Drei Mal Rapid gegen Celtic, Sperren, Geldstrafen, ein Fan im Gefängnis, eine Delegation im Käfig: Das war der heiße Herbst 1984.
Die Bilder der turbulenten Begegnungen zwischen Rapid und Celtic
Everton gewann 1985 im Finale des Europacups der Cupsieger gegen Rapid in Rotterdam 3:1. Weder Celtic Glasgow noch Rapid hätten sich diesen Pokal verdient. Mangels Fairness.
Und das kam so:
- Wien, 24. Oktober 1984 Rapid gewinnt gegen Celtic im Hanappi-Stadion 3:1.
- Glasgow, 7. November Im Rückspiel im Parkhead Stadium, heute Celtic Park, damals wie heute von den Fans "Paradise" genannt, nimmt einer der ärgsten Fußball-Skandale seinen Lauf. Der Hauptschuldige ist zweifelsfrei Schiedsrichter Kjell Johansson.
Doch im letztklassigen Umgang mit dem Versagen des damals 44- und heute 69-Jährigen Postbeamten aus Halmstad in Schweden übertrumpfen einander Fans, Betreuer und Spieler, sowie schließlich auch UEFA-Funktionäre.
- 36. Minute Lainer wird ohne Ball gefoult, bleibt liegen, Celtic erzielt beinahe das 2:0.
- 40. Minute Foul ohne Ball; Brauneder bleibt liegen.
- 50. Minute Noch in der willkürlich verlängerten ersten Hälfte erzielt Celtic das 2:0, während Brauneder wieder verletzt am Boden liegt.
- 62. Minute McStay steigt Brucic auf den Kopf. Johansson steht daneben, pfeift nicht, lässt sich von Kienast zum Freistoß überreden.
- 71. Minute Burns springt Rapids Ersatztormann Ehn mit gestreckten Beinen an, verletzt ihn an der Hand, angelt sich den Ball, schießt das 3:0. Kienast wird wegen angeblichen Revanchefouls ausgeschlossen, zerreißt die Rote Karte in kleine Stücke.
- 77. Minute Ehn foult Burns, Johansson lässt weiterspielen, der Linienrichter überredet ihn zum Elfer. Während der Diskussionen wird Weinhofer (erst knapp davor statt Pacult eingetauscht) von einem Gegenstand getroffen. Krankl glaubt an einen Schmäh und sagt: "Rudi, bleib' liegen." Weinhofer blutet scheinbar, wird rausgetragen. Rapid darf nicht mehr wechseln. UEFA-Beobachter Claessen, Träger einer dicken Krankenkassabrille, überredet die Rapidler, nicht abzutreten. Unten in den engen Celtic-Katakomben, schlägt der Rapid-Arzt dem honorigen 70-Jährigen aus Bonn wenig später die Tür des Massage-Zimmers vor der Nase zu.
Mir leider auch, obwohl ich bis dahin vorgedrungen war, indem ich den Celtic-Ordnern etwas vom Roten Kreuz vorgeschwindelt hatte. Hat an diesem heißen Herbstabend irgendjemand die Wahrheit gesagt?
Ich jedenfalls nicht.
Den überforderten UEFA-Mann verwickle ich in ein Gespräch: "Rapid hätte gute Chancen mit einem Protest, wenn die Mannschaft abgetreten wäre", sagt er, ohne zu wissen, dass er mit einem Reporter (damals für Die Presse) spricht.
- Etwa 100. Minute Der Schotte Grant verschießt draußen nach fünfzehn Minuten Unterbrechung einen weiteren Elfer. Das Raunen dringt bis an die Kellertür, hinter der Weinhofer gerade "behandelt" wird. Rapid verliert 0:3 und scheidet aus. Rechnerisch.
- 121. Minute Ohne Verlängerung! Mit Schlusspfiff macht sich Weinhofer - abgeschirmt von Betreuern mit sichtbarem Turban und unsichtbarem Maulkorb - aus dem Staub. Noch heute antwortet er auf Reporterfragen sinngemäß: "Ich will darüber nicht reden. Es ist lang her. Ich kann mich nimmer g'scheit erinnern."
* » Interview: Feurer: "Ich habe noch nie so viel Hass erlebt"
Rückflug
Der Arzt berichtet von einer "ordentlichen Platzwunde", Rapid-Sekretär Franz Binder, der den Koffer mit den Match-Einnahmen stets unversichert mit Handschellen am Handgelenk und mit einer Smith & Wesson in der Westentasche auf die Bank trug, spricht von einer Whisky-Flasche Marke "White Label". Auch eine kleine Notlüge? Mit "white label" werden Produkte ohne Etikett (Anm.: z. B. schwarz gebrannte Schnäpse) bezeichnet.
