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Alt werden sollen ruhig die anderen

Drogen und Selbstzerstörung: Ein totgeglaubtes Rock'n'Roll-Genre erfährt mit den Libertines eine Wiederbelebung

Von Christian Schachinger

Drogen und Selbstzerstörung: Das totgeglaubte Genre eines Rock'n'Roll, der weniger gegen die Gesellschaft als gegen sich selbst wütet,erfährt mit den britischen Libertines eine Wiederbelebung. Wie lange das deren Protagonist Pete Doherty durchhält, ist fraglich.

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Wien – Weil Franz Ferdinand gerade einen neuen Song in ihr Liveprogramm genommen und Oasis angekündigt haben, dass ihr möglicherweise nächstes Jahr erscheinendes Album das beste ihrer Karriere sein wird, hält sich die gewöhnlich einer forscheren Form des hiesigen Fellnerismus verpflichtete britische Musikpresse bezüglich chauvinistischer Hysterie noch etwas zurück. Aufmacherartikel wie jene im New Musical Express vor einigen Wochen etwa ("Warum das neue Libertines-Album unser aller Leben verändern wird!" Oder: "Die wichtigste Band unserer Generation!") müssen als relativ ausgewogen angesehen werden.

Allerdings beginnt sich die britische Yellow Press wieder einmal zunehmend für Musik mit Schwerpunkt auf deren Nebenerscheinungen zu interessieren. Handelt es sich doch bei Pete Doherty, neben Carl Barat Frontfigur der Londoner Rüpelrocker The Libertines, um das dankbarste Objekt der Berichterstattung, seit Robbie Williams ja, nein, vielleicht doch nicht wahlweise schwul oder drogensüchtig ist.

Bei Pete Doherty muss man zwar im Zusammenhang mit Sex, Drugs & Rock'n'Roll auf jeden Fall den ersten Begriff abziehen. Was aber den sonstigen Lifestyle angeht, wird hier für die Geier von der Klatschpresse seit mindestens einem Jahr regelmäßig ein Festessen aufgetragen:

Karriere am Abgrund

Heroin- und Cracksucht, Schlägereien auf der Bühne, unerlaubter Waffenbesitz, Beschaffungskriminalität mittels Einbruchsdiebstahls bei seinem besten Freund und Partner Carl Barat, während dieser sich auf Tournee mit den Libertines befindet, die Pete Doherty kurzfristig wegen seiner Sucht hat sausen lassen.

Dann wieder: Entzugskliniken und Gefängnis – und schwere Rückfälle. Zuletzt der (zwischenzeitliche) Hinauswurf aus der Band, die diesen Sommer die großen britischen Festivals mit einem Ersatzmann bespielte. Und ein Drogenkonsum, der mittlerweile pro Tag kolportierte 500 Euro verschlingt und für den sich Doherty wirre Interviews mit der Sun bezahlen lässt oder Songmanuskripte bei Dealern eintauscht. Das alles während der letzten zwei Jahre.

Zynischerweise dient all dieser traurige Medienrummel, der immer wieder die Geschichte von Freundschaft und Verrat erzählt, von Erhabenheit und Kläglichkeit, von Sieg und romantisch verklärtem Scheitern vor allem einem: Auch wenn der Mensch Pete Doherty daran zerbrechen mag – im Gegensatz zum zwar von der Kritik hochgelobten Debüt Up The Bracket (2002) und programmatischen Jahrhundertsongs wie What A Waster, No Time For Heroes oder Boys In The Band wird sich das neue Album in Großbritannien, weltweit liegen keine Zahlen vor, nicht bloß relativ enttäuschende 150.000-mal verkaufen.

Wegen Dohertys Medienpräsenz ist gerade die Single Can't Stand Me Now, Vorbote der Arbeit The Libertines (die kommenden Montag auch in Österreich veröffentlicht wird), in England von null auf Platz zwei der Verkaufshitparade geschossen.

Ob sie diesen Erfolg der darauf enthaltenen Musik verdankt, ist mehr als fraglich. Doherty mag zwar ein nach wie vor hoch begabter Musiker sein. Mit seinem Quartett steht der 25-Jährige für eine erfrischend rumpelige, raue und unbehandelt klingende Form von flotter Gitarrenschrammel-Musik zwischen der Melodienseligkeit und dem im Pub geschulten Fürwitz der Kinks in den 60er-Jahren und dem Sturm und Drang der britischen Punkhelden The Clash Ende der 70er.

Und auch jetzt hat Doherty gemeinsam mit Kosongschreiber Carl Barat und John Hassall am Bass und Gary Powell am Schlagzeug, wenn es die Umstände gerade erlaubten, unter der Produktionsregie von Clash-Gitarrist Mick Jones wieder die besten und stürmischsten, wildesten und verwegensten Songs seit ewig eingespielt.

Allerdings hört man bei den 14 neuen, entschieden der guten alten und nach wie vor äußerst charmanten Geste des Hinrotzens verpflichteten Songs, dass hier nicht nur zeitweilig privates Sicherheitspersonal im Studio beschäftigt werden musste, um die beiden kreativen Köpfe der Libertines wegen kreativer und menschlicher Differenzen auseinander zu halten.

Wie man beim lallenden und sich verschluckenden, nasenverstopften Gesang und auch bei den mitunter gar arg verstimmten Gitarren und überhaupt den oft gegen Schluss konfus endenden oder abgebrochenen Liedern mitverfolgen kann, stand nicht nur Doherty unter Einfluss von Rauschdrogen. Der Rest der Bande kann zumindest beim Heineken durchaus mithalten.

Erstaunlich, dass diese ungesunde Form von Rock'n'Roll auch dank anderer gefeierter Bands wie The Strokes wieder so gut bei der Jugend ankommt. Möglicherweise bleibt der Hang zur stellvertretend für die Hörer unternommenen Selbstzerstörung und Lebensverschwendung immer eine Option. Gerade in Zeiten, in denen man ökonomisch "funktionieren" sollte. Ein neues Lied der Libertines titelt: Road To Ruin. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2004)

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