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Gigi

Kurt Jara im Porträt

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Der Geradlinige

Wie ein grüner Junge wirkt er nun wahrlich nicht. Obwohl er sich jugendliches Aussehen bewahrt hat. Dazu der schelmische Blick, den Schulkinder aufsetzen, wenn sie etwas ausgefressen haben. So präsentiert er sich beim Interview, wenn die Zeit zurückgedreht scheint. Gut 20 Jahre zurück, als er in Duisburg und Schalke zauberte. Einer aus der Garde der Spaßfußballer, für den die Unterhaltung des Publikums ebenso wichtig war wie Punkte. In der Bundesliga ist er kein unbeschriebenes Blatt. Und doch fühle er sich manchmal so, sagt Kurt Jara. "Wie ein grüner Junge eben, so bin ich hier empfangen worden."

Hier, in der Fußball-Großmacht Deutschland. Er, der belächelte Österreicher, seine Erfolge als Trainer in der Schweiz und in seinem Heimatland waren nichts mehr wert. "Ich musste mir wieder alles erarbeiten. Akzeptanz und Respekt." Ein Prozess, der schmerzte. Da redeten und schrieben sie über Magath, den Meister in Stuttgarts Traumfabrik, da huldigten sie in der Pfalz dem Belgier Erik Gerets, der neuen Kultfigur. Und Jara? Seinen Siegeszug mit Hamburg blendeten sie weitgehend aus. "Manchmal", so Sportchef Dietmar Beiersdorfer, "hätte ich ihm mehr Aufmerksamkeit gewünscht."

Doch Jara ist nun mal keiner der Lauten im Lande. Für ihn zählt das Tun auf dem Trainingsplatz. Also blieb Kurt, der standfeste Tiroler Junge, sich selbst treu. "Ich musste und wollte mich nicht verändern, mich nicht verbiegen." Er fühlt sich bestätigt, sagt mit Genugtuung: "Es geht auch auf diesem Weg. Auch so kann ich hier Erfolg haben."

Der verstorbene Hennes Weisweiler, sein Trainer in Zürich, war sein Mentor, sein Lehrmeister, sein Fixpunkt. "Wie hätte Weisweiler reagiert?", fragt sich der Hennes-Jünger häufig. "Sensationell" habe Weisweiler in bestimmten Situationen agiert. Das sei angewandte Psychologie, Menschenkenntnis und Mannschaftsführung. "Ich will nicht der Kumpel der Spieler sein, aber ein guter Kommunikator", sagt Jara. Auf jeden Einzelnen einzugehen, dies versuche er. Viel Freiraum lässt er seinen Profis, was Bernd Hollerbach bestätigt: "Er setzt auf Eigenverantwortung."

Unlängst sprach Jara davon, die HSV-Elf "geheilt" zu haben. Vom Bazillus der Überheblichkeit, der Nachlässigkeit, des Selbstzufriedenseins. Eingeimpft habe er ihnen diese "neue Mentalität", dieses "permanente Gewinnen-Wollen". Mit einem Resultat, das sich sehen lassen könnte: "Ich habe nun die richtigen Typen beisammen. Wir spielen punktuell schon auf hohem Niveau. Vor allem in Bezug auf Organisation, Engagement, Überzeugungskraft." Oft fehle noch Cleverness, Geduld im Spiel, Abgeklärtheit und Courage auswärts, sagt der 52-Jährige, der als Verfechter der "kontrollierten Offensive" gilt.

Jaras Handschrift ist erkennbar. Ein Generationswechsel, symbolisiert durch Benjamin und Maltritz. Auftrag erfüllt: Die Mannschaft zu verjüngen und nach vorn zu bringen. "Einer musste es tun", so Jara. "Ich habe die Idole gekappt." Angefangen bei Yeboah, fortgesetzt bei Töfting und Panadic, beendet bei Albertz, dem phänomenalen Fehlgriff. Der Trainer, anerkennt Bernd Hollerbach, "geht auch an die Großen ran." Dies wird registriert, ebenso wie das Aussortieren seiner Landsleute Kitzbichler und Baur. Den Vorwurf der Kumpanei hat Jara erst gar nicht aufblitzen lassen. "Profis reagieren sensibel. Bevorzugt der Trainer jemanden, ist er zum Scheitern verurteilt."

Alles tue er im Sinne der Mannschaft, behauptet Jara. "Mich können sie ruhig auspfeifen. Mich haben schon 100 000 ausgebuht, es hat mich nicht gestört. Doch wenn die Pfiffe negative Auswirkungen auf die Elf haben, muss ich reagieren." Unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet der fesche Innsbrucker gewiss nicht. Bezeichnend für seine Selbstsicherheit, wie er sich verhielt, als im Spätherbst der Tiefpunkt erreicht war. Kurt, der Geradlinige, blieb seiner Devise treu, handelte wie immer, änderte kaum etwas. Cool wie ein Eisblock, was Beiersdorfer als Fähigkeit ("Er hat nie den Überblick verloren.") rühmt. Der Glaube an die eigene Stärke half ihm als Krisenmanager. "Ich allein", wiederholt Jara das damals praktizierte Lebensmotto, "komme immer durch."

Kurt Jara ist einer, der seinen Weg geht. "Dieser Weg ist ja kein schmaler Grat", so der seit 1968 im Fußball tätige Mann, "sondern eine Straße, oft zweispurig, so dass ich ausweichen und Slalom fahren kann. Entscheidend ist, dass ich nicht im Graben lande."

Seine Lebensphilosophie in Kurzform. Dieser Kurt Jara ist eben alles andere als ein dummer grüner Junge.

(kicker.de)

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