Nachspiel
Zwei Flaschen werden gefunden. Hundert Meter von Weinhofers "Liegeplatz" entfernt. Bierflaschen übrigens. Ein Feuerzeug und ein paar Münzen (Anm.: die Half-Pounds-Münzen sind achteckig, schwer und dick) kämen als Verursacher von Cuts infrage. Aber keine Flasche, von der einige Reporter drei Tage, andere sogar 25 Jahre später noch überzeugt sind.
In britischen Zeitungen, sogar auf der BBC- Homepage, wird hingegen von damals bis heute über einen "vorgespielten Zwischenfall" berichtet. Dies ist von der Wahrheit noch weiter entfernt als die Rapid-Version.
* » Hintergrund: Die Neuauflage: Celtic gegen Rapid
Zürich, 16. November Rapid wird zu einer Geldstrafe von 131.750 Schilling (9575 €) verurteilt. Rapids Protest gegen das 0:3 wird - laut UEFA - einstimmig abgelehnt. Die nächste Lüge. 2:5 lautet das tatsächliche Abstimmungsergebnis. Trainer Otto Baric wird wegen ungebührlichem Benehmen für drei Spiele gesperrt,
Kienast für vier. Celtic kommt mit 110.000 Schilling (8000 €) davon. Und protestiert gegen die milde Bestrafung Rapids.
Ein Fehler. Bis dahin hatte sich die UEFA auf die Seite des einflussreichen Insel-Fußballs geschlagen. Präzedenzfälle wie der Dosenwurf gegen Inter-Spieler Boninsegna, der 1971 zum Wiederholungsspiel gegen Mönchengladbach geführt hatte, blieben unbeachtet.
Zürich, 23. November Jetzt schmollen die UEFA-Granden: In der Berufungsverhandlung hebt der Tessiner Richter Zorzi das Urteil auf, ordnet ein Wiederholungsspiel an, erhöht aber die Geldstrafe um weitere 80.000 Schilling (5800 €).
Da hatte Peter Pacult schon seinen Urlaub auf Mauritius gebucht. Und der in Zürich anwesende Zeuge Hans Krankl wollte in Abano Terme eine Kur machen. Doch beide mussten nach Manchester. Zum nächsten Skandal.
Manchester, 12. Dezember Rapid tritt im Old Trafford in roten Dressen an. Fast in ManU-Trikots. Schon damals eine Provokation?
18. Minute Pacult gelingt ein sehenswertes Kontertor, nachdem der Schotte Aitkin aus einem Meter nur die Rapid-Stange getroffen hatte. Es bleibt das goldene Tor.
64. Minute Feurer, der in Glasgow noch wegen einer Zahnoperation gefehlt hatte, steht wieder statt Ehn im Tor, wo er von einem Celtic-Fan attackiert wird. "Funki", wie er genannt wird, bleibt eiskalt.
93. Minute Schlusspfiff. Auch Pacult bleibt cool, nachdem er im Abgang von einem später überwältigten Hooligan niedergeschlagen wurde.
Nachspiel
Wie Raubtiere im Zirkus wird die Rapid-Delegation inklusive Reporter vom Stadion zum Bus geleitet. Durch einen Käfig-Gang, der eiligst aus dem Gefängnis "Strangeway" herbeigeschafft wurde. Wahrlich ein "strange way". Celtic-Fans rütteln an den Gittern und zischen "Cheat, cheat!" (Übersetzung: Schummler oder Betrüger.) Das ohrenbetäubende Flüstern der aufgebrachten Menge klingt bedrohlich und gespenstisch zugleich.
Rotterdam, 15. Mai 1985 Die Rapidler werden nach Siegen über Dynamo Dresden und Dynamo Moskau im Mai beim Finale in Rotterdam erneut mit "Cheat, Cheat !"-Rufen empfangen.
Erst dort endet der steinige Höhenflug einer kämpferisch unerreichten Rapid-Elf. Immerhin mit dem bis heute einzigen Tor eines österreichischen Klubs in einem Europacup-Finale (Endstand 1:3; Torschütze zum 1:2 Krankl).
Brüssel, 29. Mai 1985 Die Hilflosigkeit der Klubs, der UEFA und der Polizei gegen die progressive Fan-Gewalt eskaliert zwei Wochen später im Heysel-Stadion. 39 Tote beim Meistercup-Finale Liverpool gegen Juventus. Eine Katastrophe, die das Antlitz des Fußballs nachhaltig entstellt. Hätte die Heysel-Schande verhindert werden können? Vielleicht ja, wenn ein halbes Jahr davor bei Celtic gegen Rapid die Zeichen richtig gedeutet worden wären.
Artikel vom 26.09.2009 17:03 | KURIER | Jürgen Preusser