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dr. schienbein-schützer

[Kabine] Dr. Schienbein-Schützer und Schmidt-Riese

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Der letzte, den ich als Teilnehmer unseres Stammtisches im Vereinsheim vorstellen möchte, ist Viktor Schmidt-Riese. Er ist Ende 30, blond, hochgewachsen, von Beruf eigentlich Schiffsbauingenieur und stammt aus Papenburg in Niedersachsen.

Was ihn in unser Dorf verschlagen hat, weiß keiner so recht. In unserer Runde ist lediglich bekannt, dass Schmidt-Riese seine Karriere an einer Werft vor ein paar Jahren an den Nagel hängte um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen: den Bau einer Kogge in seinem Garten. Das dazu benötigte Holz schlägt der Germane in unserer Runde selbst. Morgens kann man ihn oft auf dem Weg in den nahen Wald mit dem Rad durchs Dorf fahren sehen. Bei aller Zurückgezogenheit, die zu einer ansehnlichen Verschrobenheit geführt hat, liebt er den Fußball. Sein besonderes Interesse gilt der deutschen Bundesliga. Einen Lieblingsverein hat er nicht, zumindest ist uns keiner bekannt. Ich habe den Verdacht, dass er eine heimliche Liebe für den 1. FC Köln hegt, aber wie gesagt, keiner weiß genaueres. Auf jeden Fall bleibt er immer wenn der FC verliert, am nächsten Tag bis in die Nacht im Wald und schlägt Holz. Und das trotz seiner Skepsis gegenüber der Dunkelheit. In den letzten Wochen kam er fast gar nicht mehr aus dem Wald heraus. Viktor hatte mich zu sich eingeladen mit ihm ein Bier zu trinken. Ich saß inmitten von Plänen für den Bau seiner Kogge. Neben mir stand ein Modell, dass den derzeitigen Stand der Arbeiten in seinem Garten zeigte. Ich konnte die Form des Rumpfes bereits erahnen. „Spürst Du die Spannung?“ fragte er mich. Viktor deutete auf die Büsten hinter ihm. An den Wänden standen Bücherregale. Tatsächlich beobachteten mich von dem Regal hinter Viktor die steinernen Augenhöhlen von Maria Theresia und dem alten Fritz. „Ich habe das Zimmer so eingerichtet, dass alle Spannungsfelder an dem Sessel, in dem Du sitzt zusammentreffen.“ Viktor erhob sich und ging an mir vorbei auf die Bücherwand hinter mir zu. Ich folgte ihm mit meinem Blick. Mit seiner Flasche deutete er auf das mittlere Fach des Regals in der Mitte der Wand. Ich drehte mich in meinem Sessel und konnte am Ende des Flaschenhalses zwei benachbarten Buchrücken erkennen: „Das Kapital“ und „Die Heilige Schrift“. Die Flasche wanderte zu dem darüber liegenden Fach und deutete auf „The Engine of Creation“ und „Von der Entstehung der Arten“, verharrte dort kurz um schließlich den Weg nach unten anzutreten. Zwei Fächer weiter hielt er ein letztes Mal an: „Der Wohlstand der Nationen“ und „Verbrechen und Strafe“. Sein Blick offenbarte die Bedeutung dieser Nachbarschaft. „Der Widerstreit dieser Schriften bündelt sich ungefähr hier…“ Viktor entfernte sich wieder einen halben Schritt vom Regal und umschloss mit seinen Händen den imaginären Knotenpunkt „…und schießt geradezu in den Rücken Deines Sessels“. Während er das sagt beschrieben seine Hände den Weg des gebündelten Strahls in den Rücken meines Sessels. Gedanken an eine darwinistische Weltrevolution in der die nanotechnologischen Produktionsmittel zu Ehren Gottes und vor dem Hintergrund Raskolnikowscher Leiden sozialisiert sind, durchzuckten mich. Aber bevor sie Gestalt annahmen, war Viktor bereits weiter zu einer Auslassung in den Regalen an der Stirnseite des Zimmers gegangen. Dort hingen, fein säuberlich eingerahmt zwei signierte Fußball-Trikots, das eine von Oliver Bierhoff, das andere von Eric Cantona. Darunter liegen zwei antike Gladiatorenhelme, der eine unter Cantona hat sogar eine eiserne Gesichtsmaske. „Entschuldige bitte die Plumbheit dieser Installation,“ Viktor stand neben dem Regal und hob entschuldigend die Hände. „Ich möchte nicht sagen, dass sie mich überfällt, aber ihre Aussage ist doch schwerlich zu übersehen,“ entgegnete ich und nuckelte an meinem Bier. „Ich weiß und es tut mir leid. Aber mir ist noch nichts besseres eingefallen um zu zeigen, dass die eigentliche Bedeutung des Fußballs weitaus archaischer ist, als wir uns das gemeinhin vorstellen. Graffitis sind für die Erforschung der römischen Geschichte unerlässlich. Davon beziehen sich nicht wenige auf verehrte oder verhasste Gladiatoren. Sag selbst, siehst Du einen Unterschied zu den gesprayten Graffitis von heute? Oder schau Dir die Stadien an…“ so ging es dann noch den ganzen Abend, wir tranken und Viktor bewegte sich nicht einen Zentimeter von seinem Stehplatz neben den beiden Trikots und den Gladiatorenhelmen weg…

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