Geschrieben 23. August 2011 - 19:27
Hallo an Alle.
Ich habe mir jetzt seit einiger Zeit dieses Forum durchgelesen und habe mich dazu entschlossen, mich mit meinen Ideen, Ansichtsweisen und Überlegungen in die oft sehr interessanten Diskussionen über meine vielgeliebte Rapid einzubringen. Auf gut Wienerisch gesagt: „Ab jetzt gebe ich auch meinen Senf dazu!“
Zuerst kurz zu mir bzw. zu meinem Werdegang als Rapidfan. Es war Anfang der 80iger Jahre und ich war noch ein relativ kleiner Knirps und ehrlich gesagt hatte ich da noch keine Ahnung von „tuten und blasen“. Doch war es, dass mich der SK Rapid, die Spielweise, dieser Mythos schon damals faszinierte und ich mit dem Rapidvirus infiziert wurde. Übrigens gab es damals in meinem Umkreis entweder nur Rapid oder Austria, wobei die Mehrheit der Leute grün weiß waren. Nur vereinzelt verirrte sich ein Austrianer in unsere Nachbarschaft, der dann gnadenhalber von der Mehrheit akzeptiert, aber nicht wirklich ernst genommen wurde. Alle anderen Vereine galten höchstens als Statisten für die Österreichische Liga. Ja, es waren die Spiele von Rapid Anfang der 1980er mit einem Team rund um Spielern wie Panenka, Brucic, Krankl oder Krancjar, die einem mit der Zunge schnalzen ließ. Legendär sind ja vor allem die Europacuppartien. Es passierte dabei nicht selten, dass man das volle Gänsehautfeeling hatte. Einfach, weil es geil war. Seit dieser Zeit bedeutet im Fußball Rapid alles für mich. Kein FC Barcelona, kein Real Madrid, kein Man U, kein Bayern oder sonst irgendein Verein dieser Welt kann in mir diese Emotionen wecken, wie eben der SCR. Andere Spiele werden halt „konsumiert“ und halt so nebenbei mitgenommen. Aber nur bei einem Spiel von Rapid (und sei es nur ein Cupspiel gegen einen Viertligisten) wird diese spezielle Emotion geweckt.
Ich will jetzt nicht mehr länger über die guten alten Zeiten reden, denn auch zu dieser Zeit gab es oft empfindliche, ja sogar blamable Vorstellungen gegen unseren violetten „Lieblingsgegner“. Und ich möchte jetzt auch nicht mehr länger auf die Verfassung meiner, unserer Rapid als Gesamtes eingehen, denn das würde wohl den Rahmen sprengen. Nur so viel möchte ich dazu bemerken. Der Verein Rapid hat es meiner Meinung nach verabsäumt, sich moderne, den heutigen Ansprüchen entsprechende Strukturen zuzulegen. Es wirkt für mich so als ob der Verein mit seinem gewaltigen Potential noch immer wie ein Schrebergartenverein geführt wird. Wenn die Strukturen nicht mal grundlegend geändert werden, wird es für uns (Rapid) langfristig immer schwieriger, am Ende einer Saison ganz vorne zu stehen, ganz zu schweige überhaupt mitzuhalten.
Nun jetzt aber zum Grund, warum ich mich jetzt dazu entschlossen habe, mich in den Diskussionen einzubringen. Die Derbyniederlage bzw. die nachfolgende Diskussion ist meiner Meinung nach dazu der ideale Zeitpunkt: Ich könnte jetzt über die Taktik oder die Form bzw. Qualität der Spieler schreiben und diskutieren. Aber ich denke, dass wurde gerade auf diesem Thread schon lang und breit durchdiskutiert. Übrigens denke ich, dass die Qualität des Kaders auf jeden Fall für die Top 3 in Österreich reicht.
