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Paros

Der vereinslose Fan

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Schon etwas älter, vielleicht kennt das Geschreibsel ja schon wer.

Der ewigen Rätselei der Besucherzahlen wegen...

Der vereinslose Fan

Aaaaaaahhh! Ich fühle mich herrlich.

Ich blicke zurück auf ein Fußballwochenende, das mir mal wieder bewiesen hat, welche ungeheure Macht ich über den Fußball habe. Wegen mir stand der BVB lange am Abgrund und ist inzwischen einen entscheidenden Schritt weiter. Wegen mir kommen 5.000 Zuschauer weniger pro Spiel zum 1. FC Kaiserslautern als noch vor wenigen Jahren, obwohl der Betze seitdem größer geworden ist. Wegen mir tanzt beim FC Bayern jetzt Berni der Bär statt Bazi durchs Olympiastadion. Und – ach ja, à propos: Wegen mir spielt der TSV 1860 vor 48.000 leeren Sitzschalen in ebendiesem Stadion statt an der Grünwalder Straße.

Wer ich bin, dass ich eine solche Macht über den deutschen Fußball habe?

Ich bin das goldene Kalb, das die Vereine seit Jahren umtanzen. Ich bin der Teufel, dem die Dortmunder wie einst Timm Thaler ihre Seele verkauft haben. Ich bin das Wachstumspotential, das findige Marktforscher errechnet haben und dem sämtliche Vereine seitdem hinterher jagen. Ich bin der vereinslose Fußballfan!

Die meisten von Euch sind Anhänger eines Vereins, treue Seelen, die zu 100 % (oder auch 104, 109 oder 1860 %) hinter ihrem Verein stehen. Ihr geht ins Stadion, habt wahrscheinlich sogar eine Dauerkarte, seid immer da gewesen und werdet auch immer wieder hingehen, weil Ihr vom Verein sowieso nie loskommen werdet. Oh, tut mir leid für Euch! Denn Eure Treue ist Euer Pech – der Verein muss sich für Euch nicht mehr ins Zeug legen. Ihr kommt ja eh wieder! In den Zahlenspielereien der Fußballunternehmen seid Ihr auf Jahre fest einkalkuliert. Zur Belohnung dürft Ihr ab und zu mal ungestraft die Abfahrt des Mannschaftsbusses hinauszögern, mehr Einfluss gesteht man Euch nicht zu.

Ich hingegen – ich komme nur, wenn der Erfolg da ist, ein wenig internationales Flair und ein divenhafter Weltstar; wehe, wenn nicht, dann pfeif ich! Also reißt sich der Verein den Hintern auf, um mir genau das zu bieten. Netterweise nicht nur den Hintern, sondern auch den Boden finanzieller Solidität.

Den BVB-Fans unter Euch waren all die Titel vermutlich gar nicht so wichtig. Klar war es schön, mit dem Verein Erfolge feiern zu können, doch Ihr wart auch schon in den trüben 80ern eine Legende, habt in vielen Jahren des Abstiegskampfs immer für eine ganz besondere Stimmung gesorgt, habt Eure Borussen damals trotz aller Sorgen innig geliebt und würdet den Verein auch heute noch genauso lieben, auch wenn es jedes Jahr nur um einen UI-Cup-Platz gehen würde. Selbst wenn der BVB zwischendurch mal in die zweite Liga abgestiegen wäre – Ihr wärt nach Meppen oder Burghausen mitgefahren, hättet Euch auf ein paar neue Stadien gefreut und wärt nach einem Jahr oder zweien voller Stolz zurückgekehrt. Was ich damit sagen will: Um sich Eure Liebe zu sichern, hätte der Verein nicht Amoroso kaufen und Möllerriedlekohlerreuterhässler aus Italien zurückholen müssen, Ihr hättet Euch auch weiterhin mit Knut Reinhardt, Teddy de Beer und Susi Zorc identifizieren können. Für mich jedoch und meine Millionen wankelmütigen Artgenossen, die Ende der Neunziger plötzlich im BVB-Trikot durch Magde-, Lüne- und Regensburg flaniert sind, waren die sportlichen Erfolge Grundvoraussetzung für unseren Meinungsumschwung weg von den Bayern, hin zur Borussia. Ohne Champions-League-Titel kein BVB-Trikot und kein gelegentlicher Besuch im Westfalenstadion. Nun, die Folgen sind bekannt. Unsre Sympathie war zu teuer erkauft, der Verein geht die Emscher runter, und wir Wechselwähler gehen künftig einfach nicht mehr hin, sondern haben uns inzwischen Bremen, Mainz oder mal wieder den Bayern zugewandt. Ihr jedoch müsst da bleiben und zusehen, wie der BVB in zwei Jahren in der Oberliga oder – wenn es ganz schlimm kommt – in der Kreisklasse wieder von vorne anfangen muss. Und das alles, um ein paar Jahre ‚trendy’ gewesen zu sein...

