschichten rund um die exotischen Mannschaften und eine Hand voll guter Fußballspiele, die uns alle vier Jahre begeistern.

Das ist die nach allen Regeln der Medienkunst inszenierte Fassade. Doch erlebt man das Großereignis als Einwohner des Gastgeberlandes, so schrumpft die Substanz hinter dem schönen Schein auf fragwürdige Geschäftemacherei unter dem Deckmantel des Weltvolkssports Fußball zusammen. Vor Ort sieht man nämlich auch die hässliche Kehrseite der WM-Inszenierung und erlebt, wie sehr sich Sport und Gesellschaft den Wünschen der Wirtschaft beugen.

So wirkt die WM wie das Szenario einer Dystopie, einer negativen Utopie, denn die Vermarktungsstrategie der Fifa hat einen totalitären Charakter, den man bisher nur aus den beklemmenden literarischen Zukunftsvisionen von Aldous Huxley, H. G. Wells oder George Orwell kannte. Für die detaillierte Personendatenerfassung bei der Ticketvergabe wurde der Fifa der unabhängige Big-Brother-Award verliehen: In Orwells Roman "1984" ist bekanntlich der Große Bruder Sinnbild für den Überwachungsstaat.

Große Bereiche des öffentlichen Lebens in Deutschland werden im Sommer den Regeln einer Besatzungsmacht folgen, die im Namen des Fußballs demokratische Grundrechte in Frage stellt: Die Fifa ist ein globales Kartell von Machtverflechtungen und Abhängigkeiten, das sich in jedem WM-Jahr in einem anderen Land materialisiert - und jedes Mal in expansiverer Form. Es setzt an den Spielorten ein Regime von Law and Order in Kraft, das den offiziellen Sponsoren Exklusivität zusichert und bereit ist, diese rigoros durchzusetzen: Auch nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs, der den Schutz der Marke "Fußball WM 2006" ablehnte, will die Fifa weiterhin in Einzelfällen gegen die nicht lizenzierte Nutzung des Begriffs vorgehen. Es bleibt dabei: Die Stadien und ihr Umfeld werden zu "kontrollierten werbefreien Zonen", wie der Spiegel schrieb, in denen es keine feindliche Werbung geben darf und sogar Herstellerhinweise in der Infrastruktur, zum Beispiel auf Geldautomaten, überklebt werden müssen. Nach Willen der Fifa sollen auch die städtischen Ordnungsämter helfen, inoffizielle Werbung wie das "WM-Brot" des kleinen Bäckers aufzuspüren.

Neben der Einschränkung der Werbefreiheit ist auch das System der Ticketvergabe fragwürdig. Eintrittskarten sind so teuer, dass es einem in den unteren Einkommensklassen weh tut. In den Stadien werden also vor allem Besserverdienende und in den VIP-Lounges Honoratioren und Gäste der Sponsoren sitzen, die Tickets en masse zur Verfügung haben. Es ist verräterisch, dass ein Sportereignis, das allen Freude machen soll, im Vorfeld solche Polaritäten und Zwietracht erzeugt: Spätestens bei den Bildern des Krawalls nach dem Relegationsspiel der Türkei gegen die Schweiz dachte man, dass das Goldene Kalb WM die Menschen nicht nur zum Guten, sondern auch zum Schlechten verleitet. Übertriebener Ehrgeiz zerstört jeden spielerischen Charakter, das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch für den Rahmen, in dem er stattfindet.

Als wahrer Sportfreund will man sich von der WM abwenden, weil sie sich allein der Gewinnmaximierung verschrieben hat: Ein Plus von 1,6 Milliarden Euro wird von Sepp Blatters Fifa angepeilt. Die WM offenbart im Vorfeld also, was sie wirklich ist: ein mit ökonomischen Partikularinteressen überladenes Mega-Logo, das skrupellos ausgebeutet wird.

Angesichts dieses enthemmten Merkantilismus ist es ein Hohn, dass die Fifa weltweit 15.000 freiwillige, überwiegend jugendliche Helfer für die WM rekrutieren konnte, so genannte Volunteers, was schicker klingt als "unbezahlte Hilfsarbeiter". Mit Benefiz hat deren zweifelhaftes Ehrenamt im Dienst des Kapitals nichts zu tun. Da könnten sie genauso gut gratis bei der Deutschen Bank putzen gehen. Sogar Kulturinstitutionen an den Spielorten scheuen sich nicht, über den Köder WM Freiwillige ohne Honorar für sich schuften zu lassen: In München sucht man in André Hellers Auftrag "60 Frauen mit schauspielerischem Talent und 40 Männer für Bühnenumbauten" für die Eröffnungsfeier unter Regie des Volkstheater-Intendanten Christian Stückl. Das Eröffnungsspiel dürfen die 100 Freiwilligen nach getaner Arbeit selbstverständlich nicht anschauen. Die hoch motivierte, kosten- und anspruchslose Arbeitskraft: Im WM-Jahr wird dieser Unternehmertraum wahr!

Fast jeder, der in Deutschland Geld verdienen will, wirbt mit der WM, sogar die Evangelische Kirche. Die Bundesagentur für Arbeit prognostiziert 100.000 neue Arbeitsplätze während des Turniers. Das an sich wunderbare Spiel, bei dem 22 Männer in kurzen Hosen einem Ball hinterherlaufen, wird zu einem penetranten, Dystopie-typischen Fetisch, der die Deutschen auch ein wenig stolzer machen soll, Deutsche zu sein. Selbst in Schlecker-Drogerien stehen jetzt Regale mit schwarz-rot-goldenem Fanzubehör. Dabei sind die nationalen Einheiten, die durch die Mannschaften beschworen werden, längst kein Abbild der sportlichen Realität mehr. Die stärksten Vereinsmannschaften der Welt setzen sich wie alle größeren modernen Firmen multinational zusammen.

Es trägt Züge der Gleichschaltung in einer bizarren Diktatur, dass jedem Kritiker des WM-Wahns unsachlich begegnet wird. Als die Stiftung Warentest die Sicherheit einiger WM-Stadien bemängelte, wurde ihr vom Organisationskomitee vorgeworfen, sie schade damit dem ganzen Land. Und OK-Chef Beckenbauer empfahl, sich lieber um "Gesichtscreme, Olivenöl und Staubsauger" zu kümmern.

Seit die Medien vermehrt von den Machenschaften der Fifa berichten, dämmert manchem, was da Einzug halten wird. Zwar nimmt natürlich die ganz große Mehrheit das nahende restriktive Fifa-Regime in Kauf und fiebert der WM nichtsdestotrotz entgegen. Doch es ist mehr als verständlich, dass das Turnier jetzt schon von denen, die den Fußball lieben, sich in dessen Namen aber nicht die liberal-pluralistische Lebenswelt gleichschalten lassen wollen, weniger als Segen denn als Danaergeschenk des Franz Beckenbauer angesehen wird. Traurig, dass man sich als Fan des Fußballs weniger auf das WM-Eröffnungsspiel am 9. Juni denn auf den 9. Juli 2006 freuen muss, auf den Abpfiff des Finales, der dem Spuk für vier Jahre ein Ende macht.

