Der Verlust der europäischen Vormachtstellung
#1 OFFLINE
Geschrieben 24. June 2010 - 22:37
Viel wurde auch immer wieder über die mangelnde Qualität diverser Teilnehmer an Weltmeisterschaften gesprochen. Vor allem die Europäer, verwöhnt von diversen Europameisterschaften, hätten lieber den einen oder anderen Exoten weniger untergehen gesehen in den letzten Jahren. Doch gerade diese Europäer schwächeln 2010 in einem ungewohnten Ausmaß. 2006 kam noch mehr als jedes zweite Team im Achtelfinale aus Europa, und standen sogar zu 3/4 europäische Teams im Viertelfinale und nur Europäer im Halbfinale. Trotz der hohen Anzahl an Teilnehmern der UEFA war Europa 2006 bereits im Achtelfinale verhältnismäßig überrepräsentiert.
2002, als der Titelverteidiger ein letztes Mal gesetzt war, nahmen sogar 15 Mannschaften aus Europa an der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea teil, wieder qualifizierte sich mehr als die Hälfte für das Achtelfinale, neun um genau zu sein. Im Viertel- und Halbfinale hatte sich die Anzahl auf vier bzw. zwei jeweils halbiert (auch verursacht durch seltsame Schiedsrichterentscheidungen), dennoch war es immer noch eine leichte europäische Dominanz zu spüren, auch wenn der Titel verdient an Brasilien ging.
1998, erstmals mit 32 Teams, kann überhaupt als eine Stärkedemonstration Europas angesehen werden. Zehn von achtzehn Teams im Achtelfinale von der UEFA gestellt, wie 2006 mussten nur vier europäische Teams nach der Vorrunde nachhause fahren: Belgien, Spanien, Schottland und Österreich. Auch sechs von acht Teams im Viertelfinale und drei von vier im Halbfinale kamen aus Europa. Der Titel ging damals ebenfalls an Europa, Gastgeber Frankreich ließ dem Titelverteidiger Brasilien im Finale keine Chance.
1994 namen nur 24 Mannschaften an der Weltmeisterschaft teil, dennoch waren 13 europäische Teams am Start, mehr als jedes zweite Team in den USA kam damit aus Europa. Und auch damals wieder standen zehn europäische Teams im Achtelfinale. Obwohl sich sechs davon gegenseitig duellierten waren im Viertelfinale nur noch Vertreter der UEFA übrig geblieben, mit einer Ausnahme, dem späteren Weltmeister Brasilien, der im Achtelfinale den Gastgeber nach hause vor die Fernseher schickte.
Wer sich jetzt über die verhältnismäßig hohe Repräsentanz europäischer Mannschaften bei der WM auf dem nordamerikanischen Kontinent gewundert hat, dem sei gesagt, dass 1990 sogar 14 aus 22 Mannschaften aus Europa kamen, darunter auch wieder einmal Österreich. Im Achtelfinale standen, richtig, zehn europäische Mannschaften, nicht darunter war Österreich. Und während sich Kamerun ins Viertelfinale tanzte, so spielten sich die Europäer wieder fast alleine die Weltmeisterschaft unter sich aus. Sechs Mannschaften im Viertelfinale, drei im Halbfinale, nur Argentinien hatte etwas gegen die europäische Dominanz und schlich sich ins Finale ein, das jedoch gegen Beckenbauers Elf verloren ging.
1986, als das erste Mal ein Achtelfinale ausgespielt wurde, zeigte sich bereits das Bild, das die Jahrzehnte darauf folgen sollte (mit der minimalen Abweichung von 2002), zehn Teams aus Europa im Achtelfinale, fünf aus acht im Viertelfinale und drei aus vier im Halbfinale. 1982, 1978, etc. spielte man ein anderes System, jedoch auch damals war die UEFA die dominierende Fraktion im Weltfußball.
Will man ein Weltmeisterschaftsfinale ohne europäische Beteiligung finden, so muss man sehr weit zurückgehen, bis zur ersten Weltmeisterschaft nämlich. Damals, 1930, am 30. Juli, da standen sich das Gastgeberland Uruguay und der farbengleiche Nachbar Argentinien gegenüber. Da drehte Uruguay einen 1:2 Rückstand zur Pause noch in einen bejubelten 4:2 Heimerfolg vor fast 70.000 Zuschauern um. Und Europa musste zusehen, denn der letzte europäische Vertreter wurde im Halbfinale von Uruguay mit einem 6:1 aus dem Stadion entlassen. Und trotz dieser Niederlage für die Länder, die sich später unter dem Dach der UEFA zusammen finden sollten, war es der Anfang einer Dominanz im Weltfußball für Europa. Nie wieder sollten die Europäer in einem Finale unbeteiligt sein und keine Mannschaft des eigenen Kontinents beim Spielen über das Radio lauschen oder über den Fernseher bewundern können.
