Thema: Interview mit Andy Marek
"Ultras geben klare Linie vor"
Rapid-Stimme und Klubservice-Leiter Andy Marek exklusiv im sportnet.at-Interview über Fans, Polizei, Anti-Rassismus und Politik, falsche Annahmen über England und das gar nicht so neue Pyro-Gesetz.
sportnet.at: Nach dem vergangenen Wiener Derby gab es Zusammenstöße mit Festnahmen – wie oft hast du Rapid-Fans eigentlich schon aus Schwierigkeiten geholfen?
Andy Marek: „Sehr oft. Das ist aber auch meine Aufgabe. Fanarbeit ist nicht nur, Autogrammstunden zu organisieren und einen Fanclub zu besuchen, sondern hat auch damit zu tun, sich um Probleme zu kümmern. Das kann auch heißen, Leuten zu helfen, dass sie rauskommen, nicht festgenommen werden oder was auch immer.“
Was hat sich in dem Jahr seit der Causa Koch bewegt?
„Definitiv passiert ist, dass die Derbys im Stadion seit Koch sehr, sehr gut verlaufen sind. Jeder – egal ob im Stadion oder am TV – hat gemerkt, dass es Derbystimmung war, aber keine Ausschreitungen gab. Nach dem letzten Derby hat einer zu mir gesagt: Da ist aber geschimpft worden! Ja, klar, das ist bei Derbys auf der ganzen Welt so. Aber es hat früher Derbys gegeben, da hast du dich im Stadion nicht wohl gefühlt, weil Angst da war, Aggression da war, vor allem mit diesem Böllerzeug. Das ist seit dieser Koch-Geschichte viel besser geworden. Aber wir müssen immer intensiv daran arbeiten“
Kennt Rapid den Böllerwerfer?
„Nein. Und Jeder der Fans auf beiden Seiten weiß, dass es irgendwann diese im Raum stehende Verlegung des Derbys ins Happel-Stadion geben kann – und die will natürlich niemand. Daher wirken schon die Fanclub-Chefs auf ihre Leute ein. Es könnte ja auch so weit kommen, dass irgendwann einmal die gegnerischen Fans nicht mehr dabei sein dürfen wie in Athen.“
Eine Folge der Koch-Geschichte ist ja das in Entstehung befindliche Pyro-Gesetz. Was ist die Rapid-Meinung dazu?
„Dass Pyrotechnik nicht erlaubt ist, ist ja kein neues Gesetz. Wogegen ich persönlich striktest bin, ist das Böllerwerfen und sind Leuchtraketen. Das ist extrem gefährlich und gehört strengstens verboten. Ansonsten muss man sich das Gesetz dann anschauen, es liegt ja noch nicht vor.“
Rapid-Fans sehen das eher anders, wenn man sich Transparente ansieht wie „Wir scheißen auf euer Geschwätz zum Pyro-Gesetz“. Bei der Austria gab es sogar eines mit dem Wortlaut: „Für Gewalt und Pyro“. Was macht der Fanbetreuer in solchen Fällen?
„Die Frage ist, wie viel man gewinnen kann durch provokante Transparente? Zu glauben, dass man da der Sieger wird, ist wahrscheinlich nicht richtig.“
Wie weit hast du da Einfluss?
„Ich kann und wir können versuchen, Dinge in den Griff zu bekommen, die im Entstehen sind. Aber es gibt natürlich viele Themen, an die wir trotz aller Erfahrung nicht denken und wo wir dann auch überrascht sind.
Wie zum Beispiel vom „Polizisten sind Mörder“-Transparent in Ried?
„Ja, an so was denkt ja keiner! Natürlich war es auch für mich überraschend, dass das so schnell gehen kann, dass ein junger Mensch erschossen wird. Aber das daraus so ein Auftritt wie der in Ried entstehen kann – daran habe ich nicht gedacht und das hat auch nichts mit Fußball zu tun. Dass wir in einem freien Land sind und der Fall aufgeklärt gehört – keine Frage! Aber die Wortwahl war eine ganz schlechte.“
Wie weit kannst du dich da durchsetzen?
