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Interview mit Uli Hoeneß

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Im Trainingsanzug und mit Fußballschuhen sitzt Uli Hoeneß auf der Ersatzbank am Rande des Trainingsplatzes. Bald kickt er selbst mit Rummenigge, Aumann, Dremmler. "Bälle holen!" ruft er, als Salihamidzic, Scholl und Ballack die teueren Lederkugeln im Gebüsch liegen lassen.

kicker: Herr Hoeneß, der FC Bayern gewann das letzte Spiel 2003 mit 6:0 in Freiburg. Dennoch beinhaltete Ihre Silvester-Botschaft die Drohung, Sie gäben jedem Spieler zwei Monate, die Bereitschaft zur absoluten Leistung zu beweisen. Warum diese deutlichen Worte?

Uli Hoeneß: Diese Worte mögen hart gewesen sein; aber ich wollte damit ausdrücken, dass sich die Zeiten total geändert haben. Das Schlaraffenland Fußball gibt es nicht mehr.

kicker: Warum schlitterte der Fußball europaweit in diese Schuldenfalle?

Hoeneß: Diese fatale Entwicklung prophezeie ich seit Jahren. Und jetzt gibt es den Markt nicht mehr. Die Spieler können nicht mehr sagen, wenn ich mit dem FC Bayern ein Problem habe, gehe ich da- oder dorthin. Zum FC Bayern gibt es keine Alternative. Die Spieler müssen ihr Bewusstsein ändern: Im Sommer werden vielleicht 150 Profis arbeitslos. Und wie vielen Vereinen droht die Pleite!

kicker: Welche Möglichkeiten zur Korrektur sehen Sie?

Hoeneß: Die Vereine müssen die Gehälter reduzieren. Dazu werden sie sowieso gezwungen. Und dann wird sich alles in einigen Jahren regulieren. Die Spieler, gerade auch beim FC Bayern, müssen jeden Morgen zwei Kerzen aufstellen, dass sie diesen Lebensstandard genießen dürfen.

kicker: Ist den Bayern-Stars ihre Sonderstellung bewusst?

Hoeneß: Ich versuche den Spielern den Blick für die Realität zu öffnen, weil ich das Gefühl habe, dass sie in einer Traumwelt leben. Die können sie sich bewahren, wenn wir die notwendigen Einnahmen haben. Die Spieler müssen jeden Tag darüber nachdenken, wie sie dieses Gebilde FC Bayern - und ihre Lebensqualität erhalten können.

kicker: Sie sagten, die Personen beim FC Bayern müssten sich ändern, andernfalls müssten sie ausgetauscht werden. Heißt das, uneinsichtige Profis müssen auf die Bank, die Tribüne oder völlig weg?

Hoeneß: Wir haben im vergangenen halben Jahr nicht die Leistung gebracht, die der

FC Bayern bringen muss. Das bedeutet nicht, dass wir fünf Spieler abgeben und fünf neue holen, sondern dass viele Einzelne zu wenig gebracht haben - aus den unterschiedlichsten Gründen.

kicker: Aus welchen?

Hoeneß: Ich kenne alle und bespreche sie mit den Betreffenden. Es liegt aber nicht daran, dass der FC Bayern zu wenige gute Spieler hat. Jedenfalls würde ich es bedauern, wenn dieses Personal nicht reichen würde. Und es nützt auch nichts, fünf Neue zu holen, wenn die dann wieder nicht die Leistung bringen. Wenigstens haben wir im Schlussspurt 2003 die Ziele noch erreicht, wenn auch nur auf den allerletzten Drücker.

kicker: Nach dem 1:0-Zittersieg gegen Anderlecht bezeichneten Sie die Mannschaft als "sensibel" und "wenig nervenstark". Verunsichern Sie mit existenziellen Aussagen die Mannschaft nicht noch mehr?