Kenner der Fußballgeschichte werden mir jetzt wohl widersprechen wollen, 1950 in Brasilien, im Estádio Municipal do Maracanã, da war doch etwas. An die 200.000 Zuschauer sollen damals doch anwesend gewesen sein, als der heute 83-jährige Alcides Edgardo Ghiggia den Ball zum 2:1 für Uruguay über die Linie beförderte und den Außenseiter zum Weltmeister machte. Richtig, totalmente correcto, aber es war damals kein richtiges Finale. Zum Finale wurde es nur zufällig, da die Auslosung der Vierer-Endrunde dieses Begnung für den letzten Spieltag vorsah. Ein richtiges Finale war es also nicht, parallel spielten nämlich zwei weitere Mannschaften ein schon bedeutungsloses Spiel. Es handelte sich dabei, wie sollte es anders sein, um zwei Mannschaften aus Europa, Schweden und Spanien.
Und 2010? Da droht alles anders zu werden, eine richtige Blamage könnte auf Europa zukommen. Von den bisher zwölf qualifizierten Achtelfinalisten kommen nur vier aus Europa und diese treffen im Achtelfinale auch noch jeweils aufeinander. Bei den ausstehenden zwei Gruppen ist Portugal auf gutem Weg sich zu qualifizieren, allerdings droht ein weiteres europäisches Duell gegen Spanien oder die Schweiz, die sich noch beide qualifizieren können. Im besten Fall werden also sieben europäische Mannschaften im Achtelfinale stehen, so wenige wie noch nie seit der Einführung des Achtelfinale. Gibt es morgen einen GAFU (Größter Anzunehmenen Fußball-Unfall), dann stößt keine weitere Mannschaft der UEFA ins Achtelfinale vor. Denn theoretisch kann die Elfenbeinküste noch Portugal überholen und können Chile und Honduras die Europäer zum sofortigen Flugticketkauf zwingen. Anzunehmen ist jedoch, dass Portugal auch bei einer Niederlage gegen Brasilien ins Achtelfinale aufsteigt und zumindest einer aus Spanien und der Schweiz ebenfalls weiter kommt.
Fest steht auf jeden Fall, dass ein Semifinalist nicht aus Europa kommen wird, denn Uruguay und Südkorea bzw. USA und Ghana spielen sich untereinander den ersten Halbfinalplatz für Kapstadt aus. Und dann wären da noch die bisher überzeugenden Brasilianer, die im Viertelfinale des linken Flügels auf den einzigen verbliebenen Vertreter Europas treffen würden, sofern sie nicht selbst im Achtelfinale gegen den zweiten der Chile/Spanien/Schweiz-Gruppe untergehen. Und im rechten Flügel? Da dürfen sich Deutschland und England gegenseitig eliminieren um dann auf den Sieger aus Argentinien und Mexiko zu treffen. Vor allem Diegos Mannen konnten bisher starke Leistungen bieten und alle drei Gruppenspiele gewinnen, das wäre sicherlich keine leichte Aufgabe für den europäischen Vertreter, wer auch immer sich durchsetzen würde. Und dann bliebe vielleicht noch ein inneriberisches Duell im Achtelfinale und den anschließenden Aufstieg ins Halbfinale gegen einen nicht-europäischen Vertreter, denn weder Paraguay noch Japan spielen seit neuesten bei der UEFA mit.
Natürlich ist die WM noch nicht zu Ende gespielt und am Ende kann alles ganz anders kommen als man denkt. Von einem europäischen Finale bis zu einer Verbannung Europas zur Zuschauerrolle bereits in den Halbfinalen ist noch alles möglich. Eins scheint sich jedoch abzuzeichnen, die Dominanz des europäischen Fußballs auf der internationalen Bühne der Weltmeisterschaften ist geschwächt. Am Profitieren davon ist Amerika. Zwei von drei Vertretern der CONCACAF stehen bereits im Achtelfinale, Honduras hat immerhin am letzten Spieltag noch theoretische Chancen. Aus der CONMEBOL könnte sich Chile noch verabschieden, Uruguay, Brasilien, Argentinien und Paraguay sind bereits für die nächste Runde qualifiziert, sollte Brasilien morgen nicht gegen Portugal verlieren, dann sogar alle vier als Gruppensieger. Chile bräuchte für den Aufstieg und den Gruppensieg im letzten Spiel gegen Spanien nur einen Punkt. Richtig, eine Watsche für die UEFA bahnt sich an.