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Der heutigen FAZ online entnommen:

Juve-Skandal erreicht auch Lippi und Buffon

Von Tobias Piller, Rom

13. Mai 2006

Der Skandal, der gerade im italienischen Fußball immer weitere Kreise zieht, hat nun auch die Fußball-Nationalmannschaft Italiens erreicht: Nationaltorhüter Gianluigi Buffon ist im Mittelpunkt von Ermittlungen wegen illegaler Fußballwetten und könnte deshalb gesperrt werden. Von Nationaltrainer Marcello Lippi heißt es, er sei dubiosen Pressionen des Turiner Fußballmanagers Luciano Moggi ausgesetzt gewesen, der einzelne Spieler aus rein geschäftlichem Interesse in der Nationalmannschaft sehen wollte.

Wie die italienischen Zeitungen berichteten, soll Moggi 29 von 38 Spielen seines Klubs in der vergangenen Saison mit Hilfe von Schiedsrichtern und Profis manipuliert haben. Insgesamt soll gegen 50 Personen ermittelt werden. Gegen den italienischen WM-Schiedsrichter Massimo De Santis wird schon seit einigen Wochen wegen angeblicher Manipulation von Spielen ermittelt.

Doch die Fußball-Weltmeisterschaft ist derzeit eher noch ein Randthema im Vergleich zu den Dimensionen der italienischen Fußball-Affäre, die bereits verglichen wird mit „Tangentopoli“, dem Netzwerk der Korruption zwischen Wirtschaft und Politik, das Anfang der neunziger Jahre in Mailand aufgedeckt wurde und dann das Ende der Sozialistischen Partei und der Traditionspartei der Christdemokraten bedeutete. Genau so könnte nun mit Juventus Turin eine tragende Säule des italienischen Fußballs einstürzen.

Lukratives Netzwerk

Denn Dreh- und Angelpunkt der Skandalgeschichten ist Luciano Moggi, der Generaldirektor des Turiner Fußballklubs Juventus, der schon 28mal die italienische Meisterschaft gewann und an diesem Sonntag den 29. Titel feiern wollte. In diesem Jahr hatte Juventus in der italienischen Meisterschaft die anderen Mannschaften zeitweise so distanziert, daß der Vorsprung uneinholbar schien und der Ruhm von Juventus als dem Aushängeschild des italienischen Fußballs immer weiter wuchs. Nun zeigt sich aber, daß dabei womöglich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Ausgangspunkt des Skandals ist eine Gesellschaft zur Betreuung von Fußballspielern und Schiedsrichtern namens „Gea World“, zu deren Aktionären Luciano Moggis Sohn Alessandro und die Bankierstochter Chiara Geronzi gehören. Zeitweise waren auch noch andere illustre Söhne im Spiel, etwa der des Fußballverbands-Präsidenten Franco Carraro, der des früheren Lazio-Besitzers und Bankrotteurs Sergio Cragnotti und derjenige des Parmalat-Gründers und Fußballpatrons Calisto Tanzi.

Die Verbindungen der Väter dienten dazu, ein lukratives Netzwerk zu betreiben, in dem sich die Dinge den eigenen Interessen entsprechend zurechtbiegen ließen. Die Agentur soll 200 Fußballspieler und zwölf Fußballtrainer unter Vertrag haben. Juventus-Manager Luciano Moggi und andere Väter sorgten dafür, daß die Spieler bei den richtigen Vereinen unterkamen. Damit wiederum auch diese Vereine für ihr Entgegenkommen belohnt oder für ihre Hartnäckigkeit bestraft werden konnten, soll Moggi dann die Schiedsrichter beeinflußt haben.

Abgehörte Telefongespräche

Aufgeflogen ist die Geschichte schließlich durch abgehörte Telefongespräche. Die Turiner Staatsanwälte hatten Moggi im vergangenen Jahr belauschen lassen und dabei Aufschlußreiches gehört. Der Juventus-Manager hatte unter anderem mit einem der beiden Verantwortlichen für die Auswahl der Schiedsrichter gesprochen, für wichtige Spiele genehme Leute erbeten und zudem gesagt, die „Unparteiischen“ sollten gut hinsehen: „Manchmal müssen sie auch Dinge sehen, die man gar nicht sehen kann.“

Die Macht, manche Dinge geradezurücken oder manchen Spielen zumindest eine gewisse Richtung zu geben, soll Moggi dann gegenüber anderen Klubpräsidenten benutzt haben. Der Luxusunternehmer Diego Della Valle etwa hatte in Florenz den in Konkurs gegangenen Verein Fiorentina erworben und sich aufmüpfig gezeigt. Nun heißt es, man habe alles darangesetzt, um Fiorentina verlieren zu lassen bis zur Abstiegsgefahr, um Della Valle und seinen Bruder Andrea zu beugen.

Die mehr oder weniger gefügigen Besitzer der Fußballklubs waren dann wiederum beim Einkauf und Verkauf ihrer Fußballspieler abhängig von Moggi. Gemehrt wurde dessen Macht auch durch Cesare Geronzi, dem gut vernetzten Präsidenten von Italiens viertgrößter Bankengruppe Capitalia. Ohne dessen finanzielle Hilfe gäbe es die beiden römischen Vereine AS Roma und SS Lazio schon lange nicht. Auch dem zum Parmalat-Konzern gehörenden Klub Parma hatte Geronzi Überlebenshilfe gewährt und sich zudem die Aktien von Perugia verpfänden lassen. Geronzis Luxusangestellter als Präsident der zu Capitalia gehörenden Investmentbank war wiederum der Fußballverbandspräsident Franco Carraro.

Lawine von Ermittlungen und Verhören

Ermittelt wird offiziell wegen Manipulationen im Fußballjahr 2004/2005; doch hatte Juventus auch die vergangene Saison immer so dominiert wie die aktuelle, die an diesem Sonntag zu Ende geht. Die Staatsanwälte, die in Turin die Abhöraktionen organisiert hatten, fanden im vergangenen Jahr nicht genug Anhaltspunkte, um die Ermittlungen gegen Luciano Moggi in Turin weiterzuführen. In Rom haben diese Akten aber eine ganze Lawine von Ermittlungen und Verhören ausgelöst, die sich alle um die Spielermanager von „Gea World“ drehen. Offiziell steht Moggi im Verdacht, mit „Drohungen und Gewalt“ den italienischen Fußball manipuliert zu haben. Nutznießer des Ganzen war Juventus Turin.

