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dr. schienbein-schützer

[Fußballwelt] Die Sondersitzung

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Radenko Pecl hatte mich heute Morgen angerufen. Seine Worte hatten sich beinahe überschlagen, so aufgeregt war er. Der Stammtisch träfe sich gegen sechs Uhr zu einer außergewöhnlichen Sondersitzung. Es gehe um etwas Ungeheuerliches!

Etwas, das nach einer sofortigen Reaktion unsererseits verlange, brüllte er in den Hörer. Ohne weitere Erklärung hatte er aufgelegt. Danach war er nicht mehr erreichbar. Ich wusste also bis zu meinem Eintreffen im Vereinsheim nicht, was genau so ungeheuerlich sein sollte, dass wir zu einer Sondersitzung kommen mussten. Neben Radenko waren der neue Trainer, Kreuz-Chen, G. und Viktor Schmidt-Riese anwesend. Während die beiden erstgenannten entspannt auf ihren Plätzen saßen, kauerte der Sturmtank unbeweglich über seinem Krügerl. Der Muskelkater vom Holzschlagen hat ihn bewegungsunfähig gemacht. Unser Schiffsbauingenieur dagegen wirkt sehr erholt. Kein Wunder, verbrachte er doch die letzten Tagen hauptsächlich damit, nackt auf einem Felsen zu stehen und einen Adler anzulocken.

Nach ein paar Minuten ergriff Radenko Pecl das Wort. Er sei Ungeheuerliches im Gange, leitete er seine Erklärung mit einer Wiederholung ein. Ihm sei ein Gerücht zu Ohren gekommen, wonach einige Jungspunde aus dem Wohnpark planten, den Verein inklusive Kampfmannschaft und Vereinsheim zu übernehmen.

Vor einigen Monaten hat sich die Zentrale irgend so eines modernen Dienstleistungsunternehmens bei uns im Dorf niedergelassen. Mit ihr kam eine Busladung Führungskräfte inklusive Modeboutique und gesichtslosen kulinarischen Tempel bei uns im Dorf an. Sie siedelten in einem Wohnpark etwas außerhalb. Die Erfolge unserer Kampfmannschaft in den letzten Wochen hätten, laut unseres Kneipiers, das Interesse der Nachwuchsmanager geweckt. Was das für uns und den Verein bedeute, könne sich jeder an einer Hand abzählen, schloß Radenko bedeutungsschwanger und verbittert. Einer Minute des Schweigens, in der G. seine Hand auf der Suche nach einer Antwort aufmerksam betrachtete, folgte aufgeregtes Palaver. Schmidt-Riese dozierte über die Herkunft des Fußballs im allgemeinen und die des Wieners im besonderem. Seien es nicht schottische Gärtner gewesen, die das Ballspiel in die Bundeshauptstadt brachten? Keinesfalls seien es die Manager der damals modernen Eisenbahnunternehmen gewesen! Der neue Trainer befürchtete lautstark Eingriffe in die Mannschaftsaufstellung zugunsten der Einwohnerschaft des Wohnparks. Er kenne diese Flaschen, keiner von denen hätte das Zeug sein Training zu überstehen. Pecl sah seinen Lebenstraum bedroht. Was solle nur aus ihm werden, wenn das Vereinsheim nur noch ein Ableger des Fresstempels sei? fragte er hilfesuchend in die Runde. Und seine Theke aus Glasbausteinen könne er sich auch abschminken. Ich hielt mich mit einem Urteil ein wenig zurück. Ich hatte schon bei der Verpflichtung des neuen Trainers und G.s vollkommen falsch gelegen. Nein, ich will nicht zu jenen zählen, die von vornherein alles und jeden in Bausch und Bogen verdammen. Oder wie Fahrnberger und Simon es definieren würden: der Misanthrop unter den Fußballfans – ein solcher will ich nicht sein! Obwohl es mir zugegebenermaßen manchmal schwer fällt. Gestern Abend bei der Sondersitzung des Stammtisches hielt ich mich deshalb mit einem vorschnellen Urteil zurück. Kreuz-Chen schien es ähnlich zu sehen. Er mahnte zur Ruhe und plädierte dafür, erst einmal zu abzuwarten ob sich das Gerücht als wahr erweist oder nicht. Dann könnten wir uns immer noch echauffieren. Er würde niemals auf ein Gerücht wetten, fügte er abschließend hinzu. Nachdem er die Lektüre seiner Hand beendet hatte, stimmte G. Kreuz-Chen zu und verzichtete darauf, nach dem Schwert der Rache zu rufen. Die Axt und der Muskelkater haben ihn erstaunlich sanftmütig gemacht. Damit stand es drei zu drei – ich schloß mich meinen beiden Vorredner an. Das Argument mit den Gerüchten, auf die Kreuz-Chen niemals wetten würde, hatte mich überzeugt. Der Stammtisch war nicht beschlussfähig. Allerdings die Logik auf unserer Seite. Also entschieden wir, damit die drei Unterlegenen auch in der Öffentlichkeit ihr Gesicht wahren konnte, bis zu einer Erklärung des Präsidiums vorerst nichts zu unternehmen.

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