#2 OFFLINE
Geschrieben 24. June 2010 - 23:07
Es werden einfach die Niveauunterschiede zwischen den Spitzenteams und den restlichen Mannschaften bei einer WM immer kleiner, genau das selbe was sich auch seit Jahren im Clubfussball abzeichnet. Und klarerweise profitieren davon Länder die mehr oder weniger mittlerweile einen garantierten Startplatz in ihren Kontinentalverbänden haben (Mexiko, USA, Japan, Südkorea, usw.) natürlich am meisten, einfach da der Grossteil der Spieler dieser Teams schon Weltmeisterschaftserfahrungen haben und auch in Europa spielen. In diese Kategorie würden, wenn sie sichs nicht jedesmal selbst schwer machen würden, ebenfalls auch Kamerun und Nigeria fallen. In Südamerika schafft man es zumeist mit einer halbwegs vernünftigen Quali ebenfalls problemlos zur WM, da Venezuela, Bolivien und Peru seit Jahren einfach zu schwach sind um ernsthaft mitzuspielen. Die restlichen 5 Verbände spielen sich eben einfach 2 Fixplätze und einen Barrageplatz hinter Argentinien und Brasilien aus.
Wer weiss was die Russen, Ukrainer, Kroaten, Schweden, Tschechen, Bosnier oder Iren heuer erreichen hätten können ?
Dieser Beitrag wurde von ianrush bearbeitet: 24. June 2010 - 23:24
#3 OFFLINE
Geschrieben 24. June 2010 - 23:08
damals wurde mmn auch technisch schönerer aber auch über weite strecken dilletantischer fußball gespielt. es wurde alles weiterentwickelt. an diesen entwicklungen kann jeder teilhaben, auch der unterbrunner seppi der die u12 von hosenbodenvolldorf trainiert. ausserdem wird heutzutage vieles über atlethik wettgemacht. wenn zb griechenland sich zu einem titel mauern kann, kann das auch südkorea mmn, sie müssen halt 90 minuten laufen, laufen, laufen und hoffen, dass sich irgendwann ein konter ausgeht oder sie machens wie japan per standard...
ich bin leider zzt ziemlich verwirrt, werde das überschlafen und morgen nochmal weiter ausführen. sehr interessante thematik!
PS: vlt sind wir (europäer) auch einfach übersättigt? weniger wir als die spieler. wenn man sich das feuer in den nicht-europäischen manschaften ansieht, kommen mir die "unsrigen" eher lustlos vor. wenig euphorie, eher ein zwangseuphorismus.
#4 OFFLINE
Geschrieben 24. June 2010 - 23:25
Und selbst wenns die sich andeutende Watschn für die UEFA gibt, würd ich noch nicht zu viel Wert drauf legen. In 4 Jahren kann das wieder ganz anders ausschaun.
#5 OFFLINE
Geschrieben 24. June 2010 - 23:32
ianrush sagte am 24. June 2010 - 23:07:
Es werden einfach die Niveauunterschiede zwischen den Spitzenteams und den restlichen Mannschaften bei einer WM immer kleiner, genau das selbe was sich auch seit Jahren im Clubfussball abzeichnet. Und klarerweise profitieren davon Länder die mehr oder weniger mittlerweile einen garantierten Startplatz in ihren Kontinentalverbänden haben (Mexiko, USA, Japan, Südkorea, usw.) natürlich am meisten, einfach da der Grossteil der Spieler dieser Teams schon Weltmeisterschaftserfahrungen haben und auch in Europa spielen. In diese Kategorie würden, wenn sie sichs nicht jedesmal selbst schwer machen würden, ebenfalls auch Kamerun und Nigeria fallen. In Südamerika schafft man es zumeist mit einer halbwegs vernünftigen Quali ebenfalls problemlos zur WM, da Venezuela, Bolivien und Peru seit Jahren einfach zu schwach sind um ernsthaft um die Quali mitzuspielen. Die restlichen 5 Verbände spielen sich eben einfach 2 Fixplätze und einen Barrageplatz hinter Argentinien und Brasilien aus.
Wer weiss was die Russen, Ukrainer, Kroaten, Schweden, Tschechen, Bosnier oder Iren heuer erreichen hätten können ?