Dort hat nun nicht nur der Klubvorstand samt Moggi den Rücktritt erklärt, sondern der gesamte Aufsichtsrat. Sollten sich die vielen Verdachtsmomente zumindest so weit erhärten, daß die Sportgerichte entscheiden können, könnte Juventus Turin womöglich noch im Sommer die bevorstehende Meisterschaft wieder aberkannt werden. Auch das bislang Undenkbare läßt sich inzwischen vorstellen, der Zwangsabstieg in die zweite oder dritte Liga.

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Der heutigen FAZ entnommen und sicherlich nicht uninteressant:

DIW-Studie

„WM bringt Konjunktur keinen Schub“

WM-Dirndl machen noch keinen Aufschwung

17. Mai 2006

Die Fußball-WM wird nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die deutsche Konjunktur nicht beflügeln. Anders als von Politikern und Sponsoren behauptet, werde die WM keine spürbaren gesamtwirtschaftlichen Effekte haben, hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten DIW-Analyse.

So seien etwa die über mehrere Jahre verteilten Investitionen in Stadien in Höhe von einer Milliarde Euro einfach zu gering. Auch von den geschätzten eine Million ausländischen Besuchern dürfe nicht zu viel erwartet werden. Bei ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland oder im Ausland seien jedenfalls unter dem Strich keine nennenswerten Tourismuszuwächse zu erkennen gewesen.

„Herausragendes sportliches und kulturelles Ereignis“

Nicht alle Länder haben den Ladenschluß freigegeben

Unbestreitbar sei die am 9. Juni beginnende Fußball-WM ein herausragendes sportliches und kulturelles Ereignis, schrieben die Berliner Forscher. Der Volkswirtschaft bringe sie jedoch keinen Schub, auch nicht wenn Deutschland Weltmeister werden sollte: „Von der Fußball-WM (...) werden keine nennenswerten konjunkturellen Impulse ausgehen.“ So würden zwar einerseits ausländische Fußball-Fans nach Deutschland strömen, andere Touristen aber wegen befürchteter Preiserhöhungen fernbleiben.

Von Sport-Funktionären, Politikern und Sponsoren waren immer wieder gewaltige ökonomische Effekte durch die WM angekündigt worden. Der Chef des WM-Organisationskomitees, Franz Beckenbauer, hatte sogar davon gesprochen, daß die WM auch wirtschaftlich eine Wende bringen könnte. Das DIW stellte solche Aussagen generell in Frage. Es sei nicht damit zu rechnen, daß sich Konsum- und Investitionsverhalten deutlich veränderten.

Investitionen bereits abgeschlossen

Keine Konjunkturlokomotive: Stadtbahnen in Hannover

So seien die im Zusammenhang mit der WM getätigten Investitionen bereits abgeschlossen, konjunkturell aber nicht sichtbar, weil sie mit sechs Milliarden Euro zu klein seien: Insgesamt wurden in Deutschland vergangenes Jahr 384 Milliarden Euro investiert, und die Investitionen machen wiederum nur ein Sechstel des gesamten Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus.

Ähnlich verhält es sich dem DIW zufolge mit den zwischen einer und 1,8 Milliarden Euro geschätzten Ausgaben der Fußball-Touristen. Bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich seien die Zahl der Touristen und damit ihre Ausgaben jedenfalls übers Jahr betrachtet nicht aus dem üblichen Rahmen gefallen. Dasselbe gelte für die Fußball-Europameisterschaft in Portugal und die Olympischen Spielen in Griechenland vor zwei Jahren. In Deutschland sei aus dieser volkswirtschaftlichen Perspektive weder durch die Europameisterschaft 1988 noch die WM 1974 die Nachfrage im Hotel- und Gaststättengewerbe insgesamt gestiegen (Branchen und Märkte (34): Hotels .

Keine auffällige Entwicklung des privaten Verbrauchs

Nicht ausgeschlossen werden könne, daß mehr Waren verkauft würden, die in Zusammenhang mit der WM stünden, schrieben die Forscher: „Aber ob die Kunden mehr zu Backwaren greifen, weil sie nun Weltmeisterbrötchen heißen, ist eher zweifelhaft.“ Konjunkturell entscheidend sei sowieso, ob der private Verbrauch insgesamt steige: „Auch bei früheren Sportgroßereignissen in Deutschland ist keine auffällige Entwicklung des privaten Verbrauchs festzustellen gewesen“, dämpfte das DIW Euphorie.

Auch von einer allgemein besseren Stimmung durch die WM gingen keine zusätzlichen Impulse aus, schrieb das DIW. Solche Aussagen könnten sich „weder auf eine ernstzunehmende Theorie noch auf eine solide Empirie stützen“. Für andere Länder sei ein solcher Effekt jedenfalls nicht feststellbar gewesen.

Deutschlands Erfolg irrelevant

Weitgehend irrelevant ist auch, ob Deutschland schon in der Vorrunde ausscheidet oder Weltmeister wird. Eine Analyse der Aktienkursentwicklung von 1973 bis 2004 in fußballbegeisterten Ländern habe ergeben, daß Siege in wichtigen Spielen keinen signifikantpositiven Effekt hätten, Niederlagen die Kurse aber leicht drücken könnten. Ein gutes Abschneiden der deutschen Elf hätte also keine positiven Auswirkungen auf das wirtschaftliche Verhalten, weil es von den Fans ohnehin vorausgesetzt werde.

Anfang des Jahres hatte schon das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Erwartungen gedämpft, daß die Fußball-WM zu einem kräftigen Konjunkturschub in Deutschland führen werden."

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um auch einmal eine erfreuliche nachricht zu verbreiten:

Bälle gut, alles gut

In der pakistanischen Stadt Sialkot werden zwei Drittel aller Fußbälle hergestellt – dank internationalem Druck ohne Kinderarbeit Von Johannes Schweikle

Jeden Samstag prallen in diesem schmalen Raum Welten aufeinander. Der Boss des Nähzentrums von Forward Sports sitzt hinter seinem abgewetzten Schreibtisch und zahlt die Löhne aus. Für jeden genähten Fußball gibt es 41 Rupien, das sind rund 60 Cent. In einer Woche kommt ein Arbeiter auf gut 25 Euro. An der kahlen Wand hängt ein Poster von David Beckham. Der Superstar mit einem Jahreseinkommen von mehr als 20 Millionen Euro hält fünf Bälle in der Hand, so wie sie hier hergestellt werden, er lächelt auf die Näher herunter. »Soccer never felt better«, steht auf dem Plakat.

