40.200 im Happel-Stadion für ein Freundschaftsspiel gegen Ghana
27. März 2026, Freitagabend, Wien-Prater, Freundschaftsspiel gegen Ghana. 40.200 Leute im Stadion. Für ein Testspiel. Marcel Sabitzer schoss gleich vom Elferpunkt, Paul Wanner kam zur Pause und ließ die ganze ghanaische Hintermannschaft staunen, Carney Chukwuemeka feierte sein Debüt und erzielte nach lediglich 18 Minuten auf dem Platz bereits seinen ersten Treffer. Am Ende stand es 5:1 und Rangnick meinte danach nur kurz und knapp, das sei ein rundum gelungenes Spiel gewesen.
Vier Tage später, wieder Happel-Stadion, 35.300 gegen Südkorea. Sabitzer traf wieder, diesmal gelang dem ÖFB-Team aber nur ein 1:0 Sieg. Wer sich daran erinnert, wie Testspiele unter Franco Foda vor halbleeren Rängen stattgefunden haben, glaubt seinen Augen nicht.
Nachspielzeit in Frankreich
28 Jahre. So lange liegt der letzte WM-Auftritt von Österreich zurück. Frankreich 1998, Gruppe B mit Italien, Chile und Kamerun. Herbert Prohaska hatte einen Kader, der auf dem Papier reichte: Konsel im Tor, Polster im Sturm, Herzog und Vastic im Mittelfeld.
Aber was dann kam, daran hätte sich kein Hollywood-Drehbuchautor gewagt. Drei Spiele, drei Tore für Österreich. Aber jedes einzelne davon fiel erst in der Nachspielzeit. Polster gegen Kamerun, Vastic gegen Chile, Herzog gegen Italien. Nicht ein einziger Treffer fiel vorher. 1:1, 1:1, 1:2. Ausgeschieden.
Das war der 23. Juni 1998. Damals dachte niemand, dass es bis zum nächsten Auftritt bei einer WM 28 Jahre dauern würde.
Sechs vergebene Anläufe
Die Liste der WM-Quali zwischen 1998 und 2025 liest sich wie eine Aufzählung vom Scheitern. Playoff-Niederlage gegen die Türkei 2001, karge Kampagnen mit allerlei Teamchefs, am Tiefpunkt dann die bleiernen Jahre von Franco Foda, der zwischen 2018 und 2022 sämtliche Chancen auf eine WM-Quali verbrannte. Österreich war 2008 Co-Gastgeber bei einer EM, qualifizierte sich 2016 und 2024 für Europameisterschaften. Aber zur WM? Alle sechs Versuche endeten in kläglichem Scheitern.
Rangnick übernahm im Mai 2022. Den Effekt muss man nicht schönreden, die Zahlen sprechen für sich. 13 Heimspiele ohne Niederlage, neuer Verbandsrekord. Die EM 2024 in Deutschland wurde zum Fest: 20.000 österreichische Fans marschierten in Düsseldorf am Rhein entlang zum Stadion, das Video davon ging um die ganze Welt. Und dann die WM-Qualifikation, die am letzten Spieltag mit einem 1:1 gegen Bosnien gelang. Kein Glanzstück, aber es reichte.
Vom Teletext zum Second Screen
1998 hatten vielleicht 15 Prozent der Österreicher Internetzugang. Wer das Spiel gegen Kamerun sehen wollte, schaltete den ORF ein. Punkt. Am nächsten Morgen stand die Analyse in der Zeitung. Dazwischen gab es den Teletext, Seite 200 bis 230, wer es genau wissen wollte.
Im WM-Jahr 2026 überträgt der ORF alle 105 Spiele, parallel läuft der Stream auf ORF ON. Sky zeigt die Bundesliga, ServusTV teilt sich die Quali-Rechte. Und während ein Spiel läuft, tippen Tausende in Foren, auf X, in WhatsApp-Gruppen ihre Meinung. Neben Livetickern und Statistikplattformen existiert heute auch eine Reihe an Angeboten für Online-Glücksspiel, die das Spielgeschehen in Echtzeit begleiten, dazu kommen Tippspiel-Apps und Daten-Tools wie Overlyzer, das aus dem ASB-Umfeld heraus entstanden ist. Die Admiral Bundesliga trägt den Namen eines Sportwettenanbieters, Interwetten sponsert das Rapid-Forum hier im Board. Dass Fußball und Wettbranche in Österreich eng miteinander verwoben sind, ist kein Geheimnis. Die Glücksspiellizenzen laufen im September 2027 aus, ein Reformentwurf liegt seit November 2025 bei der Regierung.
1998 gab es den Fernseher und den Teletext. 2026 gibt es ein Ökosystem. Ob das gut ist, sei dahingestellt. Aber wer sich über leere Stadien beschwert, sollte wissen, dass der Fußball seinen Zuschauer mittlerweile auf drei Bildschirmen gleichzeitig erreicht.
Santa Clara, Dallas, Kansas City
Gruppe J. Jordanien am 17. Juni in Santa Clara, Anstoß sechs Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit. Argentinien am 22. Juni in Dallas. Algerien am 27. Juni in Kansas City.
Den Wecker für sechs Uhr morgens stellen, um ein WM-Spiel des eigenen Nationalteams zu schauen, das hat es in Österreich noch nie gegeben. Allein dafür hat sich die Qualifikation gelohnt.
Rangnick hat die Testspielgegner im Frühjahr gezielt aus anderen Kontinenten gewählt. Ghana für die Athletik afrikanischer Mannschaften, Südkorea für die Kompaktheit asiatischer Teams. Am 1. Juni folgt Tunesien in Wien, dann noch ein Test in den USA, vermutlich gegen Guatemala im Rose Bowl. Die Vorbereitung ist minutiös. Ob sie reicht, weiß niemand.
Das neue WM-Format mit 48 Teams verteilt auf zwölf Vierergruppen macht die Rechnung komplizierter. Die ersten Zwei jeder Gruppe kommen weiter, dazu die acht besten Gruppendritten. Ein einziges Tor kann über Achtelfinale oder Heimreise entscheiden. Gegen Jordanien, den WM-Debütanten, muss ein Sieg her. Gegen Argentinien, den Titelverteidiger mit Messi, wäre ein Punkt ein Erfolg. Algerien liegt in der FIFA-Weltrangliste nur knapp hinter Österreich und wird das unbequemste Spiel der Gruppe.
Sabitzer steht nach seinem Tor gegen Südkorea bei 25 Länderspieltreffern, Platz zehn der ewigen ÖFB-Liste. Wanner, der gebürtige Dornbirner, der sich nach jahrelangem Werben Rangnicks gegen Deutschland und für Österreich entschied, war beim Ghana-Spiel an drei Toren beteiligt. Gegen Südkorea stand er dann erstmals in der Startelf. Ob David Alaba rechtzeitig fit wird, bleibt offen. Der Kapitän fehlte im März wegen einer Knieverletzung, die ihn seit über einem Jahr begleitet.
Die Kadertiefe ist besser als je zuvor. Sabitzer bei Dortmund, Laimer bei Bayern, Seiwald bei Leipzig, Baumgartner bei Leipzig, Posch bei Mainz. Halb die deutsche Bundesliga spielt für Österreich. Ob das reicht für ein Turnier, das vom Finalisten bis zu acht Spiele verlangt, ist eine andere Frage. So tief war der österreichische Kader noch nie getestet worden.
[ Bildquelle pexels.com ]

0 Kommentare
Recommended Comments
Keine Kommentare vorhanden