„Es gab schon Themen, wo wir uns zusammengesetzt haben und ich gesagt habe: Was soll das bringen? Und dann haben sich manchmal auch Meinungen geändert. Aber es gab auch Themen, von denen ich sie nicht abgebracht habe. Das war zum Beispiel die „Scheiß-Euro“. Das war deren Meinung, und irgendwann muss man auch eingestehen: Sie dürfen ihre Meinung kundtun.“
Sind das im Prinzip die Ultras oder kleinere Gruppierungen? Im austriansoccerboard gab es da kürzlich eine Rassismus-Debatte rund um die Flotown Boys, wo die Emotionen auch sehr hoch gegangen sind.
„Ein einzelner Fan wird aus einer Geschichte, die ihm persönlich nicht taugt, sicher nicht diese große Bühne bekommen. Aber die Fanclubs sprechen sich schon untereinander ab. Die Einstellung zum Pyrotechnik-Gesetz stammt also sicher nicht nur von einer Gruppe.“
Der Fanpolizist Christian Doneis hat zu uns unter anderem gesagt, es sei auch eine Frage der Verantwortung des Vereins – es käme darauf an, wo ein Verein klare Grenzen setzt. Wo sind diese Grenzen bei Rapid?
„Ich finde, er macht es sich ein bisschen einfach, wenn er sagt, dass die Grenzen vom Verein aufgezeigt werden müssen. Klar ist zum Beispiel: Wenn jemand einen Böller wirft, gibt es 2 Jahre Stadionverbot. Aber oft sieht man ja erst im nachhinein, dass da eine Grenze war, die überschritten worden ist. Wir reden von so vielen Gruppierungen, von Menschen mit sozialen Problemen, die nichts zu verlieren haben. Klar kann ich Grenzen aufzeigen – aber es gibt immer wieder Ausreißer, die völlig überraschend sind. Dieses pragmatische So-ist-es-und-nicht-anders spielt es deshalb nicht, weil wir auch eine Verantwortung haben gegenüber den Fans. Ich wünsch mir keinen Verein, der sagt: Sitzen – und dann müssen wir sitzen. Und dann dürfen wir einmal aufzeigen, weil wir möchten etwas sagen.
Das spielt es ja nicht in der Realität – oder der Fußball wird damit hingemacht. Oder ich hab so viel Kohle wie die Oligarchen dieser Welt, dass ich eine Bühne biete, wo ich zum Zuschauer sage: Du sitzt, du bist ruhig, dafür kriegst du den Drogba. Das wollen wir so auch nicht!“ „Ich möchte, dass wir bis zu einem gewissen Grad Verantwortung für die Fans haben. Das hat natürlich seine Grenze. Wenn irgendwer mit einem Rapidschal vermummt in Grammatneusiedl eine Bank überfällt, kann man sicher nicht Rapid zur Verantwortung ziehen. Aber wir müssen unsere Verantwortung 365 Tage im Jahr wahrnehmen. Ich selber habe im Vorjahr 81 Fanclubs besucht. Da gibt es unkomplizierte, wo die Brettljause am Tisch steht und über die Schuhgröße vom Maierhofer geredet wird, aber es gibt auch die, die sich mit anderen Themen auseinandersetzen und wo du sehr intensiv arbeiten musst. Da treffen ja auch Generationen aufeinander, mit völlig unterschiedlichen Interessen.“
Der Fan-Kapo und Vorstandsmitglied von Wacker Innsbruck, Martin Weberberger, sagt ja: Verglichen mit Italien gibt es bei uns keine Ultras. Was sagt man dazu?
„Unsere Ultras-Gruppierung ist eine sehr starke, in allen Belangen. Sei es in ihrer Organisation, bei der Choreographie-Entwicklung etc. Da sind sie weit über die Grenzen hinaus bekannt und haben auch Preise bekommen. Auch der Auftritt der Menge ist sehr beeindruckend, das sind ja 400-500, das ist kein Häuferl.“
Weberberger meinte, Ultra-sein heißt, komplett anarchistisch zu leben – und das würde man in Österreich keine zwei Wochen schaffen.