Sialkot ist eine Kleinstadt im Nordosten Pakistans. Von hier stammen zwei Drittel aller weltweit produzierten Fußbälle. Im Jahr sind das rund 40 Millionen Stück, praktisch alle von Hand genäht. Nike und adidas, Puma und Diadora, alle Weltfirmen lassen hier fertigen. In der Region um Sialkot leben 2,9 Millionen Menschen, 35 000 arbeiten in der Fußballindustrie. Diese hat einen dramatischen Wandel erlebt: Vor zehn Jahren war Kinderarbeit an der Tagesordnung. Jetzt beschäftigen die Firmen nur noch Mitarbeiter, die älter sind als 15 Jahre.

Forward Sports fertigt für adidas. In der Näherei im Dorf Motra sitzen 30 Mann auf niedrigen Schemeln, und alle machen den ganzen Tag die gleichen Handgriffe: zwei Nadeln gegenläufig durch die Löcher in den weißen Sechsecken schieben, den Faden um die breiten Lederringe an den Mittelfingern wickeln und die Naht stramm ziehen. Arme bewegen sich geschmeidig und lautlos, aus einem Radio kommt schmachtende Musik, an der Decke rühren Ventilatoren in der heißen Luft. Auf dem Betonboden liegen weiße Polyester-Fäden, hinten hat einer seine Armbanduhr neben seine nackten Füße auf die Bastmatte gelegt.

Ein guter Arbeiter schafft sieben Bälle am Tag. Für jeden braucht er 750 Stiche, die letzten sind die schwierigsten: Die Nadel darf die Blase nicht verletzen. Die fertigen Bälle werden mit einem kleinen Kompressor aufgepumpt und kommen zur Qualitätskontrolle in die Zentrale. Oft holen Eselskarren die riesigen Säcke mit den Bällen ab, diese schweben dann wie unförmige weiße Wolken langsam über der staubigen Straße.

Die Fußballproduktion in Sialkot hatte früher einen schlechten Ruf. Als die pakistanische Ministerpräsidentin Benasir Bhutto 1995 die Vereinigten Staaten besuchte, zeigten Menschenrechtler dort einen Dokumentarfilm über die Kinder im Punjab, die Bälle nähen mussten. »Noch in der Nacht rief mich mein Handelsagent aus den USA an«, erinnert sich Khawaja Zakauddin, »er war sehr aufgeregt.« Zakauddin ist 71 Jahre alt, seine Firma Capital Sports nähte schon Fußbälle, als diese noch aus braunem Leder waren. Dieses Handwerk reicht in Sialkot zurück bis in die Kolonialzeit, 1922 verliehen die Engländer dem Unternehmer Sayed Sahib den British Empire Export Award, weil er die Armee mit Fußbällen belieferte.

Die Klügeren unter den Fabrikanten in Sialkot erkannten schnell, dass der Druck des Westens ihrer Industrie das Genick brechen könnte. »Es war eine Forderung der Kunden, unsere Produktion transparent zu machen«, sagt Zakauddin. Die weitere Geschichte ist ein Musterbeispiel dafür, was Druck der Verbraucher in der globalisierten Wirtschaft bewirken kann.

1997 unterzeichnete die Handelskammer von Sialkot gemeinsam mit Unicef und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO das so genannte Atlanta-Abkommen. Darin verpflichteten sich die Beteiligten, die Kinderarbeit in der Fußballindustrie von Sialkot abzuschaffen. »Das taten wir nicht nur aus Großzügigkeit«, sagt Zakauddin nüchtern, »für unser Geschäft ging es ums Überleben.«

Die Handelskammer beauftragte ihn, das Abkommen umzusetzen; die traditionelle Heimarbeit wurde reglementiert: Seither dürfen Firmen ihre Aufträge nur noch an registrierte Nähereien vergeben, in denen mindestens drei Personen beschäftigt sind. Die ILO bildete eine Kontrollkommission.

Heute wählt ein Computer der Imac (Independent Monitoring Association for Child Labor) an jedem Morgen nach dem Zufallsprinzip die Nähereien aus, die an diesem Tag kontrolliert werden. Jeder Betrieb muss spätestens nach sechs Wochen wieder an die Reihe kommen, und damit niemand in Versuchung gerät, einen Kontrolleur zu bestechen, darf keiner zweimal hintereinander in dasselbe Nähzentrum. 97 Firmen lassen sich von der Imac kontrollieren. Sie stellen 95 Prozent der Exportproduktion her.

Jeden Tag gehen zwölf Mitarbeiter der Imac mit Jeeps und Motorrädern auf Kontrollfahrt. Da im islamischen Pakistan das ganze Leben nach Geschlechtern getrennt ist, kontrollieren Frauen die Nähereien der Frauen, und die Männer sehen bei den Männern nach. Sie prüfen, ob die Liste mit den Stücklöhnen wie vorgeschrieben aushängt, ob jeder Näher mindestens 0,9 Quadratmeter Platz hat und ob im Betrieb ein Verbandkasten bereit liegt – auch wenn der manchmal nur zwei alte Mullbinden enthält.

Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt keine Aufträge mehr

Wirkt ein Näher verdächtig jung, prüfen die Kontrolleure sein Geburtsdatum in der Akte. Im Jahr 2004 stieß die Imac bei mehr als 14 000 Kontrollen lediglich auf fünf Fälle von Kinderarbeit. In energischen Schreiben forderte die Imac die betreffenden Firmen auf, dies zu unterbinden. Mit Erfolg: Bei der nächsten unangekündigten Kontrolle waren diese Kinder nicht mehr in der Näherei. »Es kann schon sein, dass Sie in der Landwirtschaft Kinder beschäftigt finden. Oder bei den Firmen, die chirurgische Instrumente herstellen«, sagt Nasir Dogar, der Leiter der Imac, »aber in der Fußballindustrie wissen die Fabrikanten, dass wir sehr wachsam sind.« Die Sanktionen sind hart: Wer wiederholt Kinder beschäftigt, kommt auf die schwarze Liste. Und Weltfirmen wie adidas gehen nicht das Risiko ein, einen solchen Subunternehmer zu beschäftigen. »Wir haben in Pakistan neben der Imac noch unsere firmeninterne Überwachung«, sagt adidas-Sprecherin Anne Putz. »Um die Kontrolle zu vereinfachen, arbeiten wir in Sialkot nur mit drei Firmen zusammen. Und jeder Ball bekommt eine Codenummer. So wird die Produktion transparent.«