Die selben schmerzhaften Erfahrungen machen auch die ebenso roten wie armen Teufel in Kaiserslautern. Die selben Profilierungsstrategien, der selbe finanzielle Wahnsinn. Auch hier ein Stadionausbau, den man nur braucht, um uns Modefans auch noch unterbringen zu können. Aber vielleicht schaue ich ja auch mal zur WM vorbei und lasse die durchschnittlich pro WM- Tourist errechneten 178 € in der Stadt, wer weiß?

Selbst der große FC Bayern hofiert mich mit allen Mitteln. Weil ihnen jemand gepetzt hat, dass ihr bisheriges Maskottchen so hässlich ist, dass kleine Kinder vor ihm erschrecken und nur echte Bayern-Fans den „Bazi“ mögen können, haben die Marketingstrategen des Rekordmeisters ihren Plüsch- Quasimodo umgehend zurückgerufen. Denn die echten Fans kaufen ja ohnehin alles, die unechten gilt es zu gewinnen! So grüßt seit einigen Monaten „Berni“ ins weite Rund, konsequenterweise ein Bär, denn, so Rummenigge: „Die Hälfte der weltweit verkauften Plüschtiere sind Bären.“ Glückwunsch, lieber Karl-Heinz, zu all den neuen Bayern-Fans in China und Chile, Chicago und Chisinau!

Am härtesten jedoch hat es mal wieder die Anhänger des Lokalrivalen erwischt. Nie wurde das Halali auf mich als Modefan so deutlich geblasen wie einst an der Grünwalder Straße. Als vor knapp 10 Jahren der andere Münchner Karl-Heinz, der Wildmoser nämlich, ein neues Jagdrevier suchte für seine Hatz nach meinem Geld und meiner Liebe, und dies im Olympiastadion zu finden glaubte, war die Empörung unter den langjährigen Löwenfans gewaltig. Doch denen, die zuvor lange Jahre treu auch in der Bayernliga gekommen waren, zeigte der Oberlöwe die kalte Schulter, ich als potentieller Neufan war ihm da viel wichtiger. „Sollen die paar Hanseln doch wegbleiben. Für die hundert, die wegen dem Stadion wegbleiben, werden 20.000 neue kommen.“ Recht hatte er, der Kalleinz. Sie kamen wirklich, die 20.000. Doch sie bleiben nicht, warum auch? Kaum war der Erfolg weitergezogen, setze sich auch die Karawane seiner Jünger in Bewegung. Wir sind nämlich auch treu, wir Erfolgsfans, jawohl, uns selbst und unserer Liebe. Wir werden immer wieder hingehen, wir werden immer da sein. Wir sind die Gollums des Fußballs, wir biedern uns jedem an, um in seiner Nähe zu sein. So sind wir immer da, wo er auch ist – unser Schatz, der Erfolg!

Ein Artikel von 11Freunde.de

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