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Interview mit Willi Ruttensteiner

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"Wir können nicht jährlich zehn Nationalspieler produzieren"

Willi Ruttensteiner voller Dankbarkeit: "Ich ziehe den Hut vor Pepi Hickersberger"

Wien - Am Mittwoch eröffnet die U21-Auswahl des ÖFB mit einer Partie gegen Mazedonien in Skopje das Länderspiel-Jahr 2005.

Viel war in den letzten eineinhalb Jahren vom Erfolg unseres Nachwuchses zu hören. Man denke nur an die Bronze-Medaillen für U19 und U17 im Jahr 2003.

Doch was wurde aus den Talenten? Viele blieben stecken. Sport1 traf sich mit Willi Ruttensteiner, Technischer Direktor des ÖFB und U21-Teamchef in Personalunion, zu einem ausführlichen Gespräch über den Ist-Zustand des heimischen Nachwuchses.

Die 5-Jahres-Bilanz von Ruttensteiner und ein Check über die aktuelle Situation der Goldenen Generation von 2003 komplettieren den ausführlichen Nachwuchs-Report.

Sport1: Die EURO 2008 naht. Wie sieht der U21-Teamchef die Entwicklung der jüngeren Spieler?

Ruttensteiner: Ibertsberger, Kiesenebner, Standfest, Ivanschitz, Pogatetz, Payer, Mandl - der Prozess der Übernahme aus dem Challenge-Projekt ins A-Team hat begonnen. Es geht darum, in den nächsten Jahren über das Future-Team noch den einen oder anderen Spieler hinzuzubringen. Ich sehe aber eine Tendenz. Ein Kiesenebner hat verstanden, individuell zu trainieren. Ein Ibertsberger hat gewaltig an seinem Körper gearbeitet. Das sind Garanten für eine neue Generation.

Sport1: Die genannten Spieler sind teilweise Mitte 20. Ist nicht das Problem des österreichischen Fußballs, dass der Übergang in den Profibereich zu spät stattfindet, viele Talente mit 19 scheitern?

Ruttensteiner: Ich glaube nicht, dass das Wort "scheitern" richtig ist. Kiesenebner zum Beispiel ist nicht gescheitert. Er hat nur zwei, drei Jahre länger gebraucht. Wir wollen pro Jahr zwei bis drei Spieler ins A-Team bringen. Mehr geht nicht. Wir können nicht jährlich zehn Nationalspieler produzieren.

Sport1: Es geht nicht nur ums Nationalteam. Viele große Talente gehen schon für die Bundesliga verloren. Vom ehemals erfolgreichen U19-Team sind die wenigsten in der Liga etabliert. In anderen Ländern funktioniert es doch auch.

Ruttensteiner: Wenn ich später anfange und Spieler länger im Nachwuchs halte, findet der Output in den Profi-Fußball später statt. Nimmt man junge, talentierte Spieler früher hinein, klappt es doch immer wieder. Da ist mehr Risiko der Trainer gefragt. Andererseits sollten wir früher mit der Ausbildung beginnen. Nicht um sie zu verlängern, sondern um früher fertig zu sein. In dieser Koordinationsstufe vor 12 muss etwas passieren, damit sie mit 18 schon besser sind und vielleicht mit 20 schon spielen. Es muss uns gelingen, diese ein, zwei Jahre herunterzudrücken. Wir müssen daran arbeiten, dass die Spieler noch besser werden

Sport1: In diesem Alter können die Talente ja, wie großartige Turnier-Leistungen erwiesen haben, mithalten. Unsere späteren Nationalspieler beginnen jedoch in einer schwächeren Liga altersmäßig später im Profi-Fußball als Altersgenossen aus dem Ausland.

Ruttensteiner: Hervorragend beobachtet. Ich habe selbst lange gebraucht zu verstehen, warum wir bei der U20/U21 schwerer Erfolg haben als bei der U19. Das gibt es ja nicht, die werden doch nur ein Jahr älter! Wenn man analysiert: Spielt die U19 gegen England, haben beide ungefähr die gleiche Wettbewerbserfahrung gegen Altersgossen. Da können wir mithalten. In der U21 spielen bei mir ein oder zwei Spieler fix in der Bundesliga, der deutschen U21 steht ein Sextett zur Verfügung, das es gewohnt ist wöchentlich vor 60.000 Fans zu spielen. Das gibt Routine.

Sport1: Routine, wie sie ein Ibertsberger gerade bekommt.

Ruttensteiner: Auf einmal spielt er auch dort. Ich kann mich erinnern: Bis zum Holland-Spiel der U21 hat er bei Salzburg nicht eine einzige Minute gespielt. Gegen Holland hat er brilliert. Ab diesem Zeitpunkt hat er fix bei Salzburg gespielt.

Sport1: Eines ihrer Ziele ist die Differenzierung des Österreicher-Topfs. Kann man damit "Schwarze Schafe" wie Bregenz ausschalten, die junge Österreicher auf die Bank setzen, ohne deren Einsatz je in Betracht zu ziehen?

Ruttensteiner: Ich finde die Idee Österreicher-Topf hervorragend. Aber man muss differenzieren: Was belohne ich tatsächlich? Belohne ich, dass ein junger Spieler von 19 oder 20 Jahren tatsächlich eingesetzt wird oder belohne ich, dass er alibimäßig auf der Ersatzbank sitzt. Wenn wir diese wunderbare Idee weiter differenzieren, meinen wir es wirklich ernst. Das wäre Balsam auf den Wunden der Akademien.