Zu Beginn ihrer Arbeit hat die Imac die Ursachen der Kinderarbeit untersucht. »Die Armut war nicht der Hauptgrund«, sagt Dogar. Für pakistanische Verhältnisse sind die Bauern im Punjab wohlhabend. Breite Flüsse bringen das Schmelzwasser des Himalaja in das Fünfstromland, Kanäle so breit wie Fußballfelder führen auch dann noch Wasser in Hülle und Fülle, wenn die Temperaturen weit über 40 Grad steigen. Schwarze Büffel werden zur Tränke geführt, der Weizen wächst, und die Bauern sind stolz darauf, dass sie den besten Basmati-Reis Pakistans anbauen. Das Bällenähen war seit Jahrzehnten ein gutes Zubrot, das man sich in Heimarbeit verdienen konnte. Das Pro-Kopf-Einkommen in der Region Sialkot ist doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. »Für viele Eltern war es einfacher, ihre Kinder zum Nähen als in die Schule zu schicken«, erläutert Dogar. »Sie sagten sich: Wenn mein Kind zehn Jahre in die Schule geht und dann keine gute Stelle findet, ist es für die Handarbeit verdorben.«

In der Schule lernen die Sechsjährigen jetzt Englisch

In Chak Maluka ist es gelungen, dieses traditionelle Denken zu ändern. Chak Maluka ist eines der unzähligen kleinen Dörfer in der Nähe von Sialkot. Die Lehmziegelhäuser der 1100 Einwohner glucken eng zusammen, die Gassen sind so schmal, dass noch nicht einmal ein Eselskarren durchkommt. Gut die Hälfte der 125 Familien lebt vom Bällenähen, viele Väter waren nie in der Schule und haben nur dieses simple Handwerk gelernt. Vor 15 Jahren war Kinderarbeit hier noch so normal wie die rauchenden Schornsteine der Ziegeleien, heute gilt sie als unmoralisch.

Ein staubiger Pfad führt zur Grundschule der Mädchen. Eine Backsteinmauer grenzt diese von den Melonenfeldern ab. Die Mädchen tragen hellblaue Uniformen und rote Schleifchen im Haar. Die zweite Klasse hat ihre Bänke im Hof aufgestellt, im Schatten eines mächtigen Baums. Die sechsjährigen Kinder lernen Englisch. Die älteren machen ein einfaches Experiment: Wie man dreckiges Wasser filtert.

Die Früchte der Schulpolitik im Punjab zeigen sich rund um die beiden Klassenräume. Die pakistanische Musterprovinz stellt Schulbücher und Uniformen kostenlos, Bedürftige bekommen ein Stipendium. 1987 wurde diese Schule gebaut. »Da hatten wir nur 35 Schülerinnen«, sagt Direktorin Fakhra Anwar. Seitdem hat sich hier eine Menge geändert. Die Wände sind frisch getüncht, der Fußboden zementiert. Vor dem Gebäude steht ein Brunnen mit Handpumpe. Dank adidas und der Entwicklungsorganisation Sudhaar gibt es an der Mädchenschule von Chak Maluka mittlerweile sogar Strom. Und, was noch viel wichtiger ist: 90 Schülerinnen."

(Quelle: www.zeit.de vom 18.05.2006)

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John Cleese im Interview aus der heutigen FAZ:

John Cleese ist der bedeutendste englische Komiker. Als Beitrag zur Völkerverständigung durch die Fußball-WM hat er, zusammen mit dem deutschen Regisseur Hermann Vaske, den Film „Die Kunst des Fußballs: Von A bis Z“ gedreht - eine Einführung in alles, was man über Fußball wissen muß: Sie wird am 4. Juni vom Fernsehsender Arte erstmals ausgestrahlt. Wir haben John Cleese, der seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, nach seinem Verhältnis zum Sport und zu den Deutschen befragt.

Herr Cleese, sprechen wir über Cricket?

Wie bitte?

Nun, die Engländer haben eine Spiel erfunden, das überall gespielt wird: Fußball. Und sie haben eines erfunden, das niemand außerhalb des Commonwealth spielt: Cricket. Zwei Seelen, ach, in der englischen Sportlerbrust?

Ja, sind wir nicht seltsam! Fußball, das ist unsere Prägung durch die Arbeiterklasse. Für Fußball braucht man nur einen Ball, ein paar Jacken als Torpfosten, los geht's. Die Kelten sollen nicht einmal einen Ball gebraucht haben, sondern nur den Kopf eines feindlichen Häuptlings. Den benutzten sie dann als Fußball. Obwohl: Hätte man zu ihnen gesagt: „Hey, ihr benutzt den Kopf ja als Fußball“, dann hätten sie geantwortet. „Nein, warum? Wir benutzen ihn als Kopf!“ Beim Cricket brauchen Sie dagegen eine Ausrüstung. Typisch Mittelschicht. So ist auch das Spiel: ohne Berührung, dezent, viele Regeln, nicht sehr keltisch. Bei uns sagt man, wenn sich jemand anstößig verhält: „That's not cricket“. Niemand würde sagen: „So verhält sich kein Fußballer“. Vielleicht steckt beides in uns: etwas Direktes, Keltisches und etwas Manierliches, Distanziertes.

Und warum hat sich die Mitteklasse so etwas Kompliziertes ausgedacht?

Ach, so kompliziert kann es auch wieder nicht sein: Auch die Holländer spielen ja Cricket. Besonders hier in Kalifornien, wo ich lebe, höre ich oft, daß Cricket das unverständliche Vergnügen einer kleinen spleenigen Minderheit ist. Gewiß: die paar Hundertmillionen Inder, Pakistani und Leute aus Bangla Desh.

Sie haben beides gespielt, Fußball und Cricket.

Ich war nicht sehr gut. Na ja, ich war ziemlich gut. Fußball habe ich für mein College in Cambridge gespielt. Vorher, in der Schule, war ich im Cricket ein recht ordentlicher Werfer.

Sogar gegen Dennis Compton haben Sie geworfen.

Woher wissen Sie das denn? Diese deutschen Wissenschaftler... Stimmt genau. Er war der große, glanzvolle Schlagmann, als ich jung war. Das Genie, der George Best des Cricket. Sein Sohn ging mit mir zur Schule, Clifton College in Bristol, und so spielte Compton eines Tages gegen unser Team.

Das war in den fünfziger Jahren. Für den englischen Fußball eine schreckliche Zeit.

Was?

Na, hören Sie, 1950 bei der WM ausgeschieden mit 0:1 gegen die...

Ja, ja...

...gegen die Vereinigten Staaten. Das muß doch niederschmetternd...

Das war kurz bevor ich anfing, mich für Fußball zu interessieren, mit zwölf. Meine Mannschaft war Bristol City...

...England verlor dann 1953 in Wembley 3:6 gegen die Ungarn...

...danach wurde ich dann Fan der Tottenham Hotspurs...

...und dann kam das 1:7 gegen Ungarn in Budapest...

...der Verein, bei dem dann viel später Jürgen Klinsmann gespielt hat. Was für ein großartiger Bursche! Ich weiß nicht, was man bei euch über ihn denkt, aber ich hab ihn immer gemocht. Ein Gentleman, er spielte mit Flair, und dann mag ich noch etwas an ihm: Er sieht so intelligent aus. Mit dem würde ich gern essen gehen, und ich wünsche ihm alles Gute.