„Vielleicht findet die Anarchie in Österreich auch nicht so einen fruchtbaren Boden wie in Ländern mit weit größeren sozialen Problemen?“
Welche Rolle spielt die politische Komponente? Der Austria-Fanbeauftragte Martin Schwarzlantner hat vor kurzem im sportnet-Interview offen gesagt: Ja, es gibt rechtsradikale Fans bei der Austria.
„Das ist bei uns gar kein Thema. Wir sind sehr froh, weil hier die Ultras eine ganz, ganz, ganz klare Linie vorgeben. Vor 2 Jahren hat zum Beispiel so ein Verwirrter versucht, an Hitlers Geburtstag so einen Fetzen aufzuhängen – der ist in der Sekunde draußen gelegen und nicht vorher höflich ersucht worden, das Areal zu verlassen.“ „Aber es ist zwischen dem SK Rapid und den Fans immer ein Geben und Nehmen. Wer glaubt, er kann nur nehmen, wird nicht gewinnen, und das gilt auch für die Fans. Die müssen auch gewisse Zugeständnisse machen, und wir müssen es auch.“
In England scheinen die „erlebnisorientierten“ Fans wieder etwas hochzukochen. Da gab es zum Beispiel die Riesenschlägerei bei Westham gegen Millwall. Befürchtest du solche Entwicklungen auch für Europa und Österreich?
„Nein, das glaube ich gar nicht. Über die Ausschreitungen bei Westham gegen Millwall war ich schon überrascht. Sogar ich weiß, dass dieses Spiel ein ganz heißer Tanz ist. Dass es gerade bei so einem Spiel zu diesen Szenen kommen kann, kann ich überhaupt nicht verstehen. Da spielen zwei Mannschaften gegeneinander, die sich über Jahrzehnte nicht mögen und dann können die Fans drei Mal aus Spielfeld kommen – das kann ja nicht sein. Das wäre so, als würde man beim Wiener Derby auf Sicherheitsvorkehrungen vergessen und wir wären alle auf Urlaub.“
Die englischen Medien schrieben nach dem Spiel in Birmingham: "Wenn es von den Fans abhinge, wäre Rapid im Champions-League-Finale"Wie ist überhaupt dein Bild von Fußball-England?
„Man muss das schon zurecht rücken. Dieses wunderbare Fußballland, wo du keine Karte kriegst – das ist doch alles Blödsinn! Die Engländer haben einmal mitgekriegt, was Stimmung und Enthusiasmus ist, als sie unsere Fans gesehen haben!
Und ich habe gesehen, wie die Stadien jenseits der Top 4 da drüben halbleer sind. Da kriegst du ganz leicht eine Karte, und dann sitzt du auf einem Platz, darfst keine Zigarette haben, darfst kein Getränk haben, und wenn du aufstehst, weil ein Tor gefallen ist, dann sagt gleich einer: Sit down! Das ist ja weit weg von dem, was wir wollen. Wir wollen genau das Gegenteil. Wir wollen das Erlebnis Fußball forcieren!“
Und was war gut?
„Was mir gut gefallen hat, war der Einsatz der Polizei. Der war sehr höflich und gentleman-like, und da ist mir vorgekommen, dass das gar nicht schlecht angekommen ist. Vielleicht war es auch eine Ausnahme. Und ich hoffe sehr, dass wir eine sehr negative und größer werdende Entwicklung stoppen können, und das ist die „ACAB“-Geschichte (Anm. d. Red.: steht kurz für „All Cops are Bastards“). Das erreicht europaweit eine ungute Dimension und man muss aufpassen, dass das nicht irgendwann einmal zum Super-GAU wird. Da entsteht eine Frontstellung und ein Aufschaukeln an einer Stelle, wo gegenseitiger Respekt besser wäre. Und in so einer Sache kann es nie einen Gewinner geben, da verlieren alle. Es muss sich ja keiner mit dem anderen verhabern.“
sportnet.at