Sport1: Der Jammer ist: Bundesligisten setzen meist immer erst finanziell bedingt auf Eigenbau-Spieler - etwa Sturm, FC Wacker, lange Zeit Salzburg und Admira. Was denken Sie diesbezüglich, wenn sie die neue Legionärsschwemme in der abgelaufenen Übertrittszeit sehen?

Ruttensteiner: Bei solchen Verpflichtungen bin ich natürlich nicht erfreut, das ist klar. Aber ich bin ein Mensch, der eher dort hinschaut, wo eine Entwicklung passiert - auch wenn sie aus der Not passiert. Als Vereinsverantwortlicher müsste ich ja eigentlich schauen: Was ist bei Tirol passiert, was bei Rapid, was bei Pasching? Auf welchem Weg ist Sturm? Man könnte sich sagen: Eigentlich geht es günstiger, man könnte jungen Österreichern die Chance geben. Das ist mein Hoffnungsschimmer.

Sport1: Gibt es positive Beispiele?

Ruttensteiner: Ich bewundere zum Beispiel Pepi Hickersberger. Ich habe noch nie einen Trainer erlebt, der so zur österreichischen Nationalmannschaft steht - und zwar nicht alibimäßig. Sondern in Taten! Egal ob A-Team, ob Nachwuchs-Teams als auch Challenge-Projekt - er steht dazu. Gleichzeitig spielt er um den Titel, das darf man nicht vergessen. Auch wenn es in der Meisterschaft um alles geht, steht er dazu. Ein großes Kompliment!

Sport1: Schaffen es Ihrer Meinung nach abseits von Kooperationsverträgen genügend Spieler aus der Jugendliga Red Zac in die Bundesliga?

Ruttensteiner: Der Punkt Kooperationsspieler ist für Leiter von Akademien sensationell. Man kann Spieler an höheres Niveau heranführen. Wir müssen aber mit diesem Punkt erst umgehen lernen. Das kann ein Schlüssel zum Erfolg sein. Viele Spieler haben es ja schon bewiesen. Nur: Es muss dann oben weiter gehen.

Sport1: Oft werden Transfers von Talenten durch die Ausbildungsentschädigung verhindert.

Ruttensteiner: Man darf nicht vergessen: Ausbildung kostet viel Geld. Trainer, Lehrer etc in Akademien kosten. Aber natürlich ist die Thematik am Tisch. Die Versuchung, Spieler von woanders her billiger zu bekommen, ist gegeben.

Sport1: Wie ist eigentlich Teamchef Hans Krankl ins Thema Nachwuchs eingebunden?

Ruttensteiner: Diese Zusammenarbeit hat sich sehr intensiviert. Krankl ist nicht derjenige, der sich nach außen hinstellt und darüber referiert. Aber: Egal, womit ich zu ihm komme, er bringt sich ein. Er ist hundertprozentig informiert.

Sport1: Ihr Wunsch an die jungen Spieler?

Ruttensteiner: Ich sage ihnen schon: Ihr müsst besser werden! Nur wenn ihr gewaltig besser werdet, macht ihr es den Trainern, Präsidenten und Managern schwer, über euch hinwegzusehen. Macht es euch nicht zu leicht! In Istanbul hat sich gezeigt: Sie müssen lernen Dreck zu fressen. Nicht jammern! Ich will vermitteln, dass individuell härter gearbeitet wird, auch außerhalb des Trainings.

Sport1: Themenwechsel: Vor einigen Wochen hatten Sie massive Probleme mit dem GAK. Sie sollen abfällige Bemerkungen gegenüber Pogatetz, Standfest und Dollinger getätigt haben.

Ruttensteiner: Ich möchte es sachlich erklären: 2004 haben wir in Bad Waltersdorf das Challenge-Programm 2005 einstimmig festgelegt, auch die Testung von 10. - 12. Jänner. Vom GAK waren Trainer Schachner und Sportwissenschafter Gorenzel, den ich sehr schätze, vertreten. Wir haben die Tests professionellst in der Halle vorbereitet und durchgeführt. Die GAK-Spieler haben den Test aufgrund von Übermüdung abbrechen müssen. In Absprache mit dem Teamchef und dem Generalsekretär haben wir die Spieler am Nachmittag nach Hause geschickt. Es hatte keinen Sinn, die Testwerte wären verfälscht gewesen. Der GAK hat sie also nicht abgezogen.

Sport1: Wo ist das Problem?

Ruttensteiner: Was ich geäußert habe, ist das: Wir sollten zum Wohle des österreichischen Fußballs zusammen arbeiten. Es war klar, dass die Testung an diesem Termin ist. Fakt ist aber, dass sie nicht testbar waren. Auf die Testung wurde keine Rücksicht genommen. Diese Kritik habe ich geäußert. Zur emotionalen Ebene: Diese vermeintliche Beschimpfung gegenüber dem GAK oder Walter Schachner ist für mich nicht existent, das hat es nicht gegeben. Ich schätze meinen Kollegen Walter Schachner, der bei uns hervorragend seine Ausbildung absolviert hat. Dass ich ihn kritisiere oder beleidige: So dumm bin ich nicht.

Das Gespräch führten Peter Rietzler und Peter Altmann

Quelle: sport1.at

Ganz nettes Interview :super:

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