Richten wir gerne aus. Aber zurück zum Fußball Ihrer Jugend.

Wissen Sie, wenn man jung ist, dann bedeutet es so viel, wie das Spiel ausgeht. Aber wenn Sie lange dabei sind, wissen Sie, daß ihr Team die Hälfte der Spiele gewinnt, die andere Hälfte verliert - und der Rest sind Unentschieden. Darum sieht man das alles ruhiger. Früher ging ich oft zu West Ham United im Londoner East End. Aber irgendwann hab ich gemerkt, wie lange ich brauche, bis ich überhaupt im Stadion bin. Außerdem fällt es immer schwerer, sich mit dem Team zu identifizieren. Als ich jung war, kamen sechs Spieler von Bristol aus Bristol. Wenn sie aufhörten, machten sie ein Geschäft in der Stadt auf. Heute besteht Arsenal nur aus Franzosen und Chelsea, das sind die Vereinten Nationen. Jetzt lebe ich in Kalifornien, und hier senden sie die englische Liga mittags. Es ist nicht so einfach, in Hollywood Termine mit der Begründung abzusagen, West Ham sehen zu wollen. Also sieht man weniger Spiele und regt sich weniger auf.

A propos Aufregung. In Ihrem Fußball-ABC machen Sie sich über nationale Vorurteile lustig.

Das hoffe ich sehr. Das ist die gute Seite daran, daß die Identifikation schwerer ist. Früher dachten wir, Italiener seien furchtbare Schurken. Wenn der Star deines Teams aber ein Italiener ist, kannst du das nicht durchhalten.

Der berühmteste Satz über Vorurteile der Engländer gegen Deutsche stammt von Ihnen selber: „Don't mention the war!“ - „Erwähnt bloß nicht den Krieg“. Damit ist sogar Fußballgeschichte beschrieben worden, als die „Sun“ nach der 1:5 Niederlage der Deutschen gegen England, 2001, titelte: „Don't mention the score“ - „Erwähnt bloß nicht das Ergebnis“.

Ja, sehr lustig. Aber mir ist es furchtbar unangenehm. Ich bin ein großer Freund der Deutschen. Mit meiner Frau komme ich jeden Sommer nach Deutschland. Ich bewundere die deutsche Kultur, ihr habt die größten Philosophen, die größten Musiker hervorgebracht. Ich mag sogar deutsches Essen. Und dann dieser Ausruf von Basil Fawlty, dessen Rolle ich spielte: „Don't mention the war!“ - das war doch ein Witz über voreingenommene Engländer! Und was machen die Boulevardblätter daraus? German-Bashing, deutsche Spieler mit Stahlhelmen. Ach, dieser miese, gedankenlose Unfug, das ist so peinlich...

Meinen Ihre Leute das wirklich so, diese dauernden Anspielungen auf den Krieg und die Vergangenheit?

Es ist nicht ganz ernst gemeint. Aber es ist vulgär. Wissen Sie, eine der schönsten Momente in Deutschland hatte ich in Hamburg, im Hotel Atlantic. Als ich gerade mit dem Portier spreche, ruft jemand hinter mir: „Hey, John!“, und ich drehe mich um. Ganz am anderen Ende der Eingangshalle steht ein unglaublich dicker deutscher Geschäftsmann und brüllt: „Don't mention the war, ha, ha!“ - und die gesamte Lobby bricht in Gelächter aus. Das war großartig.

Sie haben sich noch andere Späße mit den Deutschen erlaubt, in der Serie „Monty Python's Flying Circus“, gab es sogar ein Fußballspiel Deutschland gegen Griechenland. Deutschland spielte damals gegen Aristoteles & Co. in der Abwehr mit Schopenhauer, im Mittelfeld mit Beckenbauer und Jaspers und mit Heidegger im Sturm...

Ja, die langen deutschen Namen. Sie hört sich so kompliziert an, diese Sprache. „Handgepäckaufbewahrung“ - so viel auf einmal im Mund! Vor Jahren bin ich in einem Zug gefahren, da stand etwas an der Tür: Auf französisch sieben Worte, auf italienisch sieben, auf deutsch: ein einziges. Viele Engländer, die wie ich ihre Jugend damit verbrachten, im Kino dauernd zu sehen, wie sich Engländer aus deutschen Kriegsgefangenenlagern befreien, denken, Deutsch sei eine Sprache, die gebellt wird. Dabei ist sie nicht hart, nur kompliziert.

Wie kamen sie auf die Idee des Fußballspiels zwischen Philosophen?

Wir fanden es einfach lustig, daß ein Spiel angepfiffen wird und nichts passiert, weil alle nur tief darüber sinnieren, was passieren könnte.

Daß wenig passiert, kommt ja im Fußball häufiger vor.

Früher war mehr Platz, mehr Zeit. Heute sind die Räume so eng, ist alles so defensiv. Und so obsessiv. Es ähnelt ein bißchen der Art, wie wir in der modernen Welt leben: Die Leute haben nicht mehr so viel Spaß wie früher. Der Streß nimmt zu, der Zeitdruck auch. Das Verhalten wird ängstlicher, besorgter und obsessiver. Man freut sich mehr am Gewinn als am Spiel. Als ich zur Schule ging, war Betrügen viel schlimmer als Verlieren. Heute ahmen die Kinder die Profis nach.

Sie vermissen also ein bißchen Cricket im Fußball?

So kann man das sagen. Aber Cricket ist auch nicht mehr, was es einmal war. Wissen Sie, was „Sledging“ ist?

Keine Ahnung.

Wenn der Werfer auf den Schlagmann einredet, um ihn nervös zu machen. Das hätte man früher als schändlich empfunden..Ich glaube, die Australier haben damit angefangen.

Und wie steht es um die Chancen der Engländer bei der WM?

Na, ja, ohne Rooney. Aber am Ende ist es doch alles eine Frage von Glück und Fehlentscheidungen.

Und warum verlieren die Engländer praktisch jedes Elfmeterschießen?

Nette Schlußfrage. Vielen Dank für das Gespräch.

Vielen Dank, Herr Cleese.

Das Gespräch führte und übersetzte Jürgen Kaube.

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Der heutigen Ausgabe des Spiegel-Online entnommen:

"Die Kommerzialisierung des Fußballs ist Wiglaf Droste ein Groll, dennoch kann sich der Berufszyniker nicht der Faszination einer WM entziehen. Im Interview lästert Droste zudem über das Phantomgefühl Patriotismus und kleinbürgerlichen Ehrgeiz.