Hoeneß: Überhaupt nicht. Mit dem ersten Spiel gegen Frankfurt und den folgenden Begegnungen haben wir die Zeit, uns auf die großen Aufgaben einzustimmen. Der Druck kommt aus dem Wettbewerb, ein Spiel gegen Anderlecht ist ein effektiveres Druckmittel als Uli Hoeneß.

kicker: Sie haben auch geäußert: Wir müssen etwas anfangen, damit diese Mannschaft wieder nach vorne kommt. Was fangen Sie an?

Hoeneß: Es fängt schon mit diesem Trainingslager hier in Dubai an. Früher machten wir das eine oder andere Freundschaftsspiel zu viel. Jetzt haben wir die besten Voraussetzungen geschaffen, die Mannschaft körperlich in einen optimalen Zustand zu bringen.

kicker: Lag es also vor allem am Körperlichen?

Hoeneß: Die Physis ist die Grundvoraussetzung. Ein weiteres Problem ist dies

er Glaube, es wird schon, das schaffen wir schon. Aber gerade das muss man sich jeden Tag neu erarbeiten.

kicker: Sollte ein Profi nicht selbstverständlich fit sein?

Hoeneß: Fitness ist subjektiv. Es glauben alle, fit zu sein. Sie sind es aber nicht, auch weil sie verletzt waren oder früh spielen mussten. Da gab es viele berechtigte oder unberechtigte Ausreden im vergangenen Halbjahr, die man hingenommen hat. Jetzt aber können außer Zickler und Rau alle das volle Programm absolvieren. Ich denke da auch an Roy Makaay, der im Sommer keine Vorbereitung hatte, nun voll à la FC Bayern trainieren kann. Oder Martin Demichelis.

kicker: Schafft er den Durchbruch?

Hoeneß: Schwer zu sagen. Aber die Voraussetzungen hat er. In Anderlecht oder in Freiburg war er überragend, dann waren Spiele dabei, in denen man schon zweifelte. Das ist Kopfsache bei ihm.

kicker: In einer ersten Analyse meinten Sie nach der Zitterei in der Champions League, es sei etwas mit dieser Mannschaft, "was wir noch nicht hatten". Was ist mit ihr? Befindet sie sich noch im Prozess der Selbstfindung?

Hoeneß: Ja, viele Spieler sind erst ein, zwei Jahre da. Außerdem haben wir m

it Roy Makaay einen kleinen Systemwechsel hinter oder noch vor uns. In Giovane Elber ging ja ein Herzstück dieser Mannschaft.

kicker: Wie weit ist die Integration Makaays gediehen?

Hoeneß: In Freiburg hatte ich das Gefühl, dass wir ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben. Er spielte mit, schoss Freistöße. Ich fragte ihn, wieso er das vorher nicht tat. Er antwortete, dass noch andere da seien. Makaay kann uns richtig helfen, wenn er spielerisch so weitermacht.

kicker: Ist der Eindruck richtig, dass Bayern versucht, Makaay zu einem Führungsspieler aufzubauen?

Hoeneß: Hören Sie damit auf! Makaay muss kein Führungsspieler sein, er muss den Ball ins Tor schießen.

kicker: Mit Ottmar Hitzfeld wollten Sie in der Winterpause Grundsätzliches besprechen. War dazu schon Zeit?

Hoeneß: Ich rede mit ihm jede Woche. Und er ist nicht irgendein Untergeordneter, den ich vorzitiere. Wir besprechen alles, und man muss dabei auch alles in Frage stellen. Denn wenn wir mit diesem Kader nicht besser Fußball spielen, muss es irgendwelche Ursachen haben. Wenn unsere Mannschaft 95 Prozent ihrer Leistung abruft, wissen wir doch, was in Deutschland los ist.

kicker: Sie meinen: Dann gibt es nur einen Meister?

Hoeneß: Ja - wenn sie es tun. Aber gegen Real Madrid muss man 110 Prozent spielen.

kicker: Wieviele Prozent sahen Sie in Freiburg?

Hoeneß: Ein 6:0 gegen Freiburg ändert meine Meinung nicht - auch wenn es bewiesen hat, was diese Mannschaft kann.

kicker: Hitzfeld setzt hier im Training viele spielerische Schwerpunkte. Steckt darin das Motto der Zukunft?