Was ich jetzt aber ansprechen möchte, ist die psychologische Komponente. Herr Schöttel meinte nach dem Match, dass den Spielern das nötige Selbstvertrauen fehlte. Nun ja, das stimmt ganz bestimmt. Nur erinnere ich mich an das Interview im ORF mit Herrn Schöttel vor dem Spiel. Seine ganze Körpersprache, die Haltung zeigte nur eines: Angst, Angst vor einer Niederlage. Angst vor einer Blamage?!. Seine Schultern waren eingezogen. Der eh schon schlanke Herr Schöttel wirkte noch viel dünner. Wie ein Strich in der Landschaft. Als wollte er sich verstecken. Auch was immer er sagte (ich habe nicht zugehört weil seine Körpersprache sowieso was anderes mitteilte), er wirkte nicht authentisch und er wirkte ohne jegliches Selbstvertrauen. Nun frage ich mich: Wie soll eine Mannschaft, in der vor allem viele junge, unerfahrene Spieler dabei sind und routinierte Spieler seit Monaten ihrer Form nachlaufen, vollgepumpt mit Selbstvertrauen sein, wenn der Coach dieses Selbstvertrauen nicht vorlebt? Leider gibt es ja nicht viele Spieler, die mit einem gesunden Selbstvertrauen ausgestattet sind. (Der einzige der letzten Jahre, der mir einfällt, ist Stefan Maierhofer. Fußballerisch ja nicht gerade begnadet, aber sein Selbstvertrauen wurde dadurch nicht gemindert.) Es ist also umso mehr die Aufgabe des Trainers und des gesamten Trainerteams, durch ein selbstbewusstes Auftreten der Mannschaft vorzuleben, dass man als Team „sehr gut“ ist. Die Spieler sollten mit breiter Brust aufs Spielfeld laufen und von Anfang an der gegnerischen Mannschaft zeigen, dass man sich seiner eigenen Stärken und Qualitäten bewusst ist. Ein Paradebeispiel ist für mich Rieds Trainer Gludovatz. Ja, er ist ein Taktikfuchs. Aber viel mehr beeindruckt mich seine Körpersprache. Wenn man ihn beobachtet, dann erkennt man, dass er volles Vertrauen (Selbstvertrauen) in sein Team hat. Er wirkt wie ein Fels in der Brandung und die vorwiegend jungen Spieler aus Ried können sich schon alleine daran aufbauen indem sie kurz zu ihm blicken. Er wirkt in sich ruhend, zufrieden und zuversichtlich. Und vertrauend, dass sein Team ein gutes Spiel macht.
Im Leistungssport (ja, ich zähle den Profifußball dazu) ist das Level und die Qualität schon so weit entwickelt sodass man sich nur mehr bei einzelnen Faktoren (im mentalen Bereich aber auch bei der Taktik) verbessern kann. Und das ist das Problem meiner Meinung nach. Es wird (im Fußball generell aber auch bei Rapid) zu wenig Aufmerksamkeit auf die mentale, psychologische Komponente Wert gelegt. Man braucht sich nur das Beispiel der österreichischen Schispringer ansehen. Seit Jahren fliegen sie der Konkurrenz um die Ohren. Das ist aber nicht, weil sie physisch so viel besser sind. Es ist die mentale Stärke und dieses unglaubliche Selbstvertrauen, das sie von Sieg zu Sieg führt. Alexander Pointner und sein Trainerteam haben erkannt, dass auf einem gewissen Level im Spitzensport nur mehr im mentalen Bereich Verbesserungen möglich sind. Und das setzte er dann auch um.
Hier komme ich nun wieder zurück zu meinem Kritikpunkt bezüglich falscher Strukturen im Verein. Meiner Meinung nach müssten bei einem Verein wie Rapid Psychologen bzw. Mentaltrainer ganz normale Teile eines funktionierenden Vereinsgefüges sein. Ich frage mich immer wieder warum es dazu kommt, dass eigentlich gute Spieler bei Rapid nicht das abrufen können, was sie bei anderen Teams schon gezeigt haben. Es liegt wohl an der zu hohen Erwartungshaltung im Umfeld bzw. auch beim Spieler selbst. Das ist auch der Grund, warum ich es begrüßen würde, wenn neue, vor allem junge Spieler in den ersten Monaten (ja vielleicht auch in der ersten Saison) von einem Mentaltrainer bzw. Psychologen begleitet würde. Man darf nicht vergessen: Fußballer sind auch nur Menschen und keine Maschinen.
Ein weiterer Punkt, den ich ansprechen möchte: Mir fällt auf, dass bei vielen Spielern die (sport)motorischen Fähigkeiten total beschränkt sind. Gute Fußballer zeichnet aus, dass sie mit dem ganzen Körper Fußball spielen und nicht nur mit den Füssen bzw. Beinen. Warum wird da nicht angesetzt? Warum werden nicht Trainingsmethoden im Trainingsplan aufgenommen, die nicht der traditionellen Fußballübungslehre entsprechen? Dabei denke ich vor allem an Yoga, Pilates, Chi gong, Tai Chi, Aerobic oder sogar Tanzchoreographien? Ich glaube, dass solche Trainingseinheiten, die diese für Fußballer „exotischen“ Sportarten einbeziehen sehr viel für den einzelnen Spieler (motorisch aber auch mental gesehen) bringen könnten. In diesem Fall ist aber auch die Selbstverantwortung der Spieler gefordert. Keinem Spieler ist es ja verboten, in seiner „Freizeit“ sich mit solchen „exotischen“ Sportarten zu befassen.
Meiner Meinung nach müsste vieles im Fußball ganzheitlicher gesehen werden. Dazu bedarf es aber das Aufbrechen verkrusteter und traditioneller Strukturen, dass man „um die Ecke“ denkt und Dinge bzw. Ansichten hinterfragt, die jahrzehntelang als unverrückbar galten.
Das wären nun mal meine wichtigsten Gedanken. Tut mir leid, dass es so ein langer Text wurde. Ich verspreche, dass ich mich in Zukunft kürzer halten werde. So: jetzt könnt Ihr mich zerreißen und meine Anschauungen kritisieren☺