Frage: Herr Droste, WM-Devotionalien in jedem Schaufenster, Experten auf allen Kanälen, "ein Volk, ein Land, ein Fußball" - nervt Sie die allgemeine Mobilmachung im Zeichen des Fußballs?

Droste: Nachdem Franz Beckenbauer die WM nach Deutschland kaufte, gipfelt die Fußballvermarktung in der Diktatur des Gebrülls. Gerade wer das Fußballspiel als Spiel genießen möchte, muss mehrmals täglich geradezu akrobatische Ausweichbewegungen machen. Dabei könnte man mit der Lederkugel die ganze Welt erklären.

Frage: Erklären Sie uns den Sinn des Fußballs?

Droste: Es geht um Hingabe und um Schönheit, die man nur gemeinsam in einer Mannschaft herstellen kann. Warum das auf dem Altar medialer Verseuchung kaputtgehauen wird, lässt sich zwar kommerziell erklären, aber geistig nicht nachvollziehen. Was übrig bleibt, sind Kot und Spiele. Perverserweise wird dabei immer von der Liebe zum Fußball gesprochen. Wer aber wie Beckenbauer oder Kerner im Prostitutionsgewerbe tätig ist, der sollte auch von Prostitution sprechen und nicht von Liebe.

Frage: Was machen Sie fußballerisch eigentlich zwischen dem 9. Juni und 9. Juli 2006: flüchten, standhalten - oder mitmachen?

Droste: Gerhard Henschel und ich werden die Gelegenheit nutzen, unseren dritten gemeinsamen Schundroman zu schreiben - nach dem "Barbier von Bebra" und dem "Mullah von Bullerbü" jetzt "Die Wüstensöhne von Wipperfürth".

Frage: In Einzelklausur, im Freundeskreis oder vor Grossbildleinwänden: Wie werden Sie sich WM-Spiele anschauen?

Droste: Kochen für Menschen, die ein gutes Fußballspiel ebenso zu schätzen wissen wie ein Konzert, einen Film oder eine Lesung, die nicht dummfanatisch durchdrehen und die das Eldorado nicht für etwas Schwarzrotgoldenes halten - so macht das Spaß. Man kann das mit dem Minderheitenprogramm abwechseln: in einem italienischen Lokal die Italienspiele gucken, eben als Fremder, als Alien. Der fremde Blick sieht mehr und genauer.

Frage: Ihr schönstes WM-Erlebnis? Und das schlimmste?

Droste: Das Sparwasser-Tor 1974 war - retrospektiv betrachtet - großartig. Die DDR gewann 1:0 gegen die BRD, das war doch sehr schön und gerecht. Damals, im Alter von gerade 13 Jahren, konnte ich das aber noch nicht so sehen und hielt geradezu verzweifelt zur Bundesrepublik. Woraus man sehen kann: Patriotismus ist etwas für Pubertäter. Erwachsene Menschen bedürfen solcher Phantomgefühle nicht.

Frage: Lothar Matthäus verdankt die Welt den herrlichen Satz: "I hope we have a little bit lucky" - ein prima WM-Motto für die Klinsmannschaft. Oder was trauen Sie "uns" zu?

Droste: Die Frage, ob die deutsche Mannschaft gut oder schlecht abschneidet, wird überbewertet. Interessanter wäre doch, ob sie guten Fußball spielt.

Frage: Hat Sie die Inszenierung der T-Frage (Kahn oder Lehmann?) eher genervt oder amüsiert? Und: Jens Lehmann als WM-Torwart Nummer eins, okay?

Droste: Oscar Wilde wusste: "Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht der Versager." Was die Mehr-leisten-Zombie-Qualitäten unentspannter Kinnmuskelträger angeht, ist die Wahl zwischen Lehmann und Kahn die zwischen Pest und Cholera.

Frage: Szenario - Deutschland scheidet als Dritter hinter Polen und Ecuador in der Vorrunde aus. Skizzieren Sie bitte in Stichworten "the day after".

Droste: Im Fall eines frühestmöglichen Ausscheidens der deutschen Mannschaft werden wir Verschwörungstheorien hören, Schuldzuweisungen lesen und pampige, schlechte Verlierer erleben - die Minderwertigkeitskomplex-Deutschen eben, die weder mit Stil gewinnen noch verlieren können, sondern immerzu siegen und triumphieren wollen. Der Schrumpfgermane steckt halt drin - umso mehr, je häufiger und hartnäckiger das geleugnet wird.

Frage: "Die Breite an der Spitze ist dichter geworden", hat Berti Vogts beobachtet. Wem von den Außenseitern wie Angola, Trinidad & Tobago oder Iran trauen Sie zu, das Überraschungsteam dieser WM zu werden?

Droste: Ich freue mich über jeden Underdog und Nobody, der durch schönen Fußball und nicht durch katastrophale Schiedsrichterfehlentscheidungen weiterkommt. Überraschungen nach Art des griechischen Beton-und Beta-Blocker-Fußballs bei der EM 2004 sind nicht erwünscht.

Frage: Ihr Wunschfinale? Und Weltmeister wird ...?

Droste: Das wird sich ergeben.

Frage: Bei Pier Paolo Pasolini war es der FC Bologna, bei Nick Hornby ist es der FC Arsenal und bei Javier Marias Real Madrid. Gibt es einen Club (egal wie groß oder prominent), der bei Ihnen Herzklopfen auszulösen vermag?

Droste: Das Wohl und Wehe von Borussia Dortmund lässt mich nicht kalt. Sie ahnen, wie ich leide.

Frage: Wenn Sie ein Fußball-Allstar-Team aller Zeiten (samt Trainer!) aufstellen dürften - wer hätte bei Ihnen einen Stammplatz sicher?

Droste: Sigi Held und Lothar Emmerich, George Best und Eric Cantona.

Frage: Abseits ist, wenn ...

Droste: ... geschwollen über aktiv und passiv geredet wird und der Linienrichter auf beiden Augen blind ist."

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aus der heutigen FAZ

"WM-Werbung

Wer kennt schon Timo Hildebrand?

Von Carsten Knop und Henning Peitsmeier

Nationalspieler Hildebrand - ihn finden Frauen toll

09. Juni 2006

Volkswagen hat seine Fußball-Sondermodelle mit dem Namen "Goal", der Lebensmittelhersteller Dr.Oetker seine WM-Currywurstpizza. Offizielle WM-Sponsoren sind beide nicht. Am Fußballfieber verdienen wollen sie aber doch. Überall im Land gibt es Werbe- und Sonderaktionen: Vom Supermarkt in Flensburg bis zum Autohaus in Garmisch-Patenkirchen werden Eintrittskarten für WM-Spiele verlost. Dabei hat der Weltfußballverband Fifa genau das für alle verboten, die nicht offiziell Sponsoren der WM sind. Denn die 15 sogenannten globalen Partner der Fifa gibt es ja auch noch. Sie lassen für dieses Privileg jeweils 40 Millionen Euro springen. Hinzu kommen sechs nationale deutsche Partner wie zum Beispiel die Deutsche Bahn und die Postbank, die nochmals je 13 Millionen Euro in die Kassen der Fifa spülen.

