290.000 Euro für Walter Mayer
Schweigegeld oder Memoiren – wofür hat die zentrale Figur des Doping-Skandals von Turin 2006 so viel Geld erhalten?
Werner Franke ist a) Dopingexperte, und b) ein Mann der klaren Worte. Den jüngsten Beleg dafür lieferte der Professor aus Heidelberg nach dem Ende der Sommerspiele von Peking. Elftausend Athleten, nur zehn positive Dopingfälle. "Das ist die größte weltweite Volksverdummung und Völkerverdummungsaktion, die man im Sport bisher gesehen hat", tönte er. "
Wer zu den Spielen fährt und positiv ist, der kann nur ein Volltrottel sein." Kurz und gut:
Zahnlos sei das Kontrollsystem, doppelbödig der sportpolitische Wille zur Aufklärung. Das kann doch nicht wahr sein. Oder doch?
Frankes Wutausbruch animiert zu einem Blick zurück, in eine Zeit, als die Dummheit in die Spielmacherrolle schlüpfte. 2006, die Winterspiele in Turin. Als das kleine Österreich plötzlich groß in die Weltnachrichten rückte. Sogar die New York Times berichtete seitenweise über die filmreifen Szenen, die da im Italo-Austria-Western zum Besten gegeben wurden.
Razzia im Langlauflager, fliehende Betreuer, ein amokfahrender Trainer (Walter Mayer), Verfolgungsjagden, demolierte Polizei-Autos, es folgten gesperrte ÖSV-Athleten und "eine Blutspur", die laut ÖSV-Präsident Schröcksnadel "nach Wien führt".
Im Jänner 2008 veröffentlichte der KURIER einen Brief von Dick Pound, in dem der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) das Wiener Institut Humanplasma als potenziellen Umschlagplatz für Blutmanipulationen bezeichnete. Seither ist wenig passiert. Fehlt also doch der sportpolitische Wille zur Aufklärung?
Kann sein. Und doch gibt es neue Fakten, die für einen Knalleffekt sorgen. Dem KURIER liegt ein Dokument vor, laut dem Walter Mayer, in Turin die Zentralfigur der Doping-Affäre, ein Jahr nach der Razzia eine schöne Stange Geld erhalten hat.
Fahrplan
290.000 Euro, festgelegt in einem "FAHRPLAN" der Zusammenarbeit, vereinbart zwischen Walter Mayer und Erwin Roth, Direktor der Erwin Roth d.o.o. mit Sitz in Split, Kroatien. Das 290.000-Euro-Papier wurde am 5. Februar 2007 unterzeichnet.
Von Walter Mayer, einem vom Skiverband gefeuerten und vom Internationalen Olympischen Komitee geächteten Trainer, der seit der Blutbeutel-Affäre von Salt Lake City (2002) unter besonderer Beobachtung gestanden war. 290.000 Euro. Und wofür?
Buchrechte
"Herr Walter Mayer überträgt sämtliche publizistische Verwertungsrechte für Printmedien, elektronische Medien, Film und Fernsehproduktionen an die Erwin Roth d.o.o."
Klingt spannend. Ein Buch- oder Filmprojekt, ein Dossier über ein Dopingparadies in Rot-Weiß-Rot mit Infos aus erster Hand? Wenn, ja wenn Mayer jemals geplaudert hätte. Doch dieser hat sich im selben Papier zum Schweigen verpflichtet. Denn Reden war nicht einmal Silber.
Punkt 2 des Vertrages legt dem langjährigen ÖSV-Direktor nämlich unter anderem auf, "ab Unterzeichnung dieser Vereinbarung keine Interviews, Fernsehauftritte etc. zu tätigen". 290.000 Euro also. Wofür denn jetzt?
Fest steht, dass die 290.000 Euro von der Erwin Roth d.o.o. auf zwei Mayer-Konten geflossen sind. Ein erster Teil auf ein Durchlauf-Konto (3333-2) der Raiffeisenbank Kuchl, ein zweiter zur Raika Radstadt-Untertauern-Filzmoos.
290.000 Euro also. Von der Firma eines Mannes, der immer wieder als IOC-Lobbyist in Erscheinung tritt und auch zuletzt in Peking eine Nahbeziehung zu ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth pflegte – man saß gemeinsam im Österreicher-Haus. Von Erwin Roth, der auch bei der Salzburger Bewerbung 2014 dabei war, mit IOC-Granden verkehrt und offizielle Olympia-Publikationen herausgibt.
Erschütterung
Das wirft Fragen auf: Will so jemand tatsächlich einen mutmaßlichen Doping-Drahtzieher in dessen Memoiren zu einem Outing bewegen, das die olympische Bewegung womöglich in ihren Grundfesten erschüttern würde?
Führt der Kauf der Mayer-Memoiren zur Veröffentlichung und Aufdeckung der Hintergründe dieser Doping-Szene, die in Österreich ein- und ausgegangen sein soll?
Verursachen die Mayer-Memoiren ein Walter-Gate? Oder können alle beteiligten Sportler, Betreuer, Ärzte und Krankenschwestern beruhigt sein, weil diese 290.000-Euro-Zahlung zum genauen Gegenteil führt?
Dann nämlich, wenn mit Schweigegeld an Mayer endgültig der Mantel des Vergessens über diese blutige Causa gelegt werden sollte?
Anruf
Als Freitag ruchbar wurde, dass der KURIER die Zahlung an Mayer recherchiert, meldete sich plötzlich ÖOC-Freund Erwin Roth und meinte, "eine Zahlung an Walter Mayer seitens des ÖOC ist nicht passiert. Das ist ferner der Wahrheit". Samstag war Roth für eine ergänzende Stellungnahme zu dem Vertrag vorerst nicht erreichbar.
Interessant jedenfalls: Österreich soll Anfang 2007 der Ausschluss von Olympia gedroht haben. Am 5. Februar 2007 unterzeichnete Mayer das 290.000-Euro-Papier. Drei Tage später zog derselbe Mayer die Klage gegen IOC-Chef Rogge und WADA-Chef Pound zurück. So ein Zufall.