Hoeneß: Der Zukunft? Das spielerische Element ist beim FC Bayern immer ein Ideal. Der Trainer hat in der Pause viele Videos geschaut und dabei viele Fehler entdeckt.

kicker: Es gab zuletzt immer wieder Andeutungen in Richtung Hitzfeld. Wie ist seine Position Mitte Januar 2004?

Hoeneß: Sein Standing wurde von uns nie in Frage gestellt. Deshalb gibt es von mir dazu keinen Kommentar. Sagt man was, heißt es gleich, da ist ja doch etwas.

kicker: Karl-Heinz Rummenigge sagte jüngst im kicker voraus, 2004 werde den besten Ballack, den es je gab, bringen. Wie viel hängt von Ballack ab?

Hoeneß: Der FC Bayern besteht nicht allein aus Ballack. Seine Person wird zu sehr hochgespielt. Wir haben so viele gute Spieler. Wenn ständig nur über Ballack gesprochen wird, werden die anderen Spieler sauer, mit Recht. Es müssen sich alle Spieler mehr einbringen. Hätten sie es getan, stünden wir jetzt nicht vier Punkte hinter Werder Bremen. Oder hat Bremen die bessere Mannschaft?

kicker: Fürchten Sie, dass Roque Santa Cruz ein ewiges Talent bleibt?

Hoeneß: Er ist sicher einer der Spieler, der jetzt den totalen Durchbruch schaffen muss. Er lacht jeden Tag, ist Everybodys Darling und hat die darin bestehende Gefahr noch gar nicht erkannt. Von ihm erwarte ich den größten Schub. Er muss dem Gegner auch einmal wehtun.

Kicker: Sind Sie mit Zé Roberto noch immer so streng?

Hoeneß: Bei ihm habe ich den Endruck, dass er auf einem guten Weg ist. In Freiburg war er stark.

kicker: Wenn Sie die jungen Spieler so toben sehen dort auf dem Trainingsplatz: Wer von denen muss es packen?

Hoeneß: Trochowski muss in diesem Jahr an den Spielkader heranrücken. Es wäre eine Sünde, diesen Spieler nicht im Mannschaftskader des FC Bayern zu haben. Wenn Zé Roberto müde ist, könnte ich mir Trochowski als Alternative vorstellen. Oder nehmen wir Willy Sagnol: Der könnte Weltklasse sein, auch wenn er mich mit seiner Ruhe manchmal wahnsinnig macht. Und Sammy Kuffour muss nun einmal außerhalb jeder Diskussion stehen. Wie er gegen Stuttgart spielte, trotz Verletzung: großartig. In Normalform sind er und Kovac mit das beste Abwehrduo in Europa. Kovac kann schießen und ist schnell. Wenn einer Ronaldo stoppen kann, dann er. Aber dessen muss er sich bewusst sein. Er kann viel mehr bringen. Überhaupt brauchen wir auf dem Transfermarkt nichts zu tun, wenn dieses Personal seine Qualitäten ausspielt.

kicker: Wie intensiv müht sich der FC Bayern noch um den Argentinier Carlos Tevez?

Hoeneß: Er wäre schon der Mann, aber eine Verpflichtung wird schwierig. Wir warten in Ruhe ab.

kicker: Herr Hoeneß, das Spiel gegen Real Madrid ist das elektrisierende Thema. Was passiert, wenn Bayern gegen Madrid im Achtelfinale aus der Champions League ausscheidet?

Hoeneß: Nichts. Es wäre Weltklasse, wenn wir weiterkämen. Aber eine Niederlage gegen diesen Mythos, der durch die Beckham-Manie noch gesteigert wurde, könnte man erklären.

kicker: Was ist für Sie wichtiger? Die Champions League oder die Meisterschaft?

Hoeneß: Die Bundesliga. Alles Weitere ist Zubrot. Wir müssen wieder Meister werden.

Quelle: kicker

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