Schon vor dem Anpfiff sprechen Werbefachleute von einem "Kommunikations-Overkill". Und die Werbekunden fürchten, in dem Medienspektakel mit ihrer Botschaft nicht mehr Gehör zu finden. Die Einschätzung wird von vielen Mediaplanern geteilt. "Mit WM-Werbung fällt man im Moment so auf wie mit politischer Werbung während einer Bundestagswahl", sagt Florian Haller, Chef der Münchener Agentur Serviceplan. Er rät mittelständischen Kunden, um die WM einen großen Bogen zu machen. Nur wenn ein "inhaltlich sinnvoller Bezug" zum Fußball hergestellt werden kann, könnten kleinere Unternehmen noch auf den WM-Zug aufspringen. "Aber der Hersteller von Gartengeräten sollte auf WM-Promotions besser verzichten", sagt Haller.

"Das WM-Sponsoring wird überbewertet", warnt Marketinganalyst Hartmut Zastrow vor übertriebenen Erwartungen. "80 Prozent der Sponsoren werden viel Geld verlieren und unter der Wahrnehmungsschwelle der Konsumenten bleiben", sagt Zastrow, einer von zwei Vorständen des Marktanalyseinstituts Sport+Markt AG in Köln. "Dabeisein heißt gar nichts. Für viele wäre es besser, sie würden sich das Geld sparen." Das gelte zum Beispiel für den Bäcker von nebenan, der jetzt keine WM-Aktionen mehr beginnen müsse. Dabei haben zahlreiche deutsche Industrie- und Handelskammern für ihre Mitglieder schon umfangreiche Leitfäden publiziert, wie sie auf den WM-Sponsorenzug aufspringen können, ohne selbst ein solcher Sponsor zu sein.

Eigentlich müßten die Unternehmer aber schon selbst wissen, daß sich das so oder so nicht lohnt. Nicht zuletzt bei der WM 2002 in Südkorea und Japan haben viele Sponsoren erkennen müssen, daß ein Engagement beim zweitgrößten Sportereignis der Welt noch lange keine Versicherung für wirtschaftlichen Erfolg ist. Von den rund 300 Werbern des Jahres 2002 haben nach einer Untersuchung von Sport+Markt nur 25 sogenannte "kommunikative Effekte" erzielt, wurden also von den Verbrauchern überhaupt wahrgenommen.

In Deutschland erreichte 2002 die Brauerei Bitburger vor Adidas, Nike und Mercedes die größte Aufmerksamkeit. Bitburger profitierte dabei vor allem vom Programm-Sponsoring. Die Werbeplätze zwischen der Ankündigung "Dieses Spiel wird Ihnen präsentiert von ...", scheinen hingegen schon nicht mehr so attraktiv zu sein. Die Vermarkter von ARD, ZDF und RTL beschweren sich bereits über ein geringes Buchungsvolumen bei den Werbeblöcken.

In der Branche machen Gerüchte über Werbezeiten zu Dumpingpreisen die Runde, sogar bei den Öffentlich-Rechtlichen. Selbst der Leiter des ZDF-Werbefernsehens, Hans-Joachim Strauch, klagte kürzlich in der Fachzeitschrift "Werben & Verkaufen": "Mit nur 200.000 Euro kann ein Werbekunde während der WM auf dem ZDF präsent sein." Schuld an der Zurückhaltung der Werbekunden sind wohl auch die sehr restriktiven Fifa-Regeln, die es eigentlich nur den Hauptsponsoren rechtlich ermöglichen, mit der WM 2006 zu werben, und die offenbar nicht alle attraktiven Werbeblöcke belegt haben. Allein für die Exklusivität wird schließlich das viele Geld gezahlt.

Doch selbst so mancher Fifa-Hauptsponsor gibt sich im Vorfeld der WM Mühe, den Ball flach zu halten. So will der koreanische Autohersteller Hyundai im Autoland Deutschland zwar mehr Autos verkaufen. Aber Hyundai-Geschäftsführer Karl-Heinz Engels sagt, es "wäre vermessen, das nur auf die WM zurückzuführen". Auch aus Sorge, nach der WM kaum noch wahrgenommen zu werden, wenn die heimischen Automarken ihr Werbefeuerwerk abbrennen, planen die Koreaner ihre nächste Marketingoffensive.

"Im September wird Hyundai Motor Deutschland 15 Jahre alt, und dieses Jubiläum nutzen wir für weitere Werbekampagnen und weitere Sondermodelle", kündigt Engels an. Nur den exklusiven Schutz der Fifa hat Hyundai dann nicht mehr. "Vom Sponsoring haben Sie als Unternehmen nur dann etwas, wenn Sie wirklich bereit sind, im großen Stil aufzutreten", bestätigt Marketinganalyst Zastrow. Jeder Euro, der für den eigentlichen Sponsoring-Vertrag ausgegeben worden sei, müsse mindestens noch einmal in zusätzliche Werbeaktivitäten gesteckt werden. "Und bei McDonald's, der Deutschen Telekom und Coca-Cola dürfte der Faktor in diesem Jahr noch deutlich darüberliegen."

Gerade diesen drei Unternehmen wird in der Branche zugebilligt, im Rahmen der WM eine überdurchschnittlich gute Sponsoring-Arbeit zu leisten, die frühzeitig in die gesamte Kommunikationsstrategie eingearbeitet worden sei. Beim Reifenhersteller Continental hingegen ist das Zastrow zufolge nicht der Fall. Die Entscheidung, offenbar aus Kostengründen lediglich Timo Hildebrand, den dritten Torwart der Nationalmannschaft, zum WM-Werbeträger von Continental zu machen, bezeichnet er als Fehler: "Den kennt doch kaum jemand, und wenn, dann finden ihn Frauen toll. Welche Frau entscheidet daheim aber über die Marke neu anzuschaffender Reifen?"

Daß nur der ganz große Auftritt für die Sponsoren gut ist, hat die Fifa längst verstanden. Für die künftig sechs größten WM-Sponsoren ist schon die Rede von 300 Millionen Dollar Sponsorengeldern. Den bedeutendsten Vertrag im Sponsoring der Fußballgeschichte hat kürzlich die Fluggesellschaft Emirates abgeschlossen. Sie zahlt der Fifa für die nächsten acht Jahre 195 Millionen Dollar. In diesem Betrag inbegriffen sind die Rechte für die Fußball-Weltmeisterschaften in Südafrika 2010 und in Südamerika 2014."

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