Deiner These kann ich durchaus einiges abgewinnen, in Zeiten der immer globalisierteren Welt erscheint es auch nur logisch, dass sich das Fußballungleichgewicht irgendwann ausgleicht. Und genau das erleben wir anscheinend jetzt gerade in Südafrika. Bleibt abzuwarten ob es vorläufig ein einmaliges Ereignis sein wird, oder in Brasilien seine Fortsetzung findet.
Ich finde es ja sehr positiv, dass dies geschieht, Diskussionen über die "unnötigen" WM-Teilnehmer sollten damit der Vergangenheit angehören, wenn die Slowakei und Paraguay im Achtelfinale stehen und dafür Italien und Frankreich sich längere Ferien gönnen dürfen.
Freut mich, dass die Diskussion angenommen wird.
Neocon sagte am 24. June 2010 - 23:25:
#6 OFFLINE
Geschrieben 24. June 2010 - 23:44
Und natürlich haben viele europäische Mannschaften diesemal einfach einen grauenhaften Fussball gespielt. An was das wirklich liegt, ob nun einer Formschwäche, einer langfristige Verschiebung im Weltfussball, den überlangen europäischen Saisonen oder doch, dass der Ball laut Mehmet
Aber wiest schon gesagt hast, warum sollte sich der Fussball eine Globalisierung entziehen können.
Dieser Beitrag wurde von ianrush bearbeitet: 24. June 2010 - 23:54
#7 OFFLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 07:38
das starke auftreten von japan und südkorea hat mich ebenfalls nicht überrascht, die haben einfach inzwischen eine enorme WM-erfahrung. wurde eh von ianrush bereits erwähnt.
im übrigen glaube ich, dass die diskussion um einen tag zu früh kommt, wenn heute spanien und schweiz statt chile aufsteigen (und das ist ja durchaus möglich), schaut die lage schon wieder deutlich anders aus.
-------------- ASB sezione phlegmatiker - ORTSGRUPPE OTTAKRING
#8 OFFLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 09:10
heutzutage kann auch der ahnungsloseste teamchef eines exotischen staates vorm match im ASB die passende aufstellung klauen.
die vormachtstellung seh ich dennoch erst verloren, wenn es über mehrere weltmeisterschaften so weitergehen würde. schwächere generationen oder unglückliche umstände können leicht mal bei ein paar nationen drunterrutschen, kann mir ja keiner sagen, dass zb. die franzosen nicht mehr mehr potenzial haben und sich daran gewöhnen müssen. spätestens nach 2018 (wohl wieder in europa) muss man halt den thread wieder updaten.
btw: da angesprochen wurde, dass zb. die asiaten jetzt schon über mehr wm-erfahrung verfügen und sich besser anstellen als früher - das könnte ich mir bei manchen europäern aber auch noch vorstellen (z.b. serbien oder so, vielleicht entwickeln sich auch auf unserem kontinent noch nationen weiter)
mir gefällt die vielfalt grundsätzlich. (solang von den europäern die richtigen früher rausfliegen...)
Zitat
#9 OFFLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 10:31
Sicherlich sind die Südamerikaner einfac dominant, die haben, wenn ich mich nicht verzählt habe, ganze 2 (!!) Tore in der Gruppenphase bekommen (vor den ausstehenden letzten Spielen von Chile/Brasilien).
Wobei die Südamerikaner eigentlich immer stark sind, weil sie auch mMn immer ihre stärksten Teams schicken. Der europäische Qualimodus mit Auslosung in Gruppen+Barrage ist da doch mit einer größeren Schwankung verbunden, auch wenn eben die Versager die Qualität absolut gehabt hätten.
#10 OFFLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 14:29
jimmy1138 sagte am 25. June 2010 - 10:31:
Sicherlich sind die Südamerikaner einfac dominant, die haben, wenn ich mich nicht verzählt habe, ganze 2 (!!) Tore in der Gruppenphase bekommen (vor den ausstehenden letzten Spielen von Chile/Brasilien).
Wobei die Südamerikaner eigentlich immer stark sind, weil sie auch mMn immer ihre stärksten Teams schicken. Der europäische Qualimodus mit Auslosung in Gruppen+Barrage ist da doch mit einer größeren Schwankung verbunden, auch wenn eben die Versager die Qualität absolut gehabt hätten.
#11 OFFLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 14:57
-------------- ASB sezione phlegmatiker - ORTSGRUPPE OTTAKRING
#12 OFFLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 17:09
raumplaner sagte am 25. June 2010 - 14:57:
#14 ONLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 21:46
#15 OFFLINE
Geschrieben 25. June 2010 - 21:48
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